Yuan-Aufwertung Supermächte schachern um die Währungswende

Barack Obama und Hu Jintao zelebrieren den Geldgipfel: Bei ihrem Spitzentreffen in Washington wollen die Präsidenten den jahrelangen Währungsstreit entschärfen. Sollte China nachgeben und den Yuan tatsächlich aufwerten, hätte das auch Vorteile für Europa.

Obama, Chinas Präsident Hu: Währungsfrage oben auf der Tagesordnung
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Obama, Chinas Präsident Hu: Währungsfrage oben auf der Tagesordnung

Von , New York


Das spontane Treffen, erst tags zuvor anberaumt, dauerte 75 Minuten. Die vier Herren begrüßten sich in der klimatisierten VIP-Lounge des Pekinger Flughafens, zwischen hellen Sitzmöbeln und Bambuspflanzen. Kellner servierten Erfrischungsgetränke. Zum Abschluss schüttelten sich die zwei Wortführer die Hand und posierten für ein offizielles Foto.

US-Finanzminister Timothy Geithner war auf dem Heimweg von einem Kurzbesuch in Indien, als er vorigen Donnerstag einen unangekündigten Zwischenstopp in Peking einlegte. Dort traf er sich mit seinem chinesischen Amtskollegen, Vizepremier Wang Qishan. Begleitet von je einem Top-Berater unterhielten sich die beiden über "die amerikanisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen", "die globale Wirtschaftslage" und andere "Fragen".

Ein Punkt fehlte jedoch in der dürren, amtlichen Erklärung, die anschließend verbreitet wurde - die aktuelle Währungsdebatte zwischen den USA und China. Was nicht heißt, dass dieses Thema ausgespart wurde: Das "Wall Street Journal" berichtete unter Berufung auf US-Regierungskreise von "konstruktiven Beratungen" über die Geldpolitik. Nur wollte man das offenbar nicht an die große Glocke hängen.

Schließlich ist das Währungsthema einer der zentralen Streitpunkte zwischen der größten und der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt. Es dürfte mit ganz oben auf der Tagesordnung stehen, wenn sich die Präsidenten beider Staaten, Barack Obama und Hu Jintao, an diesem Montag am Rande des Washingtoner Atomgipfels zum bilateralen Gespräch treffen, um das in letzter Zeit gespannte Verhältnis zu lockern.

Experten halten den Yuan um bis zu 40 Prozent unterbewertet

Die Wechselkursrelation zwischen dem Dollar und dem Yuan ist ein wichtiger Faktor für die Wirtschaftslage der USA - und vieler anderer Staaten. Kurz: Gewinnt der Yuan an Wert, werden Chinas Exportgüter teurer. Bleibt er aber - wie zurzeit - künstlich auf niedrigem Niveau, überschwemmen chinesische Billigexporte weiter die Weltmärkte.

Kein Wunder also, dass vor allem Washington seit langem auf eine Aufwertung des Yuan drängt. Um die Wirtschaftskrise zu überwinden, will Obama die amerikanischen Exporte verdoppeln und das astronomische US-Handelsdefizit reduzieren, das die heimische Konjunktur und den Arbeitsmarkt hemmt.

Doch seit Mitte 2008 hält Peking, als Reaktion auf die globale Finanzkrise, die heimische Währung fest an den Dollar gekoppelt, zum Kurs von 6,8 Yuan pro Dollar. Damit ist der Yuan nach Meinung vieler Experten um bis zu 40 Prozent unterbewertet - ein enormer Vorteil für Chinas Exportwirtschaft.

Nun gibt es neuerdings aber verstärkte, wenn auch widersprüchliche Signale aus Peking, wonach die Volksrepublik ihre betonharte Wechselkursposition überdenkt. Eine Lockerung der Devisenpolitik, die in kleinen Etappen erfolgen würde, hätte weitreichende Folgen: US-Produkte würden für Chinas Verbraucher erschwinglicher, während die USA ihre schiefe Handelsbilanz ausbalancieren könnte. Das Verhältnis beider Länder würde sich entspannen.

Die zerstrittenen Partner wollen sich näherkommen

Das Handelsproblem ist die jüngste in einer ganzen Reihe von Verstimmungen zwischen Washington und Peking. Trotz anfänglichen Kuschelkurses schaltete Obama zuletzt auf stur, nachdem sich die Chinesen beim Klimagipfel von Kopenhagen unkooperativ gezeigt hatten. Im Januar segnete er einen spektakulären Waffenverkauf an Taiwan ab, das China als abtrünnige Provinz betrachtet. Und dann empfing er den Dalai Lama, das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, wenn auch unter allerlei diplomatischen Verrenkungen.

China reagierte auf diese Provokationen spürbar düpiert: Peking drohte mit Sanktionen gegen US-Rüstungsfirmen, klinkte sich aus den Iran-Gesprächen aus und vergraulte Google.

Jetzt aber wollen sich die zerstritten Partner wohl wieder näherkommen und ihre seit jeher komplizierte Zwangsehe kitten. Schließlich können sie nicht ohne einander - auch wenn das Machtverhältnis zugunsten Chinas gekippt ist, nicht zuletzt dank der Weltwirtschaftskrise. Die Bande sind vor allem ökonomische. So hält China mehr US-Staatsanleihen als sonst eine Nation. Außerdem sind die USA Chinas wichtigster Exportmarkt.

Ist China ein Währungsmanipulator?

Was wiederum zur Währungsfrage führt. Schon seit einiger Zeit protestieren die USA und andere Handelspartner gegen Chinas starre Währungspolitik, weil sie sich dadurch benachteiligt fühlen. Die Missstimmung, die lange hinter den diplomatischen Kulissen blieb, ist zuletzt immer offener zutage getreten.

Der amerikanische Ex-Finanzstaatssekretär Fred Bergsten, heute Direktor des Peterson Institutes for International Economics, nannte die Unterbewertung des Yuans vor dem US-Kongress "eine krasse Form von Protektionismus" - ein "Zoll" auf Importe nach China, mit dem die Volksrepublik außerdem seine Exporte subventioniere.

Bergstens Kollege Simon Johnson spricht von "Währungsmanipulation". Das ist der Kampfbegriff, mit dem der US-Kongress China droht. Die Abgeordneten forderten das US-Finanzministerium auf, das Land in seinem nächsten Währungsbericht offiziell als "currency manipulator" abzustempeln - ein Schritt, der Sanktionen die Tür öffnen würde.

Auch Obama und Geithner haben offen an China appelliert, einen "marktorientierteren Währungskurs" zu finden. Vor dem Wort "Manipulation" - und einem unweigerlichen Handelskrieg - scheuen sie aber zurück, weil Peking schon allein auf die Möglichkeit von Sanktionen extrem gereizt reagiert und "Gegenmaßnahmen" angedroht hat. Zugleich hat Geithner seinen Währungsreport bis Ende dieser Woche verzögert, um Obamas Gespräch mit Hu an diesem Montag nicht unnötig zu sabotieren.

"Eine Änderung scheint zunehmend wahrscheinlich"

Peking soll die Chance haben, seine Haltung zu ändern, ohne das Gesicht zu verlieren. "Keine Regierung will dastehen, als handele sie unter ausländischem Druck", sagt Währungsstratege Andy Rothman vom Brokerhaus CLSA Asia-Pacific Markets. "Jetzt, da die USA China mehr Spielraum gegeben haben, können die Chinesen beginnen, was sie ohnehin getan hätten, nämlich eine schrittweise Aufwertung."

Führende Experten sehen das ähnlich. "Eine Änderung scheint zunehmend wahrscheinlich", schrieb die US-Investmentbank RBC Capital Markets. "Ein erster Schritt wird in den nächsten Wochen oder gar Tagen erwartet." Insider rechnen dabei mit einer bis zu dreiprozentigen Aufwertung des Yuan.

Für die USA wäre schon das ein Segen - wenn auch bei weitem nicht genug für die härtesten Kritiker Chinas im Kongress. Im vergangenen Jahr betrug das US-Handelsdefizit 378,6 Milliarden Dollar. Das Geld fließt ins Ausland statt in die heimische Wirtschaft. Mehr als die Hälfte der Summe entfiel auf China - 226,8 Milliarden Dollar, fast viermal so viel wie in die Europäischen Union.

Nach Berechnung von Bergsten wäre eine Aufwertung des Yuan um 25 bis 40 Prozent nötig, um das gesamte US-Handelsdefizit um jährlich bis zu 150 Milliarden Dollar zu drücken. Eine solche Korrektur würde in den USA bis zu 1,2 Millionen neue Jobs schaffen. Exporte würden steigen, der Aufschwung würde gefordert, die US-Wirtschaft "breit justiert".

Das chinesische Handelsministerium bleibt hart

Ähnliche Vorteile erträumen sich alle Top-Handelspartner Chinas. Nach den USA und Hongkong folgen auf dieser Liste: Japan, Südkorea, Deutschland, die Niederlande, Großbritannien, Singapur, Indien und Australien. Auch würde ein Anstieg des Yuan andere Währungen in der Region mit sich ziehen. Etwa den japanischen Yen oder den australischen Dollar.

Am Wochenende jedoch geriet die erhoffte Währungswende Chinas vorübergehend ins Stocken. Da verkündete Peking sein erstes Handelsdefizit seit fast sechs Jahren - 7,24 Milliarden Dollar im März. Schon fürchten Beobachter, dass dies Chinas Bereitschaft zur Yuan-Aufwertung wieder abkühlen könnte. Das ließ sich auch aus entsprechenden harten Äußerungen des chinesischen Handelsministeriums ablesen, das diesem Schritt stets kritisch gegenüberstand.

Umso mehr richten sich jetzt alle Augen auf das Treffen Obamas mit Hu. Und das wird nicht in einer VIP-Flughafenlounge stattfinden, sondern mit allem Prunk im Weißen Haus.

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Seite 1
kleenermann 04.03.2010
1.
1.300.000.000 Menschen vs. 82.000.000 allein daher hingt der Vergleich. Wenn man das BIP/Kopf oder den Wert der ausgeführten Güter pro Kopf betrachtet sieht das alles schon etwas anders aus.
Hartmut Dresia, 04.03.2010
2.
Zitat von sysopChina hat Deutschland als Exportweltmeister abgelöst. Was kann die Bundesrepublik von den kommunistischen Kapitalisten lernen? Oder taugt die Volksrepublik grundsätzlich nicht als Vorbild?
Die Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Bevölkerung, die Überflüssigkeit von Menschen- und Freiheitsrechten, das sind sicherlich Dinge, die sich die politische Führung genauer anschauen sollten. http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/
Harald E, 04.03.2010
3.
Zitat von Hartmut DresiaDie Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Bevölkerung, die Überflüssigkeit von Menschen- und Freiheitsrechten, das sind sicherlich Dinge, die sich die politische Führung genauer anschauen sollten. http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/
Ich glaube, das hat man sich schon sehr genau betrachtet und es wird nur nach an dem hosenanzug-tauglichen Duktus gearbeitet, mit dem uns Fräuleinchen die "Wohltaten" an die Backe näht.
lupenrein 04.03.2010
4.
Zitat von sysopChina hat Deutschland als Exportweltmeister abgelöst. Was kann die Bundesrepublik von den kommunistischen Kapitalisten lernen? Oder taugt die Volksrepublik grundsätzlich nicht als Vorbild?
Deutschland und China nähern sich gegenseitig an. Deutschland in Richtung 'nach unten' , China in Richtung Änach oben'. Die Frage ist nur, w o treffen sie sich ? Ich fürchte : in der unteren Hälfte der Strecke.
japan10 04.03.2010
5.
Zitat von sysopChina hat Deutschland als Exportweltmeister abgelöst. Was kann die Bundesrepublik von den kommunistischen Kapitalisten lernen? Oder taugt die Volksrepublik grundsätzlich nicht als Vorbild?
china steht vor riesigen gesellschaftlichen Problemen. Umwelt, Energie, Landbevölkerung, zum Wachstum verdammt. Der Hauptfaktor sind die niedrigen Löhne, dabei bleibt offen, wie lange das Volk mitmacht. Als sich taiwanesische Unternehmer in der Krise absetzten, konnte man die Arbeitermacht sehen. Nein, ein Vorbild ist China nicht - eher sollte nachgedacht werden, wie man die mangelnde Qualität, die aus diesem Land kommt, bekämpft.
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