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30. Dezember 2014, 14:57 Uhr

Zuwanderung

Eine Viertelmillion Rumänen und Bulgaren arbeiten in Deutschland

Die Zahl von Rumänen und Bulgaren mit Job in Deutschland hat sich binnen eines Jahres nahezu verdoppelt: Fast 260.000 Menschen aus den beiden Ländern arbeiteten im Herbst hier, zeigt eine Erhebung, die manche Vorurteile entkräften kann.

Nürnberg - Die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Menschen aus Bulgarien und Rumänien zeichnet sich deutlich auf dem deutschen Arbeitsmarkt ab. Im Oktober waren hierzulande rund 257.000 Bulgaren und Rumänen beschäftigt - gut 125.000 mehr als im Dezember 2013, wie das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) mitteilte. Demnach lebten im November rund 534.000 Bulgaren und Rumänen in Deutschland, etwa 120.000 mehr als im Dezember 2013.

Auch die Beschäftigungsquote erhöhte sich deutlich. Sie lag im Oktober dieses Jahres bei 56 Prozent (Oktober 2013: 43 Prozent). Der starke Anstieg könne dadurch erklärt werden, dass viele der bereits in Deutschland lebenden Bulgaren und Rumänen die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten infolge der Arbeitnehmerfreizügigkeit genutzt hätten, sagte IAB-Experte Herbert Brücker.

Bulgaren und Rumänen zählten zu den "relativ gut integrierten Ausländergruppen im deutschen Arbeitsmarkt". Insbesondere sei die Arbeitslosenquote unter Rumänen niedriger als im Bundesdurchschnitt. Allerdings ist die Lage laut IAB regional sehr unterschiedlich. In den Großstädten seien die Arbeitslosen- und Hartz-IV-Quoten unter Bulgaren und Rumänen höher als auf dem Land.

Keine Belege für das Kindergeld-Vorurteil

Die Arbeitslosenquote der in Deutschland lebenden Bulgaren und Rumänen lag im Oktober 2014 bei 9,2 Prozent und ist im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,3 Prozentpunkte gesunken. Die Quote der Hartz-IV-Bezieher stieg allerdings an, und zwar von 10,9 Prozent im Dezember 2013 auf 14,1 Prozent im September 2014. Das war jedoch immer noch weniger als die Hartz-IV-Quote unter Ausländern in Deutschland insgesamt, die bei 16 Prozent lag.

IAB-Experte Brücker widersprach Annahmen, dass viele Rumänen und Bulgaren vor allem wegen des Anspruchs auf Kindergeld nach Deutschland kämen. Nur für 16,8 Prozent der Kinder aus bulgarischen und rumänischen Familien bestand demnach im November Kindergeldanspruch. Im Durchschnitt der ausländischen Bevölkerung lag dieser Anteil bei 27,1 Prozent und im Gesamtdurchschnitt bei 17,8 Prozent. "Für die Hypothese, dass viele Bulgaren und Rumänen wegen des Anspruchs auf Kindergeld nach Deutschland kommen, gibt es vor dem Hintergrund dieser Zahlen keine statistischen Belege", sagte Brücker.

Bulgaren und Rumänen haben seit Anfang 2014 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa. Das heißt, sie dürfen wie alle anderen Bürger der Europäischen Union in Deutschland und anderen EU-Mitgliedsländern uneingeschränkt arbeiten. Die Neuerung hatte für heftige Debatten über eine angebliche "Armutszuwanderung" aus den beiden Staaten gesorgt.

Für das Jahr 2015 erwartet IAB-Experte Brücker - abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung - dass etwa 100.000 bis 150.000 Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland kommen.

mmq/AFP

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