Wirtschaftsweiser Bofinger "Die Irland-Krise ist für Deutschland bedrohlich"

Erst die Griechen, jetzt die Iren: Das zweite Euro-Land will sich von der EU retten lassen. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält das für den einzig richtigen Schritt. Die Krise sei gerade für Deutschland "sehr bedrohlich", sagt er im Interview. Und um den Euro mache er sich "große Sorgen".
Irische Flagge: Finanzsektor in der Schockstarre

Irische Flagge: Finanzsektor in der Schockstarre

Foto: Jeremy O'Donnell/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, geht der Euro unter?

Bofinger: Ich mache mir große Sorgen. Wenn die Währungsunion eine Zukunft haben soll, müssen jetzt vor allem die starken Mitgliedsländer alles tun, damit es den schwachen gelingt, ihre Schulden abzubauen. Länder wie Irland und Griechenland müssen in den nächsten Monaten und Jahren ungeheuer schwierige Anpassungen bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlecht geht es Irland? So mies wie Griechenland im Frühjahr?

Bofinger: Irland befindet sich in einer ganz anderen Situation als Griechenland. Der irische Staat muss vor Mitte 2011 keine neuen Kredite aufnehmen. Die Gefahr einer Staatspleite ist entsprechend geringer. Allerdings haben irische Unternehmen und Banken sehr hohe Verbindlichkeiten gegenüber Banken im Ausland - dreimal mehr als griechische.

SPIEGEL ONLINE: Laut Bundesbank sind deutsche Banken mit 166 Milliarden Euro die größten Gläubiger Irlands, davon sind fast hundert Buchkredite für irische Banken. Wie gefährlich ist die irische Finanzkrise für Deutschland?

Bofinger: Die Situation ist sehr bedrohlich. Die Bundesregierung muss ein vitales Interesse daran haben, die Zahlungsfähigkeit des irischen Staates und seiner Banken zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Der irische Finanzminister hat Gespräche über ein mögliches EU-Bankenrettungspaket angekündigt. Soll Deutschland jetzt auch noch irische Banken retten?

Bofinger: Die Rettung irischer Banken bedeutet auch die Rettung deutscher Institute. Die Forderungen ausländischer Banken gegenüber irischen Schuldnern belaufen sich auf rund 320 Prozent des irischen Bruttoinlandsprodukts. Man muss sich die Frage stellen, ob der irische Staat jemals in der Lage wäre, für so hohe Verbindlichkeiten einzustehen.

SPIEGEL ONLINE: Direkte Hilfen für den Staat schließt Irland aus - trotz eines riesigen Haushaltsdefizits von mehr als 30 Prozent in diesem Jahr. Halten Sie das für klug?

Bofinger: Ich kann es nachvollziehen. Die EU-Schutzschirme sind so konzipiert, dass sie für ein Land einen gewissen Bestrafungscharakter haben, insbesondere durch die hohen Zinsaufschläge auf die Marktzinsen für Staaten mit hoher Bonität. Zudem unterliegt man als Regierung einer sehr strengen Überwachung durch den IWF. Das ist so etwas wie Hartz IV für Staaten.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Regierung fordert, auf künftige EU-Hilfszahlungen Strafzinsen zu erheben - als eine Art erzieherische Maßnahme, um verschuldete Staaten zum Sparen zu zwingen. Was halten Sie davon?

Bofinger: Ich halte das für einen gefährlichen Trugschluss. Euro-Länder beantragen Hilfen, wenn sie in extremen Zahlungsschwierigkeiten sind. Es ist sicher nicht dienlich, diese durch hohe Zinsaufschläge noch zu verschärfen. Auch ist es für Deutschland besser, wenn es Problemländern gelingt, ihre Schulden bei vergleichsweise günstigen Zinsen zu zahlen, als dass wir sie mit einem Strafaufschlag von drei Prozentpunkten in die Insolvenz schicken.

SPIEGEL ONLINE: Die Iren sind wütend auf die Deutschen. Sie geben der Bundesregierung die Schuld dafür, dass die Risikoaufschläge für ihre Staatsanleihen in die Höhe schießen - weil die fordert, dass Gläubiger im Falle einer Staatspleite Verluste hinnehmen. Sind wir wirklich mitschuld am Irland-Debakel?

Bofinger: Gegenfrage: Wenn die Oma im Krankenhaus liegt, und die Familie sucht schon mal den Grabstein aus - ist das eine vertrauensbildende Maßnahme?

SPIEGEL ONLINE: Nein, natürlich nicht. Aber die deutsche Position ist doch berechtigt. Derzeit profitieren Spekulanten von den Chancen ihrer Investments, während die Steuerzahler die Risiken übernehmen. Das kann doch nicht sein.

Bofinger: Ich sage ja nicht, dass eine Beteiligung der Gläubiger grundsätzlich schlecht ist. Im Moment geht es doch vor allem darum, die Märkte zu beruhigen. Sie mit diffusen Vorschlägen für einen langfristigen Krisenmechanismus aufzuschrecken, ist unklug.

SPIEGEL ONLINE: Im Gutachten der Wirtschaftsweisen führen Sie und Ihre Kollegen doch dieselbe Debatte. Sie fordern ebenfalls eine Beteiligung der Gläubiger.

Bofinger: Wir haben immerhin ein Gesamtkonzept vorgelegt, das den Stabilitäts- und Wachstumspakt mit einem dauerhaften Krisenmechanismus kombiniert. Es sieht ein differenziertes Vorgehen im Krisenfall vor. Die Umschuldung mit Gläubigerbeteiligung sollte es nur bei Euro-Ländern geben, die bereits für einen Verstoß gegen den Stabilitätspakt sanktioniert worden sind. Länder, die sich an den Pakt gehalten haben, sollten weiterhin eine uneingeschränkte Unterstützung durch den Krisenmechanismus erhalten - zu günstigen Zinskonditionen.

SPIEGEL ONLINE: Was erhoffen Sie sich davon?

Bofinger: Dass die Umschuldung eines Euro-Staats überhaupt möglich wird. Im Moment ist das nicht der Fall. Würden irische oder griechische Gläubiger plötzlich auf einem Teil ihrer Forderungen sitzenbleiben, würden auch Anleger, die Staatsanleihen anderer angeschlagener Staaten wie Portugal oder Spanien halten, in Panik verfallen. Die Folge wäre ein Flächenbrand in ganz Europa.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Konzept garantiert eine Umschuldung ohne Flächenbrand?

Bofinger: Ja. Wenn es die Gläubigerbeteiligung nur bei Stabilitätssündern gibt, wäre jedem Anleger klar: Dieser Staat ist ein schwarzes Schaf. Andere Staaten würden durch die Differenzierung vor der Panik der Anleger geschützt.

SPIEGEL ONLINE: Aber das funktioniert nur in Zukunft. Wenn es derzeit hart auf hart kommt, hat die EU doch keine Wahl. Sie muss zahlen. Siehe Griechenland.

Bofinger: Richtig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Banken für Staatsanleihen bisher grundsätzlich keinerlei Eigenkapitalpuffer halten müssen. Die Euro-Staaten können der griechischen Regierung jetzt nicht sagen, ihr bekommt nichts mehr. Das würde die Zukunft des Euro in Frage stellen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn die EU einfach immer weiterzahlt, rettet das den Euro?

Bofinger: Geld allein reicht nicht aus. Die Staatsverschuldung und die Arbeitslosenquote sind in Griechenland stark gestiegen, und es gibt keine Anzeichen für eine baldige Trendwende. Die Bevölkerung leidet. Die Regierung in Athen muss mit ihrem Sparprogramm rasch Erfolg haben, sonst wird es für sie immer schwieriger, die Sanierung des Haushalts zu legitimieren.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ihr das nicht gelingt?

Bofinger: Ich fürchte, dass dann politische Strömungen an Einfluss gewinnen, die propagieren "Sparen nützt nichts! Unsere Schuldner sitzen alle im Ausland. Lasst uns die alte Währung wieder einführen und kräftig abwerten."

Das Interview führte Stefan Schultz
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