Prognose der WTO Welthandel droht Einbruch wegen des Ukrainekriegs

Wichtige Rohstoffe fehlen, Energie ist knapp und teuer: Europa muss sich auf gravierende Folgen des Ukrainekriegs gefasst machen, prophezeit die Handelsorganisation WTO. Für ärmere Länder sei das Risiko noch höher.
Frachter beim Einlaufen in den Hamburger Hafen: Ende des Handelsbooms?

Frachter beim Einlaufen in den Hamburger Hafen: Ende des Handelsbooms?

Foto: Markus Tischler / IMAGO

Der russische Krieg gegen die Ukraine könnte die globale Wirtschaft laut einer Analyse der Welthandelsorganisation (WTO) in diesem Jahr bis zu 1,3 Prozentpunkte Wachstum kosten. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2022 nach Modellrechnungen nur noch um 3,1 bis 3,7 Prozent wachsen, schrieb die WTO in einer Analyse über die Folgen des Krieges für den Handel.

Als Grund führt die Organisation höhere Lebensmittel- und Energiepreise und fallende Exporte Russlands und der Ukraine an. »Ärmere Länder sind durch den Krieg großen Risiken ausgesetzt, weil sie im Vergleich zu reicheren Ländern einen größeren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben«, hieß es. »Das könnte Folgen für die politische Stabilität haben.«

Im Oktober war die WTO noch von einem Wachstum des Welthandels in diesem Jahr um 4,7 Prozent ausgegangen. Dies könne nach neuen Berechnungen fast halbiert werden, prognostiziert die Handelsorganisation nun.

Energie und Getreide sind nicht die einzigen Herausforderungen

Es gehe nicht nur um russische und ukrainische Exporte von Energie, Getreide und Sonnenblumenprodukten. Russland sei einer der Hauptlieferanten von Palladium und Rhodium für die Herstellung von Katalysatoren für Autos, die Ukraine versorge die Halbleiterindustrie mit Neon.

Die Organisation warnt vor negativen Folgen, wenn die Weltwirtschaft in Handelsblöcke zerfalle und Länder wieder stärker auf Selbstversorgung in Produktion und Handel setzten. Das schade dem Wettbewerb und ersticke Innovation.

Die Folgen wären vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer gravierend. Doch auch die europäische Wirtschaft stehe vor großen Herausforderungen. »Europa wird die wirtschaftlichen Auswirkungen als Hauptabnehmer russischer und ukrainischer Exporte am stärksten zu spüren bekommen«, schreibt die WTO.

Deutsche Exporteure werden vorsichtiger

Deutsche Exporteure müssen bereits mit den Folgen des Krieges zurechtkommen. Probleme wie Lieferengpässe oder hohe Energie- und Transportkosten haben sich noch einmal deutlich verschärft, wie aus einer Umfrage des Kreditversicherers Allianz Trade hervorgeht. Dennoch rechnen weiter viele Firmen in diesem Jahr mit einem Umsatzanstieg. Die Zahl der Optimisten ist allerdings nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gesunken.

»Die russische Invasion in der Ukraine und der erneute Ausbruch von Covid-19 in China treffen den Welthandel doppelt hart mit geringeren Mengen und höheren Preisen«, sagte Ana Boata, Volkswirtin bei Allianz Trade. Durch Umwege wegen des Krieges und Hafenschließungen gebe es lange Transportzeiten. »Somit bleiben dem Welthandel Verspätungen und hohe Frachtraten länger erhalten als ursprünglich erwartet – auch aufgrund der hohen Energiepreise.«

Die hohen Energiepreise sehen etwa 80 Prozent der befragten Unternehmen als Herausforderung für ihre Exporttätigkeit. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) erwartet noch weiter steigende Kosten.

Infolge der weltweiten Konjunkturerholung nach der Coronakrise 2020 waren die Energiepreise bereits deutlich gestiegen. Nach Kriegsbeginn kam es zu weiteren Preissprüngen.

Keine Entspannung erwartet

Etwa doppelt so viele Exporteure wie vor dem Ukrainekrieg sorgen sich der Umfrage zufolge mittlerweile um steigende Zahlungsausfälle (58 Prozent) bei Abnehmern und um Störungen der Lieferketten (47 Prozent).

Hinzu kommen stark gestiegene Transportkosten. »Die meisten deutschen Unternehmen gehen davon aus, dass sich weder bei Transportkosten noch -zeiten 2022 Entspannung abzeichnen wird«, berichtete Milo Bogaerts, Chef von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mehr als die Hälfte der Firmen (53 Prozent) gehen mit Ausbruch des Ukrainekonflikts davon aus, dass sich die Situation weiter verschärft.« Vor Kriegsbeginn war dies nur bei etwa jedem dritten Unternehmen der Fall.

mmq/dpa
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