Thomas Fricke

Kriegsfolgen für die Wirtschaft Als wüssten wir, wie schlimm uns ein Importstopp für Putins Gas träfe

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Deutsche Ökonomen streiten gerade, wie tragbar ein Abdrehen russischer Gaslieferungen für die Wirtschaft wäre – als könnte man das so einfach berechnen. Ein Fall von Selbstüberschätzung?
Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1

Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1

Foto: Stefan Sauer / dpa

Die einen werfen den anderen vor, sie machten schlicht Panik, betrieben wahlweise Lobbyarbeit für die Industrie oder Ökonomie nach Bauchgefühl – und übertrieben jedenfalls maßlos, was es für Deutschland hieße, jetzt den Import von Gas und Öl aus Russland  zu stoppen. Worauf die anderen zurückschimpfen: Die Kollegen hätten die falschen Modelle und unterschätzten, wie dramatisch schlimm es bei so einem Stopp wirtschaftlich wirklich für uns würde. So ähnlich war auch die Position der Regierung in den vergangenen Wochen.

Gut möglich, dass es auf dem einen oder anderen Weg jetzt ohnehin zu just diesem Importstopp kommt – und sei es, weil Wladimir Putin es gerade provoziert, indem er Gas und Öl nur noch gegen Rubel abgeben will . Gut möglich auch, dass die Wahrheit dann irgendwo in der Mitte der vermeintlich stark auseinanderdriftenden Einschätzungen liegt, was die Folgen für Wirtschaft und Menschen in Deutschland angeht. Der dramatische Absturz der Geschäftserwartungen, den die Ifo-Forscher schon für die ersten Kriegswochen in der deutschen Wirtschaft registriert haben, lässt nur Schlimmeres befürchten.

Ein bisschen gruselig ist nur schon jetzt, mit welcher Verve manche Ökonomen mithilfe von scheinbar exakten Modellrechnungen gerade Politiker zu treiben versuchen, die nach aller Erfahrung mit Krisen vor allem eins sind: Schätzungen. Was für diejenigen dann eben doch einen Unterschied macht, die derzeit so gravierende Entscheidungen zu treffen haben – und danach auch die Verantwortung zu tragen.

Modellrechnungen hin, Modellrechnungen her

Natürlich lässt sich in Modellrechnungen mit etlichen wirtschaftlichen Variablen mathematisch besser abschätzen, ob nun der Ausfall von Chemiebetrieben infolge des besagten Importstopps von Gas im Gesamtmaßstab der deutschen Wirtschaft stark oder weniger stark ins Gewicht fällt. Und es lässt sich auch ein Eindruck davon gewinnen, wie viel Energie womöglich einzusparen wäre – und wie sich das auf unterschiedliche Sektoren rechnerisch auswirkt. Und wie sich ausfallende Lieferungen ersetzen lassen – statistisch.

Dabei kommt nach den vermeintlich optimistischen Schätzungen heraus, dass die deutsche Wirtschaftsleistung bei so einem Gas-Importausfall aus Russland zwischen 0,3 und 3,0 Prozent schrumpfen könnte – was im Vergleich auch nicht mehr sei als in der Coronakrise (eher weniger).

Kann sein. Kann nur auch sein, dass es anders kommt und es doch nicht so harmlos ausgeht – anders, als es das vermeintlich hart zu Berechnende an so einer Modellkalkulation der Modellrechner vermuten lässt.

Auch der Vergleich mit dem Corona-Crash von 2020 ist natürlich wackelig. Zwar fiel damals das Bruttoinlandsprodukt noch stärker – ohne dass es danach zu Massenarbeitslosigkeit kam. Nur war das ja eher so eine Art Kurzstopp. Damals blieb unter dem Eindruck des ersten Pandemieschocks und aus Angst vor einem Virus das Wirtschaftsleben für eine Zeit stehen; es gab weder Inflation noch große Strukturbrüche und geopolitische Zeitenwenden. Die Annahme lag nahe, dass für das Gros der Wirtschaft nach dem zeitweisen Luftanhalten die Nachfrage bald nachgeholt würde. Auch wenn sich die vollständige Erholung seither hinzieht, weil immer neue Coronawellen folgten, Lieferketten dadurch zeitweise immer wieder unterbrochen wurden und dies zu ersten Inflationsschüben beitrug, wäre das ohne Krieg vermutlich jetzt bald vorbei gewesen. Zumal sich die Menschen in ihrem Verhalten an die Coronapandemie gewöhnt haben.

Die Gefahr einer Eskalation mit strukturellen Folgen scheint größer

Nun geht es um einen Krieg, der zu eskalieren droht, und um die politisch wie militärisch brisante Beschleunigung eines strukturellen Wandels – weg von einer Wirtschaft, die von fossilen Energien zu einem Großteil aus Russland abhing. Und da auch nicht wieder hin zurückkommen wird. Kein Kurzstopp. Das heißt nicht, dass deshalb alles zusammenbricht. Die Gefahr einer Eskalation mit strukturellen Folgen scheint nur größer als bei einem Virus.

Wenn die eher beschwichtigenden Modellanhänger den Skeptikern gerade Ökonomie nach Bauchgefühl unterstellen, hat das etwas ungewollt Kurioses. Es mag angesichts der mathematisch ausgefeilten Modelle antiquiert erscheinen, darauf hinzuweisen: Aber es ist nach aller Erfahrung auch anno 2022 noch so, dass Wirtschaft zu einem Teil Psychologie ist – und sich die menschliche Psyche nach wie vor schwer in mathematische Modelle packen lässt. Menschlich gut so, für manche Ökonomen schwer erträglich. Die Ökonomie ist ja unter anderem deshalb auch keine exakte Wissenschaft.

Wie langjährige Auswertungen ergeben, liegen Konjunkturexperten in Normalzeiten gar nicht so schlecht – anders, als die gängige Häme vermuten lässt. Erfahrene Prognostiker können das Bruttoinlandsprodukt in aller Regel dann ziemlich gut vorhersagen. Was daran liegt, dass dann per Definition auch die langjährig beobachteten Wirkungsketten in einer Wirtschaft stabil funktionieren – und entsprechend vorhersehbar sind: Wird mehr konsumiert, gibt es auch mehr Investitionen, mehr Jobs und damit mehr Steuereinnahmen und so weiter.

Das Drama der Prognostiker: Schocks und die menschliche Psyche

Das Drama der Prognostiker setzt immer dann ein, wenn die Konjunktur kippt – und es kriselt. Oder Schocks passieren, die es bisher nicht gab – und die stark auf die kollektive Psyche wirken. In solchen Momenten lässt die Treffsicherheit rapide nach. Das liegt daran, dass vieles von dem, was Unternehmen und Verbraucher dann machen, von Angst bestimmt ist – und rasch krisenhafte Eigendynamiken einsetzen, die im Modell schwer vorhersehbar sind. Und auch daran, dass gelegentlich die Theorie nicht stimmt.

Das Ding ist, dass nichts weniger normal ist als das, was gerade in Europa passiert – was denn sonst? Und dass selbst in weniger historisch dramatischen Phasen über eine so große Volkswirtschaft hinweg immer wieder alle möglichen, oft stark psychologisch getriebenen Wirkungsketten beginnen. Ein Beispiel: Wenn ein Chemiewerk vorübergehend schließen muss, wie bei einem Gasimportstopp zu erwarten ist, zieht schon das eine ganze Reihe von Reaktionen nach sich. Sei es dadurch, dass die Beschäftigten, wenn sie auf Kurzarbeit sind, ihren geplanten Kauf eines neuen Autos oder Hauses zurückstellen, was dann wiederum in Branchen zurückwirkt, die gar nicht vom russischen Gas abhängen. Wobei das auch davon abhängt, wie stark kollektiv die Psyche wirkt – und ob der Nachbar auch schon anfängt, sein Autoprojekt aufzugeben. Menschlich. Und schlecht modellierbar.

Mag sein, dass all das immer noch aufzufangen ist, indem bei entsprechend einsetzender Rezession die Regierung wieder großzügig Kurzarbeit fördert – oder Staatshilfen für wankende Konzerne bereitstellt. Gut möglich auch, dass in der kommenden Zeit viele öffentliche Investitionen in die Energiewende und Klimarettung helfen, der Wirtschaft neuen Schub zu geben.

Wer weiß, wie schwierig es ist, die Konjunktur in solchen Momenten zu prognostizieren, wird nur davor vorsichtig(er) sein, sich hier allzu weit mit scheinobjektiven »Berechnungen« festzulegen. Zumal es eben anders als in der Pandemie gerade zu viel tief greifenderen strukturellen Umbrüchen kommen wird – und die Kriegsangst auch eine Menge Unternehmen dazu bringen könnte, größere Aufträge und Investitionen erst einmal wieder zurückzustellen. Und das selbst dann, wenn sie vom russischen Gast gar nicht direkt abhängen.

Worauf dann setzen?

Auch da helfen irgendwann die schönsten Modellrechnungen nicht mehr. Wenn es selbst anno 2022 noch so schwierig ist, Konjunktur in Krisen gut vorauszuahnen, bestätigt das eher das, was der britische Ökonom John Maynard Keynes schon vor langer Zeit befand, »das Interpretieren ökonomischer Entwicklungen in seiner höchsten Form erfordert eine Kombination aus logischem Denken, Intuition und eine Menge von Fakten«. Und Demut, wenn es darum geht, in kritischen Zeiten voraussagen zu wollen, wie schwach oder stark so eine Krise zu werden droht.

Die besten Prognosen der Konjunktur kommen auch nicht von denen mit den größten Modellen, sondern von Leuten, die das seit langer Zeit machen. Und die besten von ihnen warnen, wie Carsten Klude von MM Warburg, gerade eher vor den Risiken.

Natürlich macht all das in der aktuellen Kriegsdramatik einen Unterschied. Wenn sich die wirtschaftlichen Folgen eines Importstopps aus Russland gut verkraften ließen, ist das politisch eher vertretbar, als wenn in ein paar Monaten die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei anhaltender Inflation drastisch zu steigen begänne. Wenn so eine Rezession an Fahrt gewinnt, lässt sie sich auch durch Kurzarbeit nicht mehr so leicht stoppen. Und: Immerhin müsste so eine Sanktion gegenüber Wladimir Putin im Zweifel auch ein, zwei Jahre durchgehalten werden – wenn der russische Präsident sich dadurch eben doch nicht so schnell beeindrucken und stoppen lässt.

Womit man dann allerdings bei der Frage ist, die kein noch so gutes Ökonomiemodell beantworten kann: Was Putin vorhat – zumal der russische Präsident zur Finanzierung des Kriegs auf die Öl- und Gaseinnahmen gar nicht angewiesen ist. Und ob er bereit ist, den Krieg schier endlos nach Westen auszuweiten. Dann würde ein Importstopp ihn entweder auch nicht mehr stoppen; oder er würde ihn stoppen – und dann wäre angesichts eines möglicherweise abgewendeten Weltkriegs egal, wie teuer das nach Modellkalkül oder Intuition wirtschaftlich käme. Lässt sich in der Not auch finanzieren. Das müssen dann allerdings Politiker und Militärexperten und Kreml-Deuter entscheiden. Ohne Modell.

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