Wirtschaftsweiser zur Griechen-Krise "Der Euro kann die Staatspleite verkraften"

Stürzt das pleitebedrohte Griechenland die Euro-Staaten in die Krise? Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger warnt vor Horrorszenarien: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt er, warum unsere Währung sogar den Finanzkollaps eines Staates überstehen würde - und fordert ein neues globales Geldsystem.
Proteste in Griechenland: Aufruhr gegen das staatliche Sparprogramm

Proteste in Griechenland: Aufruhr gegen das staatliche Sparprogramm

Foto: Petros Giannakouris/ AP

EU

Griechenland

Neuverschuldung

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, die -Kommission hat einen rigiden Sparkurs verordnet. Bis 2012 muss die Regierung in Athen die um 75 Prozent senken, EU-Hilfen sind nicht vorgesehen. Dabei ist nicht klar, dass Griechenland die Wende aus eigener Kraft schafft. Riskiert Brüssel eine Staatspleite ?

Bofinger: Im Gegenteil. Die harte Gangart gegen Griechenland ist der einzig richtige Weg. Eine Finanzspritze aus Brüssel wäre ein gefährlicher Präzedenzfall gewesen, sie hätte anderen Problem-Ländern wie Portugal oder Spanien signalisiert: Wenn es hart auf hart kommt, rettet dich die EU.

SPIEGEL ONLINE: Wäre nicht genau das jetzt angebracht? Immerhin belasten die Haushaltsschieflagen der Südeuropäer den kompletten Euro-Raum. Manche Ihrer Ökonomen-Kollegen fürchten einen Domino-Crash - und einen rapiden Verfall des Euro-Kurses.

Euro-Raum

Bofinger: Manche meiner Ökonomen-Kollegen sollten mal die Kirche im Dorf lassen. Der steht im Vergleich zu anderen Währungsräumen wesentlich besser da, als viele behaupten. Die Staatsschulden und vor allem die Neuverschuldung sind niedriger als in den USA. Selbst eine griechische Staatspleite  kann der Euro zur Not verkraften, das Land erwirtschaftet gerade mal 2,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Währungsunion.

SPIEGEL ONLINE: Der Vertrauensverlust wäre dennoch riesig. Und was die Staatsverschuldung angeht: Die Schulden des Euro-Raums liegen bei 88 Prozent seines BIPs. Das nennen Sie niedrig?

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Finanzkrise Griechenland: Die Volksseele kocht

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Bofinger: Niedrig nicht - aber niedriger als in den USA. Dort beträgt der Schuldenstand 92 Prozent des BIPs. In Japan sind es gar 197 Prozent. Auch das Vereinigte Königreich steht bei seinem Budgetdefizit wesentlich schlechter da als der Euro-Raum. Und was den Vertrauensverlust angeht: Kalifornien steht seit Monaten am Rande der Pleite, und sein Anteil am US-Bruttoinlandsprodukt macht rund 13 Prozent aus. Meine Angst vor dem Domino-Crash hält sich so gesehen in Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Das mag daran liegen, dass Sie Keynesianismus -Anhänger sind - und als solcher gern die Nachfrage ankurbeln, um Produktion und Beschäftigung anzuheizen. Dafür erlauben sie dem Staat schon mal, kräftig Schulden zu machen. Aber wird nicht selbst Ihnen angesichts explodierender Defizite allmählich mulmig?

Lehman

Bofinger: Nach der -Pleite gab es keine Alternative zu den kostspieligen Bankenrettungsprogrammen und einer sehr expansiv angelegten Finanzpolitik. Doch jetzt kommt es darauf an, den Ausstieg ebenso behutsam wie konsequent zu organisieren. Deshalb haben wie in unserem aktuellen Jahresgutachten einen europäischen Konsolidierungspakt vorgeschlagen, in dem sich alle EU-Mitgliedsländer in transparenter und glaubhafter Weise verpflichten, wieder einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Die wachsende Verunsicherung der Märkte zeigt, wie wichtig ein solches Vorgehen ist. Doch genauso schlimm wie die Staatsverschuldung sind die anarchischen Zustände in der Währungspolitik.

SPIEGEL ONLINE: Anarchische Zustände? Was meinen Sie damit?

Bofinger: Wie die Asien-Krise  verdeutlichte, sind Wechselkurse  volkswirtschaftliche Zeitbomben. Zudem kann man mit ihnen regelrechte Handelskriege führen. China etwa hält die eigene Währung seit Jahren künstlich niedrig, Chinas Waren sind dadurch für den Rest der Welt billig - was die Exporte der Volksrepublik kräftig ankurbelt. Leidtragende sind unter anderem wir Europäer. Da der Euro im Vergleich zum Renminbi  stark ist, sind die Waren des Euro-Raums im Rest der Welt vergleichsweise teuer. Problematisch sind aber auch die oft erratischen Schwankungen zwischen dem Euro und dem Dollar. Die Unsicherheit über den Dollarkurs zerstört Arbeitsplätze, etwa weil Daimler sich entscheidet, die C-Klasse künftig in den USA fertigen zu lassen, um sich so vor Wechselkursschwankungen absichern zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Der Wechselkurs  verkommt zu einer protektionistischen Waffe?

WTO

Bofinger: Zu einer perfiden protektionistischen Waffe. Schirmt China seine Binnenwirtschaft durch Zölle ab, greift die Welthandelsorganisation ein. Verschafft sich China durch Währungsabwertung globale Wettbewerbsvorteile, ermahnt und schimpft die Welt. Zwingen kann sie China zu gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Der französische Staatschef Nicolas Sarkozy fordert deshalb eine globale Wächterinstanz, die in die Wechselkurspolitik von Staaten eingreifen kann. Wollen Sie gemeinsam mit Sarkozy den freien Devisenmarkt abschaffen?

Bofinger: Ich will die Spekulation in Verbindung mit dem sogenannten "Carry Trade"  abschaffen: Spekulanten verschulden sich in Währungen mit niedrigen Zinsen und legen das Geld in Hochzins-Währungen an. Sie wertet die Währung eines schwachen Staates auf statt ab.

SPIEGEL ONLINE: Und in der Folge?

Bofinger: Wie das Beispiel von Island verdeutlicht, fließt so viel Geld in ein Land, die Banken vergeben Kredite wie Kamellen auf dem Karneval. Doch irgendwann wachen die Spekulanten auf und wollen ihr Geld zurück. Das ist aber längst in unrentablen Projekten verbraten worden, und am Ende steht das Land vor dem Bankrott.

SPIEGEL ONLINE: Hätte Island nicht einfach die eigene Währung von Anfang an abwerten können, um zu große Kapitalströme ins Land zu unterbinden?

Bofinger: Natürlich. Jedes Land kann versuchen, den Wechselkurs  der eigenen Währungen so zu steuern, dass der "Carry Trade"  verhindert wird. Die Notenbank in Island hätte die Aufwertung ihrer Währung stoppen und eine Abwertung gegenüber dem Euro anstreben können.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat die Notenbank das nicht getan?

Bofinger: Vermutlich, weil sie gar nicht auf die Idee gekommen ist. Es ist nicht gerade geldpolitischer Konsens, die eigene Währung abzuwerten. Viele Notenbanken glauben noch immer an den freien Devisenmarkt - selbst wenn dieser der eigenen Wirtschaft massiv schadet. Ein globaler Währungswächter könnte dafür sorgen, dass Staaten stets die ökonomisch vernünftigste Entscheidung fällen müssen.

"Währungspolitik darf keine nationale Angelegenheit sein"

Leitwährung

SPIEGEL ONLINE: Der Versuch, die globalen Geldströme zu steuern, wurde schon einmal gestartet. 1946 trat das Bretton-Woods-System  in Kraft. Der Dollar wurde damals als bestimmt, alle anderen Währungen wurden zu einem festen Wechselkurs  an ihn gekoppelt. Der IWF wachte über dieses System. Es scheiterte 1973.

Bofinger: Aber nicht daran, dass die Grundidee falsch ist: Währungspolitik darf keine nationale Angelegenheit sein, sie muss international organisiert und überwacht werden. Das Bretton-Woods-System  scheiterte, weil Amerika seine Aufgabe als Leitwährungsland nicht erfüllte. Die USA betrieben gegen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre eine äußerst egoistische Währungspolitik. Sie taten nur das, was für sie selbst gut war - ohne Rücksicht auf die Wechselkurse  anderer Länder. Und der IWF griff nicht ein. Als das Ungleichgewicht zu groß wurde, stiegen immer mehr Staaten aus dem Bretton-Woods-Abkommen aus.

SPIEGEL ONLINE: Musste das nicht zwangsläufig so kommen? Die Vorstellung, dass eine einzige Leitwährung die geldpolitischen Bedürfnisse aller anderen Staaten bestimmt, erscheint utopisch.

Bofinger: Deshalb schlage ich ein tripolares System vor mit dem Dollar, dem Euro und dem Renminbi  als globalen Leitwährungen. Anstelle fester Kurse sollten die Wechselkurse der drei Währungen strikt von Zinsunterschieden bestimmt werden. Wenn der Euro-Raum beispielsweise höhere Zinsen hat als die USA, müsste der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet werden. Liegen die Zinsen im Euro-Raum unter den Dollarzinsen, würde der Euro wieder aufgewertet. Alle anderen Staaten könnten ihre Währung an eine der drei Leitwährungen des tripolaren Systems andocken. Das gesamte System sollte vom IWF überwacht werden, so dass eine egoistische Währungspolitik unmöglich wäre. Auch die Spekulanten hätten keine Chance mehr, da Zinsvorteile einer Währung stets durch eine entsprechende Abwertung kompensiert würde. Beides würde die Weltwirtschaft massiv stabilisieren.

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Finanzkrise Griechenland: Die Volksseele kocht

Foto: Petros Giannakouris/ AP

SPIEGEL ONLINE: Klingt verlockend - dürfte sich aber politisch kaum durchsetzen lassen. Wie soll man die Chinesen dazu bringen, ihre Währungsmacht an einen Weltwächter abzutreten?

Bofinger: Die Chinesen haben großes Interesse daran, dass der Renminbi international an Einfluss gewinnt. Eine exponierte Stellung im Weltwährungssystem wäre für sie ein gutes Argument, ihre Autonomie aufzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Für die Amerikaner gilt das nicht - die stellen bereits die Leitwährung. Ein tripolares System wäre für sie schlicht ein Machtverlust.

Bofinger: Trotzdem können auch die Amerikaner nur gewinnen. Derzeit kümmern sie sich nicht um ihren Wechselkurs  - mit dem Effekt, dass alle anderen Staaten diesen Job übernehmen. Der Dollar wird dadurch zum Spielball fremder Regierungen, die vor allem bestrebt sind, einen für ihre eigene Wirtschaft günstigen Kurs zu erreichen. Die Leidtragenden sind die US-Industrie-Unternehmen, allen voran die Automobil-Hersteller, die im letzten Jahrzehnt massiv unter Druck geraten sind. Bei einem geordneten internationalen Währungssystem könnten die Amerikaner den Chinesen sehr viel wirksamer Druck machen als bei den derzeitigen anarchischen Verhältnissen.

SPIEGEL ONLINE: Und wir Europäer? Was gewinnen wir?

Bofinger: Eine Entlastung auf dem Exportmarkt - und damit Arbeitsplätze. Wenn unsere Produkte nicht mehr durch asiatische Dumping-Währungen künstlich teurer gemacht würden und die Unsicherheit über den Euro-Dollar-Kurs beseitigt würde , müssten nicht mehr so viele Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll reichen, um die Weltmächte zur Kooperation zu bewegen?

Bofinger: Kooperieren sie nicht, verpassen sie die Chance auf einen langen stabilen Aufschwung. Um die Krise zu überwinden, müssen wir raus aus der Währungsanarchie.

Das Interview führte Stefan Schultz