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06. Juli 2015, 12:16 Uhr

Rücktritt von Yanis Varoufakis

Abschied eines Rechthabers

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Yanis Varoufakis hätte die Chance gehabt, Europa von einem dringend benötigten Schuldenschnitt für Griechenland zu überzeugen. Dabei stand er sich selbst im Weg.

Manchmal kann man die öffentliche Bedeutung von Menschen an Börsencharts ablesen. Als Yanis Varoufakis am Montagmorgen per Twitter seinen Rücktritt als griechischer Finanzminister verkündete, schoss der Wechselkurs des Euro binnen Minuten nach oben. Wenn Varoufakis geht, ist das gut für die Eurozone, so die Botschaft der Finanzmärkte. Das muss man erst mal schaffen. (Lesen Sie hier die Rücktrittserklärung in Wortlaut).

Varoufakis hat sich seinen Ruf als Euro-Schreck hart erarbeitet. In den vergangenen viereinhalb Monaten hat er mit seinen ökonomischen Vorstellungen und Vorträgen nicht nur die griechische Krisenpolitik dominiert. Er hat es auch geschafft, die Finanzminister der anderen 18 Länder der Eurozone zu einen - gegen Varoufakis selbst. Einigen galten die Ideen des linken Wirtschaftsprofessors als politisch gefährlich, den meisten aber ging er am Ende einfach nur noch auf die Nerven.

Wie konnte das passieren?

Ginge es nur um seinen ökonomischen Sachverstand, hätte Yanis Varoufakis alle Chancen gehabt, große Teile Europas hinter sich zu versammeln. Er steht ja keineswegs allein mit seiner These, dass Griechenland einen Schuldenschnitt braucht, um finanziell überleben zu können.

Im Video - der Rücktritt von Yanis Varoufakis:

Auch in Deutschland und anderen Ländern gab es stets Kritik an der Strategie der internationalen Geldgeber, die Griechenlandkrise mit immer neuen Kreditprogrammen zu verlängern. Die verordneten Sparauflagen wurden von vielen Ökonomen weltweit als zu hart kritisiert. Und einen zumindest teilweisen Schuldenerlass forderte selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) schon, bevor Varoufakis ins Amt kam.

Diese Voraussetzungen hätte er als Minister geschickt nutzen können, um in Sachen Griechenlandpolitik eine breite Wechselstimmung in Europa zu erzeugen. Doch dabei stand ihm auch sein großes Ego im Weg.

Mit Motorrad, ohne Krawatte

Wo immer Varoufakis auftrat, ging es mehr um ihn als um sein Programm. Daran ist er sicher nicht allein schuld. Die Medien liebten den unkonventionellen Minister, der mit dem Motorrad zur Arbeit fuhr, ohne Krawatte zum Staatsbesuch reiste und sich gern mit dem politischen Establishment anlegte. Er brachte Schlagzeilen, Einschaltquoten und Klicks.

Unvergessen sind die Fotos, die Anfang März in der Zeitschrift "Paris Match" erschienen. Varoufakis und seine Frau mit Weißwein auf der Terrasse über den Dächern Athens. Varoufakis am Klavier. Varoufakis in seiner Bibliothek. Gerade jetzt, wo verzweifelte Bürger vor geschlossenen Banken stehen, sollten ihm diese Bilder noch einmal besonders peinlich sein.

Legendär und tragisch zugleich ist auch Varoufakis' Auftritt in der ARD-Talksendung "Günther Jauch" Mitte März, der als Stinkefinger-Affäre in die Fernsehgeschichte einging. In dieser Sendung kam alles zusammen: Die chauvinistische Haltung der deutschen Politik, verkörpert von CSU-Mann Markus Söder, der "die Griechen" immer wieder aufforderte, "ihre Hausaufgaben" zu machen. Die voreingenommene Position der deutschen Medien, die sich darin zeigte, dass die Redaktion ein zwei Jahre altes Video als aktuelle Rede verkaufen wollte. Und vor allem die seltsame Dreistigkeit von Varoufakis, der das Video als Manipulation abtat.

Auch in der europäischen Politik gelang es Varoufakis von Anfang an, sich Feinde zu machen. Als der Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem Ende Januar kurz nach der Wahl nach Athen flog, um sich ein Bild von der Lage zu machen, ließ Varoufakis ihn erst einmal auflaufen. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagte der frischgebackene Finanzminister bei der gemeinsamen Pressekonferenz in die Kameras und lehnte sich breit grinsend in seinen Stuhl zurück. Dijsselbloem blieb nicht viel mehr übrig, als entgeistert zu schauen, aufzustehen und seinem griechischen Kollegen im Rausgehen noch einen letzten Satz zuzuraunen: "Sie haben gerade die Troika gekillt."

Für viele seiner Finanzministerkollegen wurde Varoufakis in der Folge immer mehr zur Provokation. Bei den Treffen der Euro-Gruppe nervte er die auf Pragmatismus gepolten Bürokraten mit seinen langen Vorträgen über ökonomische Programme.

Am Ende war die Atmosphäre so vergiftet, dass beide Seiten sich nicht mehr die Mühe machten, ihren Ärger hinter anonymen Zitaten zu verstecken. Als EU-Parlamentspräsident Martin Schulz am Sonntagabend in den ARD-"Tagesthemen" interviewt wurde, weigerte er sich gar, Varoufakis' Namen zu nennen und sprach nur noch von "diesem griechischen Finanzminister". Am Tag zuvor hatte dieser Minister den Gläubigern noch "Terrorismus" vorgeworfen.

In einer solch verfahrenen Situation ist ein Rücktritt wohl die beste Lösung. Doch bei einem wie Varoufakis muss natürlich auch der Abgang sitzen. Die Euro-Gruppe habe dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras klargemacht, dass es besser wäre, ohne seinen Finanzminister weiter zu verhandeln, schrieb Varoufakis in seinem Blog. "Ich werde die Abscheu der Gläubiger mit Stolz tragen." So schafft er es selbst bei seinem Rücktritt noch, die eigene Bedeutung zu überhöhen.


Zusammengefasst: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis ist zurückgetreten. Seine ökonomischen Thesen wurden von vielen Experten geteilt. Doch durch seine ständigen Provokationen hat sich Varoufakis viele Feinde gemacht. Am Ende musste er gehen, um vielleicht doch noch eine Einigung möglich zu machen.

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