Thomas Fricke

Wohlstand am Ende? Deutschlands irre Lust am eigenen Untergang

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Seit Jahrzehnten wird geunkt vom »Abstieg eines Superstars«, jetzt hat das liebste Horrorszenario der Deutschen wieder Konjunktur: Unsere Industrie stehe vor der Kernschmelze, wir würden alle ärmer. Zeit für einen Crash-Check.
Dunkle Wolken über dem Industriestandort Deutschland (hier: BASF in Ludwigshafen) - oder doch eher Silberstreifen am Horizont?

Dunkle Wolken über dem Industriestandort Deutschland (hier: BASF in Ludwigshafen) - oder doch eher Silberstreifen am Horizont?

Foto: Michael Probst / AP

Man könnte meinen, Deutschland habe ein Abo auf Gruselgeschichten. Alle paar Jahre laufen hierzulande jene düsteren Propheten zu Hochtouren auf, die das Land am Abgrund sehen und den Wohlstand am Ende – vor allem die Industrie steht immer kurz vor dem Tod. Talkshows werden zu Horrorshows, in denen Hans-Werner Sinn, Gabor Steingart und Kumpane unken, warum der Standort endgültig abgewirtschaftet habe. Und warum diesmal wirklich geschehe, was bisher nie eingetreten ist. Als Steingart 2005 den »Abstieg des Superstars« prophezeite, folgte die längste Wachstumsphase seit Ewigkeiten. So schön kann man danebenliegen.

Kann sein, dass es doch irgendwann zum Untergang kommt. Womöglich steht er kurz bevor. Die Inflation ist zurück, die deutsche Wirtschaft muss viel mehr für Energie zahlen – und überhaupt ist bei uns ja alles viel zu bürokratisch (was im Aufschwung offenbar nicht so störte). Kann aber auch sein, dass sich die deutsche Lust am eigenen Untergang gerade mal wieder verselbstständigt – und wir auf Dauer gar nicht so viel Wohlstand verlieren. Deshalb hier und jetzt: ein Absturz-Check.

Richtig ist, dass die deutsche Industrie derzeit viel mehr für Energie zahlen muss als etwa die US-amerikanische, die viel weniger von russischem Gas abhing, weshalb die Preise dort kaum gestiegen sind. Ob das reicht zur Schmelze der gesamten deutschen Industrie (oder ihres Kerns, was auch immer das heißt), ist allerdings fraglich. Der Großteil der Konkurrenz wirtschaftet zum einen nach wie vor in Europa – und die Energiekosten sind hier fast überall ähnlich gestiegen. Wenn es für alle Wettbewerber teurer wird, kann kein Wettbewerbsnachteil entstehen.

Kaum Auswirkungen auf die meisten Produkte

Dazu kommt zum anderen, dass ein paar Großnutzer den allergrößten Teil jener Energie benötigen, den die Wirtschaft insgesamt verbraucht. Wie eine Studie im Auftrag des Sachverständigenrats herausarbeitete, gehen 90 Prozent des gesamten Gasverbrauchs der deutschen Industrie für die 300 gasintensivsten Produkte drauf. Oder anders ausgedrückt: Selbst in der Industrie fällt Energie als Kostenfaktor für die allermeisten Betriebe kaum ins Gewicht – pro Euro Wertschöpfung liegt der Verbrauch im Schnitt fast überall unter einer Kilowattstunde. Das ist nur in ein paar Branchen deutlich anders – etwa bei allen, die Glas, Keramik, Papier, Pappe oder Metalle herstellen. Selbst in diesen Branchen ist nicht gesagt, dass Firmen deshalb vor der Schmelze stehen. Immerhin, so die Sachverständigen, hänge Überleben oder Siechen auch davon ab, wie stark die Branche außereuropäischer Konkurrenz ausgesetzt sei – und wie gut sie bisher verdiene, was so manchem ja ermögliche, höhere Kosten wegzustecken.

Sprich: Richtig kritisch dürfte es nur für Unternehmen werden, die sehr viel Energie brauchen, zugleich stark unter Konkurrenzdruck stehen – und keine hohen Gewinne haben, um Umsatzverluste aufzufangen. Und siehe da: So unglücklich sieht es nach systematischer Auswertung der Ökonominnen und Ökonomen im Rat nur in wenigen Zweigen der Industrie aus.

Die Hersteller von Getränken etwa verbrauchen zwar viel Energie, haben aber hohe Margen – und stehen kaum in Wettbewerb mit Konkurrenten aus Übersee. Was die Dramatik deutlich mindert. Umgekehrt konkurrieren etwa Hersteller von elektrischen Ausrüstungen zwar stark mit außereuropäischen Anbietern – brauchen dafür aber wenig Energie und Gas. Dazwischen liegen Branchen wie die Bekleidungsindustrie, bei denen zwar der Anteil von Gas hoch ist, aber die Energiekosten insgesamt nicht so ins Gewicht fallen. Zudem sind die Margen derzeit stattlich, was den Schock abzufangen hilft.

Nimmt man all diese Fälle aus, bei denen es aus dem einen oder anderen Grund keinen Anlass für akuten Alarm gibt, bleiben nur wenige sehr energieintensive Branchen übrig, die tatsächlich akut in Gefahr sind, so das Fazit der Sachverständigen: vor allem Firmen, die Glas, Keramik und Textilien, sowie mit Abstrichen jene, die Metalle herstellen. Es wäre gut, hier zu retten, was zu retten ist – vor allem aber jene Energieabhängigkeit zu lösen, die andere Branchen längst gelöst haben.

Die Gaspreise haben sich längst stabilisiert

Nun eine Kernschmelze der kompletten Industrie zu beschwören, ist nur absurd. Zumal es im Rest der Wirtschaft seit Jahren schon den Trend gibt, mit immer weniger Energie auszukommen – ein Trend, der jetzt noch einmal beschleunigt werden dürfte, so die Sachverständigen. In Studien sei bislang kein systematischer Zusammenhang zwischen Energiepreisen und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft festgestellt worden. Historische Beispiele von großen Energiekostenschocks wie etwa in Japan nach Fukushima ließen nicht befürchten, dass dadurch eine Deindustrialisierung ausgelöst wird.

Wenn energieintensive Industrien in einem Land schwinden, dessen erklärtes Ziel es ist, nicht mehr energieintensiv zu sein, um das Klima zu retten, dann ist es ziemlich widersinnig, darüber zu klagen, dass die energieintensiven Industrien schwinden.

Umso absurder wirkt das Gejammer, dass wir gerade jäh unseren Wohlstand verlieren . Es ist ja nicht so, als seien die Deutschen plötzlich nicht mehr fleißig – oder »Made in Germany« plötzlich unverkäuflich. Der Export liegt auf Rekordniveau. Die Deutschen bekommen allerdings gerade spürbar weniger für ihr Geld, weil durch Lieferengpässe nach den Coronalockdowns manche Waren knapp wurden – und es einen Krieg gibt, der alles, was mit Energie zu tun hat, schon vor seinem Ausbruch dramatisch hat teurer werden lassen.

Entscheidend ist, ob das so bleibt. Inzwischen schwinden die Lieferengpässe, was manche Preise schon wieder sinken lässt. Ähnliches gilt für Energie – auch wenn den üblichen Auguren derzeit unwahrscheinlich erscheint, dass etwa Gas jemals wieder so billig wird wie vor der Krise : Die Kurse sind in den vergangenen Wochen drastisch gesunken. Wie Berenbank-Chefökonom Holger Schmieding vorrechnet, dürften die Gaspreise nach jetzigen Schätzungen in den beiden kommenden Wintern bei 110 Euro pro Megawattstunde liegen. Das wären gut 100 Euro weniger als noch im September vermutet. Allein das dürfte dazu führen, dass Europas Gesamtgasrechnung um einen Betrag geringer ausfallen dürfte, der drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung entspreche – umso milder werde auch die Rezession, so Schmieding. Ganz neue Töne.

Klar: Selbst eine so schnelle Korrektur der zuletzt exzessiv gestiegenen Energiepreise wird nicht reichen, um die Verteuerung der Lebenshaltungskosten aus dem vergangenen Jahr völlig wettzumachen. Dafür sind in dem Sog zu viele andere Preise gestiegen, die nicht so schnell wieder fallen werden. Nur muss das keinen dauerhaften Wohlstandsverlust bedeuten. Zumal der davon abhängt, wie viele Einbußen durch höhere Löhne und staatliche Hilfen ausgeglichen werden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass nach einer spekulationsgetriebenen Preisexplosion die Rohstoffkurse kollabieren. So wie zuletzt nach 2014, als der Ölpreis binnen weniger Monate von gut 110 auf 50 Dollar je Barrel fiel. Wundersame Wohlstandsmehrung. Eine solche Entwicklung könnte diesmal noch befördert werden, weil gerade viel dafür getan wird, die Abhängigkeit von (russischem) Öl und Gas zu lösen – und schneller billigere erneuerbare Energie auszubauen. Auch das spräche dann eher für Wohlstandsgewinn als für -verlust. Zumal das ganz nebenbei noch den Vorteil hätte, dass keiner mehr auf die Idee käme, eine Weltmeisterschaft an ein Land zu vergeben, dessen größtes Qualifikationsmerkmal ist, dass es mit zufälligen Gasgewinnen den Fußball fördert.

Egal, wie man es wendet: Die Deutschen werden mit einiger Wahrscheinlichkeit auch diesmal nicht untergehen – zumindest nicht im Kern ihrer Industrie und in Sachen Wohlstand.

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