Thomas Fricke

Gespenst aus den Siebzigern Stagflation bekämpfen, nur diesmal besser

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Putins Krieg produziert bei uns gerade einen heiklen Mix aus Inflation und Stagnation wie zuletzt in den Siebzigern. Ein Desaster wäre, das mit den Mitteln von damals zu bekämpfen.
Tankstellenanzeige: Mit einem Paket gegen die Teuerungswelle

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Oliver Berg / dpa

Erst kam das Militär, dann der Energieschock. Im Jahr 1973 war es der Jom-Kippur-Krieg, in dessen Folge sich die Ölpreise binnen Wochen vervierfachten. Jetzt ist es der Angriff Russlands auf die Ukraine. Und diesmal ist es neben dem Öl das drastisch verteuerte Gas, dessen Preise im Großhandel seit Einmarsch der russischen Armee auf mittlerweile das Siebenfache der Niveaus von Mitte vergangenen Jahres hochgeschnellt sind. Da drohen unfassbare Kostenschocks.

Und: Immer wahrscheinlicher wird mit jedem Kriegstag, dass so auch jener toxische Mix nach langem wieder Realität wird, der in den Siebzigern über Jahre die Menschen peinigte – das Aufeinandertreffen von steigenden Preisen und stagnierender Wirtschaft bei zunehmender Arbeitslosigkeit. Gruselwort: Stagflation.

Die Frage ist nur, ob deshalb als Antwort auch das richtig ist, was in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren die Inflation der Legende nach stoppen half: ob steigende Zinsen der Notenbanken oder alles, was den Hang der Leute dämpfte, auf steigende Preise mit höheren Lohnforderungen zu reagieren.

Davon hängt auch ab, ob diesmal Schlimmeres zu verhindern ist. Und ob es so irre ist, wie es klingt, von der Europäischen Zentralbank als Reaktion auf Putins Krieg jetzt (erst recht) höhere Zinsen zu fordern, wie das manch irrlichternde Ökonomen dieser Tage tun. Dagegen entschieden sich die Währungshüter am Donnerstag. Es spricht einiges dafür, dass gegen diese Stagflation anderes viel mehr hilft als falsche Siebzigerjahre-Romantik – und dass das gar nicht Sache der Notenbanken wäre.

Schon die jüngsten Schocks an den Märkten für Gas und Öl könnten reichen, die Inflation in Deutschland in Kürze dieses Jahr auf sechs Prozent steigen zu lassen. Zeitgleich dürften hohe Kosten, kriegsbedingte Lieferengpässe und Schockstarren in den kommenden Wochen dazu führen, dass die Wirtschaft weniger herstellt – was durch den gerade heftig diskutierten Importstopp von russischem Gas und Öl noch verschärft würde.

Wenn klassische Mittel versagen

Was eine solche Stagflation so tückisch macht, ist, dass klassische Mittel versagen: Nach gängigem Muster entsteht Inflation, wenn die Konjunktur überhitzt. Dann ist es gut, wenn die Notenbank mit höheren Zinsen für eine schwächere Konjunktur sorgt – und die Unternehmen höhere Preise dann nicht mehr so einfach weitergeben können. Was aber, wenn die Konjunktur schon schwächelt – und die Inflation etwa durch kriegsbedingt vorübergehende Schocks kommt? Dann passiert das, was in den Siebzigern am Ende passierte: dass höhere Zinsen die ohnehin schon geschwächte Wirtschaft weiter schwächten – und damit sowohl Lohn- als auch Preisspielräume schwanden.

Als Folge kam es in Deutschland wie anderswo erstmals zu Massenarbeitslosigkeit, die teils über Jahre noch anhielt. Die hielt in den USA nur deshalb nicht lange, weil zwar die Notenbank Geld verteuerte, Präsident Ronald Reagan dafür aber so viel in Rüstung, Steuersenkungen und anderes steckte, dass die Wirtschaft 1984 plötzlich hochschnellte – die Staatsdefizite nur über Jahre dann auch. Dass die Macht der Gewerkschaften zugleich gebrochen wurde, mag zum Rückgang der Inflation beigetragen haben – nur ebenfalls mit einem viel länger anhaltenden Nebeneffekt: dass die Einkommen im Land historisch gefährlich auseinandergedriftet sind.

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Ob es in der Welt von heute deshalb überhaupt so schnell wieder zu einer Spirale aus höheren Preisen und Löhnen kommt, ist fraglich. Noch zweifelhafter wirkt, ob es angesichts der damals eingetretenen Kollateralschäden ratsam wäre, die neue Stagnation so stark wieder von den Notenbankern bekämpfen zu lassen. Über höhere Leitzinsen lassen sich kriegsbedingte Panikschübe an den Rohstoffmärkten ursächlich kaum beheben. Dafür verteuern sie im Grunde alle Kredite – was Unternehmen ihre Investitionspläne im Zweifel weiter kappen lässt, wo der Krieg ohnehin schon vieles stoppt.

Ein Anti-Stagflations-Paket

Da hilft am Ende womöglich die wundersame Ökonomenidee auch wenig, wonach steigende Zinsen die Gewerkschaften dazu bringen würden, weniger Lohn zu fordern – weil sie dann davon ausgehen, dass es dank Notenbankreaktion bald keine Inflation mehr gibt. Was aber, wenn es bessere Mittel gibt, die Inflation zu stoppen – bei denen die Wirtschaft nicht gleich in eine noch tiefere Krise zu stürzen droht?

Wenn in der Stagflation die Preise bei schrumpfender Wirtschaftsleistung steigen, braucht es Maßnahmen, die diese Entwicklung bremsen – und die Wirtschaft idealerweise noch stützen helfen. Das Gute ist: Die gibt es.

Zu einem solchen Anti-Stagflations-Paket könnten gehören:

  • jene Senkung der Mehrwertsteuer, die jetzt schon gelegentlich gefordert wird. Wobei am besten die größte Entlastung auf alles gelegt werden müsste, was mit Gas und Energie zu tun hat. Nur dass die Wiederanhebung dann zeitlich an eine tatsächliche Entspannung bei den Energiekosten gebunden werden sollte – um nicht wieder so einen Mist zu bekommen wie Anfang 2021. Da wurde die Mehrwertsteuer wieder angehoben, als die Energiekosten ohnehin schon hochzuschießen begannen.

  • Ein Aussetzen der nächsten CO₂-Steueranhebung, solange die tatsächlichen Preise für fossile Energien durch die Krise ohnehin weit über dem liegen, was die Regierung klimapolitisch avisiert hatte; das wäre auch klimapolitisch schlau, da bei wieder sinkenden Kursen an den Weltmärkten die Steuer auch wieder angehoben werden könnte – was die auf Dauer gewünschte Verteuerung weniger erratisch und damit planbarer macht.

  • Vor allem ein Gaspreisdeckel, wie ihn die Ökonomen Sebastian Dullien und Isabella Weber vorgeschlagen haben. Dann würden die Gaspreise für den Grundverbrauch bei 7,5 Cent je Kilowattstunde festgelegt – nur wer mehr verbraucht, müsste dafür dann die höheren Kosten tragen. Wobei die Regierung den Versorgern dann die entgangenen Einnahmen erstatten würde.

Die Liste lässt sich sicher ergänzen und jede Maßnahme im Zweifel optimieren. Es spricht auch viel dafür, dass so ein Gashöchstpreis gezielter wirken würde als etwa eine Senkung der Mehrwertsteuer – schon weil ein Großteil der Inflation derzeit einfach von der Panik an den Gasmärkten kommt; und die Deckelung bis zu einem bestimmten Verbrauch zugleich den Anreiz aufrechterhielte, nicht unnötig mehr Gas zu verbrauchen. Allen Vorschlägen wäre nur gemein, dass sie dafür sorgen, den Kostenschock für Verbraucher aufzufangen, damit Umsatzausfälle für die Wirtschaft vermeiden – und zugleich die ausgewiesene Teuerung geringer ausfallen lassen. Sprich: gegen beide Teile der Stagflation wirken. Das wiederum würde den Druck verringern, dass Inflation zu einer übermäßigen Preis-Lohn-Spirale führt, auf die auch die Notenbanken reagieren müssten – und von der am Ende keiner etwas hätte.

All das wäre auch hilfreicher als ein Großteil dessen, was die Bundesregierung in ihrem Hilfspaket bisher vorsieht. Darin erfüllt ja nur die Abschaffung der EEG-Umlage die doppelte Anforderung, sowohl für eine Entlastung der Haushalte als auch über sinkende Strompreise für eine gedämpfte Inflation zu sorgen. Eine großzügigere Pendlerpauschale mag Fahrern helfen, reduziert aber weder die Gasrechnung noch die Preise. Der Zuschuss zu den Heizkosten ist gut, aber auf die Ärmeren beschränkt – und wird die Inflation insgesamt daher kaum dämpfen.

Wenn so ein Anti-Stagflations-Paket sitzt, könnte es als Vorlage für die Gewerkschaften dienen, bei anstehenden Tarifverhandlungen zwar einen Energieschock-Ausgleich einzufordern, den aber eher über Einmalzahlungen zu machen. Dann bräuchten Unternehmen die (vorübergehend) höheren Kosten auch nicht in dauerhaft höhere Preise zu verwandeln.

Noch effektiver gegen die aktuelle Panikinflation wäre neben aller möglichen Diplomatie zur Beendigung des Kriegs nur noch: so eine Art Panikstopp für abgedrehte Märkte für Gas, Öl oder Weizen. Wenn sich dort Preise binnen Tagen vervielfachen, hat das ja mit der Idee sachter Abwägung zwischen Angebot und Nachfrage nicht mehr viel zu tun. Eher mit Kriegsängsten, Irrlichtern und Spekulation. Dann müsste es vielleicht auch Stoppmechanismen geben – und Regierungen, die im Zweifel mit Interventionen gegenhalten. So wie die Notenbanken es machen. Oder die Verantwortlichen für Aktienbörsen: Wenn Anleger mal wieder in Panik flüchten, wird der Laden zur Beruhigung auch mal geschlossen. Klar, das lässt sich für die globalen Rohstoffmärkte nicht so schnell umsetzen. Eher in Zukunft.

Aber wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment, auch mal darüber nachzudenken, für welche nächsten Pandemien, Krisen und Kriege der Mensch sich noch besser vorbereiten sollte. Besser als die alte Stagflationskampf-Romantik allemal.