Nobelpreis für Ökonomen Sie wollen doch nur spielen

Ökonomen sind weltfremd - dieses Vorurteil widerlegen die diesjährigen Nobelpreisträger für Wirtschaft. Lloyd Shapley und Alvin Roth haben ihre Spieltheorie immer wieder aufs Leben übertragen. Damit haben sie unter anderem US-Schülern zu einem Platz an ihrer Lieblings-High-School verholfen.

Nobelpreisträger Shapley und Roth: "Kein allumfassendes Expertentum"
REUTERS; DPA / LINDA A. CICERO / STANFORD UNIVERSITY

Nobelpreisträger Shapley und Roth: "Kein allumfassendes Expertentum"

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Hamburg - Vollbärte, große Brillen, Stirnfalten und wirre Haare: Die Zeichnungen, mit denen die diesjährigen Nobelpreisträger für Wirtschaft auf der offiziellen Internetseite vorgestellt werden, entsprechen ganz und gar dem Klischee vom zerstreuten Wissenschaftler, der in seiner eigenen theoretischen Welt lebt.

Dabei sind Lloyd Shapley, 89, und Alvin Roth, 60, alles andere als das. Ihre nun ausgezeichnete Theorie der stabilen Allokation und der Beschaffenheit von Märkten hat vielfache Anwendung in der Wirklichkeit gefunden. Und so sagte ein noch etwas verschlafener Alvin Roth unmittelbar nach Bekanntgabe der Ehrung, es gebe deutlich schwerere Fragen als die nach den praktischen Konsequenzen seiner Arbeit.

Tatsächlich hat vor allem Roth seine wissenschaftlichen Erkenntnisse wiederholt genutzt, um bessere Verteilungsmodelle zu entwickeln - die Anwendung reicht von Spendernieren bis zu New Yorker Schülern. Dabei baute er auf Arbeiten des fast 30 Jahre älteren Lloyd Shapley auf, der als einer der Väter der sogenannten Spieltheorie gilt.

Die ist längst ein Klassiker, seit Mitte der neunziger Jahre wurden wiederholt spieltheoretische Arbeiten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Sie untersuchen, wie Akteure mit unterschiedlichen Vorlieben handeln und welche Strategie dabei am ehesten zum Erfolg führt. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte Gefangenendilemma.

Ein Gesellschaftsspiel von Nobelpreisträgern

Auch wenn Shapley nun als theoretischer Übervater geehrt wird, so entdeckte auch er frühzeitig praktische Anwendung für sein Wissen: Der Sohn eines renommierten Astronomen wurde als junger Mathematikstudent in Harvard zum Militärdienst eingezogen und soll während des Zweiten Weltkriegs Codes von Japanern und Russen geknackt haben.

Anfang der fünfziger Jahren brachte Shapley mit seinem 1994 ebenfalls nobelpreisgekrönten Studienfreund John Forbes Nash ein Gesellschaftsspiel heraus. Es hieß "So long sucker" (in etwa: "Mach's gut, Dummkopf!"). Schon damals ging es darum, mit möglichst geschickten Strategien die eigenen Ziele durchzusetzen.

Anfang der sechziger Jahre wandte Shapley sich dann einem sehr lebensnahen Problem zu: Der Gale-Shapley-Algorithmus beschreibt, wie auf einem "Heiratsmarkt" möglichst viele Männer und Frauen so zueinander kommen, dass sie ihren bevorzugten Partner abbekommen. Normalbürger hoffen in diesem Fall auf eine stabile Ehe, Ökonomen sprechen dagegen von stabiler Allokation.

Nicht alles lässt sich in Geld beziffern

Die Modelle von Shapley und anderen Spieltheoretikern füllten eine Lücke der Wirtschaftswissenschaften. Diese beantwortet Verteilungsfragen meist über Preise, die zwischen frei entscheidenden Akteuren ausgehandelt werden. Aber nicht alles, was verteilt werden soll, lässt sich in Geld beziffern. Und nicht immer sind die Beteiligten in ihren Entscheidungen so frei und objektiv wie es wünschenswert wäre.

Wie solche Probleme gelöst werden können, zeigte Alvin Roth an einem besonders lebensnahen Problem: Die Verteilung von Schülern auf die High Schools von New York. Bis 2003 hatte dort jeder Teenager eine Liste mit bis zu fünf favorisierten Schulen eingereicht, die Auswahl traf dann im Normalfall die Schule.

Das Problem: Die Schulleitungen akzeptierten logischerweise am liebsten Schüler, die ihre jeweilige Schule als Top-Präferenz genannt hatten. Doch nicht jeder Schüler hatte gleich gute Chancen, aufgenommen zu werden - etwa, weil seine bisherigen Leistungen nicht ausreichten. Deswegen war es unter Umständen klüger, eine weniger beliebte Schule an erster Stelle zu nennen. Weil es für die Prozedur zudem nur drei Durchgänge gab, landeten viele Schüler schließlich auf keiner ihrer Wunsch-Schulen - bis 2003 betraf das rund 30.000 von insgesamt 90.000 Bewerbern.

Roth und seine Kollegen änderten den Prozess. Inzwischen bewerben sich Schüler zunächst nur bei ihrer Lieblingsschule und bekommen immer nur ein Angebot auf einmal. Der Prozess wird bis zu zwölf Mal wiederholt. Das Ergebnis: Die Zahl der Schüler, die nicht auf einer präferierten Schule landen, reduzierte sich innerhalb eines Jahres um 90 Prozent.

Ein Kontrapunkt in der Krise

Zugegeben: Die Schulwahl klingt nach einem relativ simplen Problem, wenn man sie etwa mit der Euro-Krise vergleicht. Im Vorfeld der Preisverleihung war spekuliert worden, dass diesmal ein Ökonom wie Robert Shiller geehrt werden könnte, der den Crash als einer der wenigen vorhergesagt hatte.

Doch es ist gut möglich, dass die Juroren mit ihrer Wahl bewusst einen Kontrapunkt setzten. Weil die Mehrheit der Ökonomen die Krise eben nicht vorhersah (oder zumindest nicht ausreichend in der Öffentlichkeit davor warnte), kämpft der Berufsstand derzeit wieder verstärkt gegen das Bild vom weltfremden Wissenschaftler. Mit der Ehrung von Shapley und Roth zeigt die Jury, dass Ökonomen sehr wohl die Realität beeinflussen und auch verbessern können.

Dass auch ausgezeichnete Ökonomen nicht überheblich sein müssen, zeigte Roth bei seiner ersten Pressekonferenz nach Bekanntgabe des Preises. Auf die Frage nach seiner Meinung zur Euro-Krise antwortete er ironisch, er sei noch nicht lange genug Nobelpreisträger, "damit mein Expertentum allumfassend geworden ist". Vorerst habe sich durch die Auszeichnung höchstens eines verändert: "Wenn ich heute in die Vorlesung gehe, werden meine Studenten besser aufpassen."



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Trouby 15.10.2012
1.
Diese beiden Wirtschaftswissenschaftler haben den Preis tatsächlich mehr als verdient! Insbesondere Shapley hat mit hervorragenden Arbeiten die Grundlage der Spieltheorie geschaffen, die anders als die herkömmliche Wirtschaftstheorie eine bessere Beschreibung der Wirklichkeit liefert. Während meines Studiums war ich ein echter Fan des Shapley-Wertes, der - korrekt angewendet - das einzig richtige Ergebnis für eine faire (!) Verteilung (von was auch immer) liefert! (Für diejenigen Leser, die davon noch nichts gehört haben, mal einfach ausgedrückt: Möchte man anteilige Kosten oder Gewinne fair an die Teilnehmer verteilen, so gibt es tatsächlich - also beweisbar - nur eine einzige richtige faire Verteilung, nämlich den Shapley-Wert. Alle anderen Verteilungen sind grundsätzlich nicht mehr fair! Schade, dass dieses völlig unstrittige Ergebnis nicht mehr Anwendung findet!)
carahyba 15.10.2012
2. gerechte Verteilung ...
Zitat von TroubyDiese beiden Wirtschaftswissenschaftler haben den Preis tatsächlich mehr als verdient! Insbesondere Shapley hat mit hervorragenden Arbeiten die Grundlage der Spieltheorie geschaffen, die anders als die herkömmliche Wirtschaftstheorie eine bessere Beschreibung der Wirklichkeit liefert. Während meines Studiums war ich ein echter Fan des Shapley-Wertes, der - korrekt angewendet - das einzig richtige Ergebnis für eine faire (!) Verteilung (von was auch immer) liefert! (Für diejenigen Leser, die davon noch nichts gehört haben, mal einfach ausgedrückt: Möchte man anteilige Kosten oder Gewinne fair an die Teilnehmer verteilen, so gibt es tatsächlich - also beweisbar - nur eine einzige richtige faire Verteilung, nämlich den Shapley-Wert. Alle anderen Verteilungen sind grundsätzlich nicht mehr fair! Schade, dass dieses völlig unstrittige Ergebnis nicht mehr Anwendung findet!)
Gerechte Verteilung von Bildung und gerechte Verteilung von Gesundheit auf der Grundlage von Marktmodellen gibt es nur in den USA aber bald auch in der BRD. Eine Prothese wird zum echten Körperglied umdeklariert.
sehrleise 15.10.2012
3. Unverständnis
Vielleicht bin ich in der Minderheit, aber ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass noch immer ein Nobelpreis in dieser Kategorie vergeben wird. Wenn ich mir die Beiträge der Preisträger geraumer Jahre ansehe, so klafft aus meiner Sicht eine unübersehbar große Lücke in Bezug auf Niveau und Nutzen im Vergleich zu anderen Kategorien. Viele sogenannte neuen Erkenntnisse die ausgezeichnet wurden, sind den meisten Menschen bereits intuitiv klar, und nur weil sie durch Stochastik untermauert werden, machen sie noch lange nicht zu neuen bzw. bedeutenden Entdeckungen. Ich kann nur hoffen, dass sich die Stiftung eines Tages besinnt, und stattdessen in Zukunft diesen Preis in einer neuen Kategorie vergibt, allen voran: Mathematik.
CompressorBoy 15.10.2012
4.
Zitat von sysopREUTERS; DPA / LINDA A. CICERO / STANFORD UNIVERSITYÖkonomen sind weltfremd - dieses Vorurteil widerlegen die diesjährigen Nobelpreisträger für Wirtschaft. Lloyd Shapley und Alvin Roth haben ihre Spieltheorie immer wieder aufs Leben übertragen. Damit haben sie unter anderem US-Schülern zu einem Platz an ihrer Lieblings-High-School verholfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftsnobelpreis-geht-an-us-spieltheoretiker-roth-und-shapley-a-861392.html
Mensch, super, vielen Dank für den Hinweis! So ist er ja doch berechtigt, der Wirtschafts-Nobelpreis!
mischnik 15.10.2012
5. 2 Fragen
Im Text ist erst von 3 Wiederholungsmöglichkeiten die Rede, dann wird Zwölfmal mit Nobelpreismethode wiederholt. Muss man einen selbigen besitzen um das zu verstehen? Wenn ich mich einzeln bewerbe, wie lange dauert das gesamte Bewerbungsverfahren? Habe ich meine Lieblingsschule 2 Jahre nach weiterführenden Abschluss, weil die Bewerbung so lange gedauert hat?
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