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Georgia und Co.: Wirtschaftsboom in den Südstaaten

Foto: Streeter Lecka/ Getty Images

Wirtschaftsboom in Georgia Sonne, Wachstum, Coca-Cola

Die US-Südstaaten galten jahrzehntelang als rückständig, die amerikanischen Industriezentren lagen im Norden. Jetzt hat sich die Entwicklung umgekehrt: Georgia, Alabama und Co. sind die neue Boom-Region. Die Einheimischen erklären den Erfolg mit der Gastfreundschaft des Südens.
Von Katja Ridderbusch

Nico Wijnberg ist immer wieder überrascht, wenn er durch die Straßen von Atlanta geht. Dabei lebt er schon eine Weile hier. So freundlich sind die Leute, dass er am Anfang fast misstrauisch war, wenn ein Fremder ein Gespräch anfing, einfach so. Heute findet er das "sehr erfrischend". Kein Wunder. Schließlich ist es sein Job, Southern Hospitality, die Gastfreundschaft des amerikanischen Südens, der Welt zu verkaufen.

Nico Wijnberg ist Niederländer in amerikanischer Mission. Er ist der International Business Liaison, der Verbindungsmann des Bundesstaates Georgia für Unternehmen aus aller Welt. "Meine Aufgabe ist es, Ausländern zu helfen, sich in Georgia einzuleben und wohlzufühlen", sagt Wijnberg. "So dass sie in ihrer Heimat berichten: Dies ist der Ort, an dem die Geschäfte boomen."

In keinem anderen US-Bundesstaat gibt es bislang einen solchen Posten. Der Gouverneur von Georgia, Sonny Perdue, rief ihn Anfang 2008 ins Leben. Eine schlaue Entscheidung. Denn in Zeiten der Wirtschaftskrise sind Investitionen aus dem Ausland wichtiger denn je. In Georgia liegt die Arbeitslosigkeit im zweistelligen Bereich, der Häusermarkt ist um 70 Prozent eingebrochen, die Zahl der Zwangsversteigerungen gehört zu den höchsten im Land.

Lange Zeit galt die Gastfreundschaft des Südens als "soft skill", als weicher Wert, sagt Kenneth Stewart, Georgias Wirtschafts- und Handelsminister, unter dessen Dach der Posten des Business Liaison angesiedelt ist. "Tatsächlich aber ist die Southern Hospitality ein wichtiger ökonomischer Faktor."

Zu verifizieren ist das nur schwer, doch der Zustrom internationaler Unternehmen spricht für sich. 2500 Firmen aus mehr als 50 Ländern sind bereits im "Pfirsichstaat" Georgia angesiedelt. Unter den großen deutschen Unternehmen sind es der Sportwagenbauer Porsche und der Druckmaschinenhersteller Heidelberger. Zurzeit errichtet der südkoreanische Autobauer Kia für 1,2 Milliarden Dollar ein Werk, das im November die Produktion aufnehmen soll. Mit globalen Konzernen wie dem Brausegiganten Coca-Cola, dem Expressdienstleister UPS und Delta Airlines sowie dem Flughafen Atlanta als verkehrsreichstem Luftdrehkreuz der Welt ist Georgia seit Jahren das Powerhouse im Südosten, der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsregion in den USA.

Zentrale Lage, gute Infrastruktur

Die Rezession hat den Trend zur Ansiedlung von Unternehmen aus aller Welt im geografischen Gürtel von Texas bis North Carolina verlangsamt, aber nicht gestoppt. Allein 1200 deutsche Unternehmen sind im Südosten vertreten. Volkswagen baut derzeit für eine Milliarde Dollar ein Werk in Chattanooga, Tennessee. Dort sollen ab 2011 pro Jahr 150.000 Autos vom Band rollen und 11.000 Jobs entstehen. Auch der Chemiekonzern Wacker will in Tennessee eine Fabrik errichten. ThyssenKrupp legte 2007 in Alabama den Grundstein für ein 3,7 Milliarden teures Stahlwerk. Derzeit erwägt der Konzern, wegen der schlechten Konjunktur zunächst nur eine Teilfabrik fertigzustellen. Mercedes ist mit einem Werk in Alabama, BMW in South Carolina vertreten.

Gründe für die Ansiedlung im amerikanischen Südosten sind in erster Linie die zentrale Lage und die Infrastruktur: Vom Flughafen Atlanta fliegen jedes Jahr 90 Millionen Passagiere rund um die Welt. Ein neues Terminal befindet sich im Bau - in der Erwartung, dass sich der Wachstumstrend fortsetzt. Mit Savannah hat Georgia den drittgrößten Containerhafen der USA. Ferner sind die Löhne niedrig; Gewerkschaften haben im Süden traditionell einen schweren Stand. Preise für gewerbliche Immobilien sind erschwinglich. Die Lebensqualität ist hoch. Das liegt am sonnigen Klima - und an der vielgerühmten Southern Hospitality.

Bevor Nico Wijnberg in die USA kam, arbeitete er in Frankreich, Lettland und im Wirtschaftsministerium in Den Haag. Er spricht neben Englisch und Niederländisch auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch. Bei Informationsveranstaltungen versucht er, ausländische Firmen von den Segnungen des Pfirsichstaates zu überzeugen. Doch seine eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn ein Unternehmen sich für Georgia entschieden hat. Aus Europa sind es vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die Wijnbergs Dienste in Anspruch nehmen, aus Asien betreut er große Firmen wie Kia.

Zwei Tage Schlange stehen auf der Behörde

Wijnbergs Liaison-Service ist maßgeschneidert für die jeweiligen Mitarbeiter eines Unternehmens. Etwa 40 Familien aus 20 Ländern hat er schon bei der Umsiedlung geholfen. Seine Dienste reichen von der Unterstützung beim Antrag auf ein Visum bis zur Einfuhr des heimischen Hamsters. Ausländer unterschätzten oft die Hürden und Herausforderungen, die ein Umzug in die USA mit sich bringe. "Viele haben schon mal Urlaub in New York, Florida oder Kalifornien gemacht und denken, sie kennen Amerika. Aber dies ist ein anderes Land mit anderen Regeln." Oft sind es ganz banale Dinge, über die Ausländer stolpern: Eröffnung eines Bankkontos, Ausstellung des Führerscheins, Antrag auf eine US-Sozialversicherungsnummer.

Das musste auch Hermann Scheugenpflug erfahren, Chefingenieur des Turbinenherstellers Vericor Power Systems, einer Tochtergesellschaft des Münchner Mittelständlers MTU Aero Engines. Er kam im Mai nach Atlanta, stand zwei Tage lang beim Straßenverkehrsamt in der Schlange und hatte immer noch keinen Führerschein. Bis Nico Wijnberg ihm einen Kontakt vermittelte - da hatte er nach einer Stunde seine driver's licence in der Tasche. "Nico hat mir geholfen, Zeit zu sparen - und das ist die beste Dienstleistung überhaupt", sagt Scheugenpflug.

Zwar bieten auch Maklerbüros und kommerzielle Inkubator-Firmen einen ähnlichen Service an. "Aber als staatliche Agentur haben wir bessere Verbindungen", sagt Wijnberg. Zum Beispiel zu anderen Behörden, zu Banken, zum Telefonbetreiber AT&T oder zum Stromversorger Georgia Power. Das Ministerium vermittelt Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Einwanderungsanwälte, Makler - je nach Bedarf und Geldbeutel. "Georgia Allies", heißen diese Verbündeten aus der Privatwirtschaft.

"Europäer sind sehr direkt"

Während in Deutschland schnell die Frage nach den Regeln der Auftragsvergabe aufkommt, gehören im amerikanischen Süden die Pflege der offiziellen und inoffiziellen Netzwerke sowie wechselseitige Freundschaftsdienste zum Alltag - wie frittierte Okraschoten, der Kirchgang am Sonntag und der Bourbon danach. Mit dem Ergebnis: Irgendwas geht immer.

Die spezielle Kultur der Kontaktpflege ist einer der Unterschiede, an die sich viele Europäer, vor allem Deutsche, erst gewöhnen müssen. Ein anderer ist der Kommunikationsstil, sagt Wijnberg. "Europäer sind sehr direkt. Wenn sie nein meinen, dann sagen sie nein." Im Süden empfindet man Direktheit als brüsk, gar beleidigend. Wenn man hier nein meint, verpackt man seine Absage in ein geschmeidiges Lob. Das, sagt Wijnberg und schmunzelt, könne durchaus zu Missverständnissen führen.

Ist er selbst seit seinem Umzug ein "Pfirsich" geworden - so nämlich nennen interkulturelle Experten die seidensanften Südstaatler? "Ich kann den Hebel schnell umlegen", sagt Nico Wijnberg, "Je nachdem, wo ich gerade bin." So kann er sich immer wieder freuen, wenn ihn in Atlanta ein freundlicher Mensch auf der Straße anspricht, einfach so.