Wirtschaftsnobelpreis für Jean Tirole Schrauber im Maschinenraum des Marktes

Ist Google zu mächtig? Warum arbeiten manche Programmierer umsonst? Was bringt die Bankenunion? Der neue Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole gibt klare Antworten - und benennt auch die Probleme seiner Heimat Frankreich.

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Stockholm/Berlin - Eine Frage hören Nobelpreisträger häufiger: Was hat Ihre Arbeit mit dem täglichen Leben zu tun? Die Antwort fällt oft schwer.

Bei Jean Tirole ist das anders. Kaum hat das Nobelkomitee den hörbar bewegten Franzosen am Montag per Telefon zugeschaltet, fragt ihn schon ein Journalist, ob seine Arbeit zur Kontrolle des Internetriesen Google genutzt werden könnte. Tirole zögert keine Sekunde, schließlich verwendet er Google auch in wissenschaftlichen Vorträgen als Beispiel.

Die Google-Dienste seien derzeit ein guter Deal für Kunden, erklärt Tirole, weil der Konzern nur die Anzeigenkunden abkassiert. Jedoch bestehe bei solchen Modellen stets die Gefahr, dass die Marktmacht missbraucht wird. Deshalb müssten die Aufsichtsbehörden darauf achten, dass Konzerne wie Google durch Wettbewerber abgelöst werden könnten. Bei der EU-Kommission, die regelmäßig gegen Google vorgeht, wird man das mit Wohlgefallen gehört haben.

Tiroles klare Aussage zu Google ist keine Ausnahme. Seit Jahrzehnten forscht der Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2014 zur Frage, wie Märkte funktionieren und wie sie sich am besten regulieren lassen. "Obwohl die Modelle im theoretischen Bereich entstanden, sind sie sehr gut praktisch anwendbar", lobt Andreas Polk, Professor für Industrieökonomik an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht.

So forderte Tirole, der seit Langem an der Universität Toulouse forscht und lehrt, beispielsweise für den Strommarkt einen freien Wettbewerb der Produzenten. Beim Betrieb der Netze hingegen plädierte er frühzeitig für eine europäische Netzgesellschaft. Bereits um die Jahrtausendwende beschäftigte sich der 61-Jährige auch mit der Frage, warum hochqualifizierte Programmierer ohne Lohn Open-Source-Software programmieren. Ergebnis: Teil der Motivation sind erhöhte Karrierechancen, weil die Beteiligten mit den Projekten ihr Können demonstrieren.

Das Handeln der Kartellwächter verändert

Und auch zur höchst aktuellen Bankenregulierung hat Tirole eine Meinung. Zwar gebe es in diesem Bereich noch viel Forschungsbedarf, sagte er am Montag. Die europäische Bankenunion sei jedoch zweifellos eine "hervorragende Idee".

Bevor Tirole über Regulierungsfragen zu forschen begann, hatte sich die Wissenschaft auf zwei Extreme konzentriert: einerseits den prototypischen Monopolisten, den das Nobel-Komitee am Montag noch mal mit Zylinder auf einem Monopoly-Spielbrett zeigte, und andererseits Märkte mit perfektem Wettbewerb.

Mithilfe der Spieltheorie entwickelte Tirole differenziertere Modelle. Sie zeigen, dass Auflagen, die für eine Branche richtig sind, nicht unbedingt für eine andere passen müssen. So kann eine Fusion von Firmen in einem Fall Innovationen befördern, in einem anderen dagegen den Wettbewerb verhindern. Zudem bedient eine wachsende Zahl von Unternehmen zwei unterschiedliche Kundengruppen - bei Google zum Beispiel sind es User einerseits und Anzeigenkunden andererseits. Bei der Regulierung solcher "Plattform-Märkte" müssen Aufseher die Konsequenzen für beide Seiten bedenken.

Die Forschungsergebnisse hätten tatsächlich zu differenzierteren Entscheidungen von Wettbewerbshütern geführt, sagt Industrieökonom Polk, der früher selbst beim Bundeskartellamt arbeitete. "Dabei war Tirole der maßgebende Ökonom." Die EU-Kommission habe die neuen Ansätze frühzeitig umgesetzt, mittlerweile würden sie auch von deutschen Kartellwächtern genutzt.

Auch wenn Tirole zum Teil für eine stärkere Zähmung der Wirtschaft plädiert, kritisiert er die Märkte weniger deutlich als andere Preisträger der jüngsten Zeit. Die Amerikaner Joseph Stiglitz und Robert Shiller etwa sympathisierten offen mit der Occupy-Bewegung oder forderten öffentlich ein Girokonto für alle. Tirole, der zunächst Abschlüsse als Ingenieur und Mathematiker erwarb, wirkt im Vergleich dazu eher wie ein stiller Schrauber im Maschinenraum der Märkte.

Gegen politische Vereinnahmung weiß sich der neue Nobelpreisträger dennoch zu wehren. Die droht vor allem aus seiner Heimat, deren Regierung sich mit Reformen äußerst schwertut.

Der französische Premierminister Manuel Valls bejubelte auf Twitter, Frankreich-Kritikern werde eine "lange Nase" gedreht, weil nach dem Literatur-Nobelpreis für Patrick Modiano mit Tirole ein zweiter Franzose geehrt werde. Tirole jedoch erklärte ungerührt: "Wir müssen unser Land modernisieren und unseren Kindern ein anderes Erbe als Arbeitslosigkeit und öffentliche Schulden hinterlassen."



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WolfHai 13.10.2014
1. So schlecht wie man die Volkswirtschaftslehre macht, ist sie nun doch nicht
---Zitat--- Bevor Tirole über Regulierungsfragen zu forschen begann, hatte sich die Wissenschaft auf zwei Extreme konzentriert: Einerseits den prototypischen Monopolisten ... andererseits Märkte mit perfektem Wettbewerb. ---Zitatende--- So ist es nun doch nicht gewesen. Richtig ist diese Aussage vielleicht für die Lehrveranstaltungen des zweiten Semesters, und wenn man die Artikel in der deutschen Presse liest, dann erhält man den Eindruck, dass Viele, die sich Wirtschaftsjournalisten nennen ("studierte Volkswirtschaftslehre, Politik und Sinologie mit einem Auslandsaufenthalt in Taiwan und interessiert sich seitdem enorm für Wirtschaft"), in der Tat nicht weiter gekommen sind als in dieses zweite Semester. Schade. Richtige Volkswirte scheint es nicht in den Journalismus zu ziehen. - Den Rest des Artikels kann ich leider nicht nachprüfen.
doomsdaydevice 13.10.2014
2. Es gibt gar keinen Wirtschaftsnobel-Preis
Dieser Preis wird nicht durch das Nobel-Komitee gestiftet. Er wurde von der schwedischen Reichsbank finanziert und wird zusammen mit den echten, für herausragende wissenschaftliche Leistungen gedachten Preisen vergeben. Daher diese irreführende Bezeichnung, die nur zur Aufwertung einer Pseudowissenschaft beiträgt.
spon-facebook-10000283853 13.10.2014
3. Google ist mächtig, weil der Verbraucher es will.
Sobald ein besseres Angebot als Google auf den Markt kommt, verschwindet Google. Anders als bei einem staatlichen Monopol, ergibt sich eine Marktdominanz im freien Wettbewerb aus der Nachfrage/dem Wunsch des Verbrauchers. Ein Monopol des Staates kann auf Grund des Gewaltmonopols ewig auch am Wunsch der Mehrheit vorbei bestehen - wie gesehen an dem Verbot der Überlandbusse, das erst vor kurzem aufgehoben wurde und Familien und junge Menschen über Jahrzehnte die Möglichkeit zu einer preiswerten Kurzreise versagt hatte.
Wanne42001 13.10.2014
4. @doomsdaydevice
"Dieser Preis wird nicht durch das Nobel-Komitee gestiftet. Er wurde von der schwedischen Reichsbank finanziert und wird zusammen mit den echten, für herausragende wissenschaftliche Leistungen gedachten Preisen vergeben. Daher diese irreführende Bezeichnung, die nur zur Aufwertung einer Pseudowissenschaft beiträgt." Er wird aber von der Nobelpreisstiftung anerkannt. Schlagen Sie es nach. Und was eine Pseudowissenschaft ist oder nicht, haben Sie sicher nicht zu entscheiden. Zumal ich mir denke, dass Sie über Ökonomie (aber wahrscheinlich nicht nur darüber) offenbar ziemlich uninformiert sind. P.S. Inwiefern sehen Sie 'Frieden' eigentlich als Wissenschaft?
r0b0 13.10.2014
5. Besseres Angebot
" Sobald ein besseres Angebot als Google auf den Markt kommt, verschwindet Google." Google ist aber leider im Moment in der Situation jedes Start Up kaufen zu können . Und solange dieses "bessere Angebot" nicht von Idealisten oder kompletten Hippies kommt, wird die Firma gekauft.
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