Wirtschaft in der Türkei Erdogans Achillesferse

Mit der unmäßigen Reaktion auf den Putschversuch verschreckt der türkische Präsident Erdogan internationale Investoren. Der wirtschaftliche Schaden könnte ein hohes Risiko für ihn bedeuten.

Recep Tayyip Erdogan
REUTERS/ Presidential Palace

Recep Tayyip Erdogan

Eine Kolumne von


Geld ist Macht. Wer auf das Geld anderer Leute nicht angewiesen ist, braucht sich auch nicht groß darum zu scheren, was andere so von einem denken.

Russlands Präsident Wladimir Putin zum Beispiel konnte vor gut zwei Jahren ziemlich bedenkenlos die Krim einnehmen: Sein Land erwirtschaftet seit Langem stattliche Überschüsse gegenüber dem Rest der Welt. Auf die Gunst internationaler Finanziers ist Putin nicht angewiesen. Die Sanktionen, mit denen der Westen reagierte, schmerzten Russland zwar, aber die Wirtschaft war und ist von einem Kollaps weit entfernt.

Wer hingegen auf das Geld anderer angewiesen ist, sollte es sich besser nicht mit ihnen verscherzen. Die Macht des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist deshalb begrenzt: Er braucht das Vertrauen internationaler Investoren. Seit er 2003 die Regierung übernahm, verzeichnet die Türkei Jahr für Jahr hohe außenwirtschaftliche Defizite. Das geht solange gut, wie das Geld weiter fließt. Reißt der Kapitalstrom irgendwann ab, drohen ernste Verwerfungen.

So gesehen ist Erdogans unmäßige Reaktion auf den Putsch vom vorigen Wochenende ein ökonomischer Großversuch mit hohem Risiko.

Entsprechend nervös reagierten vorige Woche die Börsen: Die Aktiennotierungen sind weggebrochen, insgesamt um zwölf Prozent. Der Kurs der türkischen Lira fällt. Die Zinsen steigen sprunghaft. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit der Türkei heruntergestuft.

Balanceakt am Bosporus

Eine Momentaufnahme, natürlich. Aber die weiteren Aussichten sind alles andere als beruhigend. Denn die aktuellen Entwicklungen verschärfen einen Trend, der sich schon seit Jahren abzeichnet.

Über lange Zeit ist Erdogan ein Balanceakt gelungen. Dass die Wirtschaft wuchs und der Wohlstand immer mehr Menschen zugute kam, half ihm, Wahl um Wahl zu gewinnen. Seit seinem Amtsantritt ist die Wirtschaftsleistung pro Kopf um mehr als 40 Prozent gestiegen, wie die OECD berechnet hat. Erkauft wurde die positive Entwicklung allerdings mit einer immer weiter steigenden Auslandsverschuldung, die die Volkswirtschaft anfällig für Stimmungsumschwünge auf den Weltmärkten macht.

Die Crux: Je mehr Erdogan die Freiheit in seinem Land einschränkt, desto mehr trüben sich die längerfristigen Wachstumsaussichten ein - desto schlechter sind auch die Chancen für Investoren, ihr Geld zurückzubekommen.

Im internationalen Ranking des US-Thinktanks Freedom House ist die Türkei seit 2011 immer weiter abgerutscht. Insbesondere mit der Pressefreiheit ist es nicht mehr weit her: Schon vor dem Putschversuch wurden Journalisten verhaftet, häufig mit dem Hinweis, sie hätten Terroristen unterstützt. Regierungskritische Tageszeitungen und Fernsehsender wurden kurzerhand verstaatlicht, Internetseiten blockiert.

Beides geht auf Dauer kaum zusammen: Unfreiheit gefährdet den Wohlstand. Was in rohstoffreichen Ländern wie Russland oder den Golfstaaten noch funktionieren mag, nimmt komplexeren Volkswirtschaften ihre Lebensenergie. Eine innovative Wirtschaft ist ohne freie Meinungsäußerung schwerlich denkbar.

Ein Konflikt, der seit einiger Zeit auch China plagt. Ohne unabhängige Presse macht sich Korruption breit. Kaum verwunderlich, dass die Türkei auf dem Index der Nichtregierungsorganistation Transparency International jüngst abgerutscht ist.

Gesucht: Anschlussfinanzierung in großem Stil

Durch den Putschversuch und die Reaktionen darauf hat sich die Lage noch einmal drastisch verschärft: Indem Erdogans Regierung nicht nur die Presse, sondern auch die Hochschulen gängelt und Akademiker am Reisen hindert, riskiert sie die ökonomische Zukunft des Landes. Kreativität und Innovation sind die Treiber für den Aufstieg in höherwertige Wertschöpfungsstufen. Ohnehin ist das Bildungsniveau in der Türkei im OECD-Vergleich niedrig. Der aktuelle Angriff auf die geistige Freiheit verschlimmert die Lage noch.

Kurzfristig stellt die hohe Auslandsverschuldung das größte Risiko dar: Standard & Poor's kalkuliert, dass die türkische Wirtschaft in den kommenden zwölf Monaten 42 Prozent ihrer internationalen Kredite refinanzieren muss. Ob das gelingt, sei nach dem Putsch mit größeren Fragezeichen versehen. (Achten Sie auf den Zinsentscheid der US-Notenbank Fed am Mittwoch.)

Die türkische Notenbank verfügt zwar noch über einiges an Devisenreserven. Doch die Rücklagen schrumpfen, weil die Notenbank versucht, den Verfall des Wechselkurses zu bremsen. Schon im Frühjahr warnte der Internationale Währungsfonds, die Türkei müsse ihre Devisenreserven deutlich aufstocken, um wirklich auf der sicheren Seite zu stehen.

Rückkehr der Freiheit - oder: Spirale der Repression?

Im Prinzip gibt es zwei Szenarien für die türkische Wirtschaft. Entweder die verschärfte Repression bleibt eine Episode; Panik und Paranoia, ausgelöst durch den Putsch und die permanente Terrorbedrohung, weichen einem weicheren Kurs. Dann hätten Erdogan und seine Regierung die Chance, ihr bisheriges Modell in die Zukunft zu retten.

Oder der Türkei droht eine Rezessions-Repressions-Spirale: Eine akute Kapitalflucht stoppt das Wirtschaftswachstum; die Arbeitslosigkeit steigt. Der Wechselkurs verfällt immer weiter. Teurere Importe beschleunigen die Inflation. Die Bürger verlieren einen Teil ihres Wohlstands. Unmut macht sich breit, worauf die Regierung mit immer drakonischeren Maßnahmen reagiert. Die ökonomische Krise könnte somit den Weg in die Ditkatur ebnen.

Ein schlechtes Szenario. Nicht nur für die Türkei selbst, auch für den Westen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

München - Stimmungstest - Der Juli-Ifo-Geschäftsklimaindex soll Aufschluss darüber geben, wie die neuen Unsicherheitsmomente - Brexit, Terror, Türkei - bei Deutschlands Managern ankommen.

Philadelphia - Letzte Hoffnung Hillary - Die Demokraten beginnen ihren Wahlparteitag. Falls sich Kandidatin Hillary Clinton bei den US-Präsidentschaftswahlen im November nicht gegen Donald Trump durchsetzen sollte, wird der Westen in seiner bisherigen Form aufhören zu existieren.

DIENSTAG

Gmund - Seehofer ante portas - Das bayerische Kabinett trifft sich zur Klausurtagung - reichlich Gelegenheit für den Bayern-Regenten, sich in Szene zu setzen.

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Apple, Michelin, Orange, BP, Eli Lilly, McDonald's, Caterpillar, Twitter, 3M, MTU Aero Engines.

MITTWOCH

Washington - Still halten, Geld drucken - Die Gouverneure der US-Notenbank Fed entscheiden über die weitere Zinspolitik. Angesichts der internationalen Verwerfungen dürfte ein Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik in immer weitere Ferne rücken.

Nürnberg - Shopping-Stimmung - Die GfK veröffentlicht neue Zahlen zum Konsumklima in Deutschland.

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Deutscher Bank, Bayer, Deutsche Börse, Deutscher Bahn, Airbus, GlaxoSmithKline, Coca-Cola, Boeing, Facebook, Peugeot Citroen.

DONNERSTAG

Nürnberg/Wiesbaden - Kerndaten Deutschland - Die Bundesagentur für Arbeit berichtet, wie der Arbeitsmarkt im Juli gelaufen ist. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die aktuelle Inflationsrate.

Berichtssaison III - Quartalszahlen von VW, BASF, Linde, Alphabet (aka Google), Ford, Thomas Cook, Lloyds, Rolls-Royce, Shell, Amazon, Vallourec, Renault, Total, BNP Paribas, Danone.

FREITAG

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von Barclays, UPS, Conoco Phillips, ExxonMobil, Dow Chemical, Chevron, EdF, ArcelorMittal, Sanofi.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


insgesamt 165 Beiträge
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Seite 1
karljosef 24.07.2016
1. Könnte ein hohes Risiko für ihn bedeuten?
Aber wir wissen doch alle, dass in Russland sehr viel Kapital darauf wartet, renditeträchtig eingesetzt zu werden? Der "lupenreine Demokrat" Putin und Kumpane sind da sicherlich offen für entsprechende Ansätze. Zynische Grüße
letzterversuch 24.07.2016
2. Verse?!
Ferse!
alfred_leobold_seelburg 24.07.2016
3. Lyrik vom Feinsten ...
... die Verse des Achilles.
noalk 24.07.2016
4. kein Gedicht
Erdogans Achillesverse sind keine Lyrik. Der Autor meinte wohl Achilles' Ferse (Achillesferse), das Körperteil am Ende des Fußes. Einen Grund für ein literarisches Wortspiel sehe ich in dem Artikel nicht.
hinschauen 24.07.2016
5. Tourismus
...und der wichtigste Pfeiler in der türkischen Wirtschaft wird noch nicht einmal im Artikel erwähnt: der Tourismus. Der war ohnehin schon eingebrochen. in dieser Diktatur werden aber viele nicht mehr urlauben wollen - inklusive vieler Deutschtürken. Und die PKK-Anschläge, die für die bisherigen Einbrüche mitverantwortlich waren, werden vermutlich auch zunehmen, weil Erdogan die militärische Auseinandersetzung mit ihnen vermutlich verschärfen wird (was ebenfalls die Wirtschaft belastet)
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