Euro-Krise Warum der Wachstumsglaube so heikel ist

Frankreichs Präsident Hollande und US-Ökonom Paul Krugman preisen es als Allheilmittel gegen die Krise: Wirtschaftswachstum soll Europa vor dem Absturz retten. Dieser Weg ist grundsätzlich richtig - aber nicht um jeden Preis.

Paar vor Industrieanlagen im Ruhrgebiet: Wachstum muss weniger schädlich werden
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Paar vor Industrieanlagen im Ruhrgebiet: Wachstum muss weniger schädlich werden

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Hamburg - Da ist es wieder, das große W. Es war der Wahlkampfschlager für Frankreichs neuen Präsidenten, der kleinste gemeinsame Nenner beim G8-Treffen, und es dürfte ein großes Thema beim EU-Sondergipfel an diesem Mittwochabend werden: Wirtschaftswachstum gilt in der neu aufgeflammten Euro-Krise als einzige Rettung - mal wieder.

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Heft 21/2012
Neid und Niedertracht in der Politik

Und einmal mehr soll alles andere dem Ziel Wachstum untergeordnet werden. So sei laxe Geldpolitik "momentan das letzte Problem, das wir zu lösen haben", sagt der US-Ökonom Paul Krugman im SPIEGEL. "Jetzt brauchen wir Wachstum." FDP-Chef Philipp Rösler erklärte das Wachstumsziel gar zum Alleinstellungsmerkmal seiner Partei, was sie zu einem "Gegenmodell zu all den Miesmachern, den Pessimisten, den Fortschrittsskeptikern und Tugendwächtern in diesem Land" mache.

Seltsam, war da nicht mal was?

Noch vor kurzem galt Wachstum um jeden Preis als völlig überholt. Die Finanzkrise erschien als eine einzige große Warnung vor den Folgen übertriebenen Wachstumsstrebens. Angefangen mit der US-Zentralbank, die nach dem Platzen der New-Economy-Blase mit Niedrigstzinsen gegen den Abschwung kämpfte, bis zu den Banken, die in diesem Klima mit komplexen Finanzprodukten Wachstum vorgaukelten. Was im Ergebnis bekanntlich dazu führte, dass ganze Landstriche der USA mit kreditfinanzierten Einfamilienhäusern zugebaut wurden, die längst niemand mehr braucht. Und bevor die Finanzkrise alles überlagerte, war da ja auch noch die Diskussion über den Klimawandel, der unmittelbar mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängt.

Warum also soll Wachstum nun schon wieder das alternativlose Allheilmittel sein?

Als Antwort genügt ein Blick auf Griechenland: Wo Wachstum im heutigen Wirtschaftssystem längere Zeit ausbleibt, gerät die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht. Unternehmen gehen pleite, die Bürger geraten in Not. Den Griechen in der jetzigen Situation einen Verzicht auf Wachstum zu empfehlen, wäre deshalb zynisch. Noch zynischer wirken solche Appelle gegenüber Milliarden von Menschen in Entwicklungsländern, die in Wachstum den einzigen Ausweg aus der Armut sehen.

Wachstumsstreben ohne Blick auf die Folgen ist falsch und endet meist verhängnisvoll - das wissen wir spätestens seit der Finanzkrise. Doch ohne Wachstum geht es auch nicht, zumindest nicht auf absehbare Zeit. Das heißt keineswegs, dass die in den letzten Jahren wieder aufgeflammte Wachstumskritik überflüssig ist. Nur geht sie bislang oft am Ziel vorbei - und findet deshalb in der Euro-Krise kaum noch Resonanz in der Politik.

Das BIP ist nicht das Problem

So wurde von Wachstumskritikern in den vergangenen Jahren viel über neue Wohlstandsindikatoren diskutiert, die die Fixierung aufs Bruttoinlandsprodukt (BIP) beenden sollten. Doch statistische Alternativen, die statt des Wachstums mit möglichst vielen Werten das Wohlbefinden der Bürger messen sollen, wirken oft beliebig. Hier droht der Wachstumskritik ein ähnliches Schicksal wie dem Begriff der Nachhaltigkeit: Der wurde immer weiter aufgebläht und verwässert, bis ihn sich irgendwann jeder auf die Fahnen schreiben konnte.

Die wichtigste Frage sollte deshalb nicht sein, ob wir noch Wachstum brauchen - sondern wie es möglichst unschädlich gestaltet werden kann. Dazu gibt es schon heute viele Möglichkeiten:

  • Erste Unternehmen suchen nach Wegen, wie sie auch mit geringerem Wachstum profitabel bleiben können - etwa durch eine Umstellung auf höherwertige Produkte und mehr Service. Im besten Fall können so aus der Wachstumskritik neue Innovationen entstehen - so wie der Widerstand gegen Atomkraft die Entwicklung erneuerbarer Energien beförderte.
  • Die Politik muss eine solche Umstellung unterstützen: Gesetzesänderungen können Unternehmen vom Druck zu kurzfristigen Gewinnen befreien und riskantes Wachstum wie etwa im Finanzsektor eindämmen. Neue Modelle für Teilzeitarbeit oder Ehrenamt könnten verhindern, dass Bürger bei wenig Wachstum schnell durchs soziale Netz fallen, wie es gerade in Griechenland geschieht. Schließlich kann die Politik einen großen Teil des Wachstums steuern - immerhin liegt die Staatsquote in den meisten europäischen Ländern um die 50 Prozent.

Für all dies müssen Politiker jedoch gegen eine vermeintliche Grundregel ihres Berufs verstoßen - und den Bürgern ab und zu Verzicht empfehlen. Erste Vorstöße gibt es: Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann forderte eine gedrosselte Autoproduktion, der christdemokratischen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte, der Westen solle zugunsten der Entwicklungsländer auf Wachstum verzichten. Die Kritik der politischen Gegner war in beiden Fällen heftig.

Entscheidend wird deshalb sein, wie die Bürger auf Verzichtsappelle reagieren. Deutschlands bisherige Erfahrung mit der Energiewende stimmen vorsichtig optimistisch: Die Abschaltung voll funktionstüchtiger Atomkraftwerke hat bislang zu keinem Aufstand geführt, eine Mehrheit der Verbraucher ist laut Umfragen bereit, den Ausstieg mit höheren Strompreisen zu unterstützen.

Als Konsumenten könnten aber gerade die Deutschen mehr tun, um eine andere Form des Wachstums zu unterstützen. So geben sie gemessen an ihrem Gehalt deutlich weniger Geld für Lebensmittel aus als die meisten anderen Europäer. Würden die Deutschen teureres Essen kaufen - etwa hochwertiges Olivenöl aus Griechenland - so würde das zugleich für Wachstum sorgen und den kriselnden Nachbarn helfen.

Ob solche ersten Schritte irgendwann in eine sogenannte Postwachstumsökonomie münden, ist völlig offen. Immerhin steht aber schon heute fest, wohin der Weg nicht zurückführen darf: zu einem Wachstum um jeden Preis, wie es in der derzeitigen Euro-Krise Wissenschaftler wie Krugman und Politiker wie Rösler fordern.

Auf eine fertige Marschroute zu einem neuen Wirtschaftsmodell sollte niemand warten. Schließlich entstand auch die heutige Form des Kapitalismus weitgehend ungeplant. Erst im Nachhinein entwarfen Ökonomen die dazu passenden Theorien.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
muellerthomas 23.05.2012
1.
Zitat von sysopDPAFrankreichs Präsident Hollande und US-Ökonom Paul Krugman preisen es als Allheilmittel gegen die Krise: Wirtschaftswachstum soll Europa vor dem Absturz retten. Dieser Weg ist grundsätzlich richtig - aber nicht um jeden Preis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,834310,00.html
Aber genau das ist doch Wachstum, wenn höherwertige Produkte und mehr Service verkauft werden. Nur der Spiegel glaubt, dies sei kein oder nur wenig Wachstum.
seldon-x 23.05.2012
2. Wachstumsideologie grundsätzlich falsch
"Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann unendlich lange andauern in einer endlichen Welt ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom." Kenneth E. Boulding Wachsen muß nicht die Wirtschaft, wachsen muß der Anteil derer, die davon profitieren! "Es gibt hinieden Brot genug...." es ist nur, systembedingt, sehr ungleich verteilt!
spon-facebook-10000051328 23.05.2012
3. seit Jahren wird Wasser gepredigt
http://www.youtube.com/watch?v=TQmz6Rbpnu0&feature=related und Champus getrunken. Es ist doch genau dieses Wachstum auf Kosten der armen Läöänder gewesen dem wir die Krise verdanken. Die Ökologische, die finanzielle und vor allem andren die menschliche. Macht Euch die Erde untertan lautet die Devise des industrialisierten Westens und der Elite nur Erde sind auch alle Menschen und nicht alle wollen nur konsumierende Robotermenschen sein für ein materielles Placebo anstelle von Glück.
marthaimschnee 23.05.2012
4.
Zitat von sysopDPAFrankreichs Präsident Hollande und US-Ökonom Paul Krugman preisen es als Allheilmittel gegen die Krise: Wirtschaftswachstum soll Europa vor dem Absturz retten. Dieser Weg ist grundsätzlich richtig - aber nicht um jeden Preis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,834310,00.html
Ja klar, die mit Dumpinglöhnen malträtierte deutsche Masse soll gefälligst mehr fürs Essen zahlen. Schonmal bemerkt, WARUM die Deutschen relativ wenig für Lebensmittel ausgeben? Wir brüsten uns mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 3100 Euro, jedoch verdienen 2/3 der Menschen weniger. Die meisten davon soviel weniger, daß sie bei Lebensmittelausgaben gut im europäischen Durchschnitt oder darüber liegen. Nur diejenigen, die mehr verdienen, fressen eben deswegen nicht mehr und so sinkt der Anteil des Einkommens an Lebensmitteln natürlich. Das alles ist eine Frage der Einkommensverteilung und die Gleichverteilung nimmt in Deutschland wie in keinem anderen Land auf der Welt ab, mit all den katastrophalen Konsequenzen, für Sozialsysteme, für den sozialen Frieden und auch für die anderen Länder, die sich dieses rücksichtslose Ellenbogensystem aneignen oder aufzwingen lassen.
ReneMeinhardt 23.05.2012
5. grundsätzlicher Fehler
Hier wird Wachstum als grundsätzlich richtig gepriesen, und das ist meines Erachtens grundsätzlich falsch.wachsen, wachsen, wachsen, aber wohin? Ins unendliche? Etwa, wie die Exponentialfunktion? Das ist unnatürlich und ökologisch fatal.
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