Erste umfassende Studie So leben Menschen ohne Wohnung

Sie führen ein Dasein im Schatten der Gesellschaft. Nun zeigt die erste systematische Untersuchung: Unter Wohnungslosen gibt es Nöte und Sorgen, aber auch viel Optimismus. Und in einem Punkt versagt die Politik.

Wohnungslose sind der blinde Fleck der amtlichen Statistik. Über den Großteil der Bevölkerung in Deutschland liegen detaillierte und umfangreiche Daten zu Einkommen, Gesundheit, Bildung oder Zufriedenheit vor. Nicht so über Menschen ohne eigene Wohnung. Man weiß nicht einmal exakt, wie viele es sind. Aber es sind viele: Auf rund 860.000 schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ihre Zahl in der bislang aktuellsten Schätzung für das Jahr 2016.

Erst recht gab es bislang keine belastbaren Daten über die Lebenssituation von Wohnungslosen, ihre Bedürfnisse und ihren Mangel. Dabei sind derartige Daten Voraussetzung dafür, dass die Politik Probleme erkennen und angehen kann. Schon lange kritisieren Fachleute, dass die Bundesregierung weder die Anzahl noch die Lebensumstände von Wohnungslosen erheben lässt.

"Wir fordern seit 20 Jahren eine Bundesstatistik zu diesem Problemkreis, aber wir kriegen sie nicht", sagt Jens Rannenberg, Vorsitzender des Ebet-Fachverbands, der zur Diakonie gehört und bundesweit Hilfen für Wohnungslose anbietet. Um etwas an dieser laut Rannenberg "unhaltbaren Situation" zu ändern, hat der Diakonie-Verband Ebet nun selbst eine Studie in Auftrag gegeben .

Daher liegt nun zum ersten Mal eine systematische und umfassende Untersuchung der Situation wohnungsloser Menschen vor. Verantwortliche Studienleiterin war Susanne Gerull, Professorin für Soziale Arbeit an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. 1135 Wohnungslose wurden dafür im Frühjahr 2018 befragt. Sie sind repräsentativ - zwar nicht für alle Wohnungslosen in Deutschland, aber doch für die, die Hilfe in den Einrichtungen der Diakonie erhalten. In insgesamt 70 Einrichtungen über alle Bundesländer hinweg füllten Wohnungslose den Fragebogen aus, in Städten ebenso wie auf dem Land. Künftig will die Diakonie die Befragung regelmäßig durchführen, sodass nicht nur wie diesmal eine Bestandsaufnahme möglich ist, sondern auch Entwicklungen im Zeitverlauf beobachtet werden können.

Wohnungslosigkeit ist nicht dasselbe wie Obdachlosigkeit. Wohnungslos zu sein bedeutet, keinen vertraglich abgesicherten Wohnraum zu haben - aber nicht automatisch, auf der Straße zu leben. Lediglich 14 Prozent der Befragten leben dort, in Zelten oder Abrisshäusern. Weitere zwölf Prozent übernachten in Notunterkünften, die tagsüber verlassen werden müssen - auch sie gehören im weiteren Sinne zu jenen, die auf der Straße leben. Rund drei von vier Wohnungslosen haben hingegen durchaus ein Obdach. Entweder kommen sie bei Freunden oder Bekannten unter. Oder sie leben in einer Pension oder in einem Wohnheim, ein großer Teil auch mit Betreuung durch Sozialarbeiter.

Einige Ergebnisse der Studie belegen nun gesichert, was zuvor nur vermutet werden konnte - andere überraschen eher: So sehen Wohnungslose mehrheitlich durchaus optimistisch in die Zukunft. Sechs von zehn glauben, dass sich ihre Situation binnen eines Jahres verbessert haben wird. Nur einer von zehn befürchtet, sie werde sich verschlimmern.

Die Studie leistet auch methodisch Pionierarbeit: Die Forscher entwickelten - gemeinsam mit Mitarbeitern der Diakonie und den Wohnungslosen selbst - ein Messinstrument für die Lebenslage der Wohnungslosen, den Lebenslagenindex.

Ähnlich wie in der modernen Armutsforschung wird dazu die Situation der Wohnungslosen in verschiedenen Lebensbereichen betrachtet:

  • Wohnen
  • Gesundheit
  • Sicherheit
  • Materielle Situation
  • Erwerbsarbeit
  • Soziale Netzwerke/Teilhabe

Zu jedem Bereich gehören zwei Fragen - eine nach objektiven Lebensumständen, eine weitere nach der subjektiven Einschätzung. Ein Beispiel: Im Bereich Erwerbsarbeit wird gefragt, ob und in welchem Umfang die Betroffenen bezahlte Arbeit haben. Ergänzend wird die Frage gestellt, wie zufrieden sie mit ihrer Erwerbssituation sind. Dieses Vorgehen ermöglicht es, das Befinden und die objektive Lage miteinander zu vergleichen. In jedem Bereich können maximal zehn Punkte erreicht werden, wobei die objektiven Fragen etwas höher gewichtet werden als die subjektiven. Die Höchstpunktzahl liegt bei 60 Punkten, je nach Ergebnis wird die Lebenslage als "sehr schlecht", "schlecht", "mittel", "gut" oder "sehr gut" eingestuft. (Ausführlichere Informationen zur Methodik finden Sie in der Studie .)

Fotostrecke

Ergebnisse der Studie: Ergebnisse der Studie: Was Sorgen macht - und was Hoffnung

Foto: imago/epd

Insgesamt stellt sich die Lebenssituation von Wohnungslosen sehr differenziert dar: Gut die Hälfte befindet sich in einer mittleren Lebenslage, rund jeder fünfte Wohnungslose sogar in einer guten oder sehr guten, 28 Prozent in einer schlechten oder sehr schlechten. Allerdings ist die subjektive Lebenslage im Schnitt deutlich schlechter als die objektive. Wertet man nur die Fragen nach dem Empfinden aus, sehen sich mehr als 40 Prozent in einer schlechten Lebenslage.

Mit Abstand die größte Bedeutung hat die existenzielle Sicherheit - konkret die Wohnsituation, der Zugang zu medizinischer Versorgung und das Sicherheitsgefühl. Diese Faktoren sind entscheidend für die gesamte Lebenslage von Wohnungslosen. Ein nachvollziehbarer Befund: "Menschen können sich erst dann Gedanken darüber machen, was sonst in ihrem Leben schiefläuft, wenn sie eine sichere Wohnung haben", erklärt Studienleiterin Gerull, die selbst jahrelange Erfahrung in der Sozialen Arbeit mit Wohnungslosen gesammelt hat. Wer auf der Straße lebe, werde sich zum Beispiel nicht mit seinem Umgang mit Alkohol auseinandersetzen, wenn er befürchten müsse, in der kommenden Nacht zu erfrieren.

Entsprechend alarmierend ist die Situation der Wohnungslosen, die auf der Straße leben müssen: Fast 20 Prozent sind in einer sehr schlechten Lebenslage, weitere 55 Prozent in einer schlechten. Kaum besser geht es Wohnungslosen, die Notunterkünfte nutzen - also Einrichtungen, in denen übernachtet werden kann, die tagsüber aber verlassen werden müssen. Hier befinden sich insgesamt 59 Prozent in einer sehr schlechten oder schlechten Lebenslage. Zum Vergleich: Unter den Bewohnern von Wohnheimen sind es 15 Prozent, bei Menschen in betreuten Wohngemeinschaften nur 6 Prozent.

Die Diakonie sieht durch diese Zahlen ihre Forderung nach einem Recht auf Wohnen bestätigt und appelliert an die Pflicht der Politik. "Wohnen ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht", sagt Maria Loheide, Vorstand für Sozialpolitik bei der Diakonie. "Wohnungslosigkeit verletzt die Menschenwürde jedes Einzelnen, missachtet individuelle Grundrechte und schadet unserer gesamten Gesellschaft", ergänzt Jens Rannenberg, Chef der Wohnungslosenhilfe der Diakonie.

Das Ziel müsse sein, Wohnungslose so schnell wie möglich wieder in festen Wohnungen unterzubringen und für die Übergangszeit flexible Lösungen zu finden - ein Konzept, das als "Housing First" bezeichnet wird. Denkbar seien etwa sogenannte Tiny Houses, also mobile Behausungen, die nicht dem Baurecht unterliegen. Eine weitere Möglichkeit sei es, bestehende bisherige Notunterkünfte so umzubauen, dass dort kleine Wohneinheiten entstehen. So wird es in Finnland gemacht, das der Diakonie zufolge ohnehin zum Vorbild taugt. Dort sei eine politische Entscheidung getroffen und eine Gesamtstrategie entwickelt worden, die Wohnungslosigkeit entschlossen zu bekämpfen.

Wohnungsloser mit Zelt in Berliner Tiergarten

Wohnungsloser mit Zelt in Berliner Tiergarten

Foto: Paul Zinken/ picture alliance / Paul Zinken/d

Allerdings müsste schon viel früher geholfen werden: noch bevor Menschen ihre Wohnung verlieren. Die Studie belegt, wie schnell und deutlich sich die Lebenslage bereits nach einem Monat in der Wohnungslosigkeit verschlechtert. Selbst wenn es also binnen Monaten gelingt, Betroffene wieder in eine eigene Wohnung zu bringen, können bleibende Schäden entstehen.

Doch gerade mit der Prävention steht es in Deutschland nicht zum Besten, konstatiert Diakonie-Vorständin Loheide. Sie verweist auf Defizite bei Hartz IV: Die vom Jobcenter gezahlten Beträge für Miete und Energie deckten zu oft nicht die tatsächlichen Kosten. Dadurch häuften Menschen Mietschulden an, Energierechnungen blieben unbezahlt. "Irgendwann ist das nicht mehr zu bewältigen, dann geben die Menschen innerlich auf und werden von der Situation überrollt. Sie verlieren ihre Wohnung", beschreibt Loheide. Die Sanktionen im Hartz-IV-System gehörten daher abgeschafft, fordert die Diakonie-Vorständin und kritisiert, dass bei unter 25-Jährigen sogar die Wohnkosten-Zahlungen gestrichen werden können.

Auf ein weiteres Defizit weist Studienleiterin Gerull hin. In der Untersuchung wiesen Bürger aus anderen EU-Staaten im Schnitt schlechtere Lebenslagen auf als wohnungslose Deutsche oder Menschen aus Nicht-EU-Staaten. Kein Wunder: Fast ein Drittel der wohnungslosen EU-Bürger leben auf der Straße. Zwar haben sie in der Regel keinen Anspruch auf Sozialleistungen, weil Deutschland so den Zuzug in die Sozialsysteme verhindern wolle, sagt Gerull. Dennoch verstoße der Staat gegen Recht: "In Deutschland gibt es eine Unterbringungsverpflichtung - auch für Bürgerinnen und Bürger aus der EU. Aber diese wird in vielen Kommunen nicht umgesetzt."

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