DIW-Studie zu Selbständigkeit Unternehmer und trotzdem arm

Immer mehr Menschen machen sich selbständig, arbeiten aber als Solo-Unternehmer ohne Angestellte - laut einer Studie ist ihre Zahl im vergangenen Jahrzehnt um rund 40 Prozent gestiegen. Zeugt die Zahl von neuem Gründergeist in Deutschland? Oder eher von unsozialer Politik?

Eine Reinigungskraft bei der Arbeit: Viele Alleinunternehmer verdienen nur wenig Geld
DPA

Eine Reinigungskraft bei der Arbeit: Viele Alleinunternehmer verdienen nur wenig Geld

Von Julian Kutzim


Hamburg/Nürnberg/Berlin - Kein Chef und keine festen Arbeitszeiten, dafür ein gutes Einkommen - so verlockend klang das Leben eines Alleinunternehmers lange Zeit. Deren Zahl stieg in den Jahren 2000 bis 2011 um rund 800.000 auf 2,6 Millionen an, wie aus einer Studie hervorgeht, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlicht hat.

Der Studie zufolge ist die Zunahme hauptsächlich auf Alleinunternehmer, also auf Selbständige ohne Angestellte zurückzuführen. Deren Zahl wuchs im vergangenen Jahrzehnt um 40 Prozent. "Hauptgrund für diese Entwicklung ist die Förderung durch die Arbeitsagenturen", sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des DIW. Die Arbeitsmarktagenturen hätten zwischen 2003 und 2006 mit der Förderung der "Ich-AG" und ab Mitte 2006 mit einem Gründungszuschuss für einen starken Anstieg der Solo-Selbständigkeit gesorgt.

Neben der Förderung spielen laut Studie auch Veränderungen am Arbeitsmarkt eine Rolle - zunehmend würden Arbeiten von Unternehmen ausgelagert und an Selbständige abgegeben: "Das ist keine Modernisierung, sondern eine Segmentierung des Arbeitsmarktes, die nicht nur positive Züge hat", meint Brenke. "Vor allem nicht, wenn ich mir die Einkommenssituation und die Entwicklung im Zeitverlauf ansehe."

Die Erkenntnisse der DIW-Studie stoßen in der Politik auf höchst unterschiedliche Reaktionen - je nachdem, in welchem politischen Lager man nachfragt. "Die vom DIW festgestellte Zunahme bei den Selbständigen ist zu begrüßen. Denn es gilt: Wenn Unternehmer etwas unternehmen wollen, dann ist dies gut für den Standort, positiv für die Menschen und stärkt unsere sozialen Sicherungssysteme", sagt Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. "Viele Gründer schaffen zusätzlich noch weitere Arbeitsplätze, indem sie Mitarbeiter einstellen."

Das gelingt allerdings nur einem kleinen Teil der Neu-Unternehmer: "Nach fünf Jahren kann man feststellen, dass etwa zehn Prozent der Solo-Selbständigen Arbeitnehmer angestellt haben", so Brenke. Ein größerer Teil würde wieder aus der Selbständigkeit aussteigen und selbst Arbeitnehmer werden - für Brenke ein Indiz dafür, dass sich viele Alleinunternehmer eher aus der Not heraus für die Selbständigkeit entscheiden als aufgrund einer guten Idee.

"Der starke Anstieg der Solo-Selbständigen ist eine direkte Folge der unsozialen rot-grünen Agenda-Politik und ihrer Fortsetzung unter Schwarz-Gelb", sagt Sahra Wagenknecht, Stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke. Auch das Etikett Selbständigkeit täusche nicht darüber hinweg, dass es sich um prekäre Beschäftigung mit miserabler Bezahlung handele. "Diese Menschen leben ohne jede soziale Absicherung, Altersarmut und finanzieller Ruin im Krankheitsfall sind vorprogrammiert."

Nach DIW-Berechnungen liegt der Durchschnittsverdienst der Alleinunternehmer bei 12,70 Euro und damit unter dem der Arbeitnehmer. Einige Alleinunternehmer verdienen anscheinend noch nicht einmal genug, um ihre Existenz zu sichern. Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem vergangenen Jahr zufolge fallen 12,5 Prozent der Solo-Selbständigen unter die monatliche Armutsgrenze von 925 Euro. Und auch die aktuellen Berechnungen des DIW ergeben: Die unteren zehn Prozent der Alleinunternehmer verdienen im Schnitt nur 800 Euro brutto im Monat.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) unterstützt solche Selbständigen, aktuell beziehen rund 127.000 Unternehmer als sogenannte "Aufstocker" Zuschüsse in Form von Hartz IV. "Insgesamt ist es positiv, wenn mehr Menschen den Mut zur Selbständigkeit haben", sagt Frank-Jürgen Weise, Vorstandschef der BA. "Kritisch sehe ich aber, dass die Zahl der Selbständigen zunimmt, die von ihrer Arbeit nicht leben können und daher aufstockende Leistungen des Staates beziehen müssen." Hier müsse stärker hinterfragt werden, ob ein Geschäftsmodell überhaupt tragfähig sei.

mit Material von dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Helotie 13.02.2013
1.
Zitat von sysopDDPImmer mehr Menschen machen sich selbstständig, arbeiten aber als Solo-Unternehmer ohne Angestellte - laut einer Studie ist ihre Zahl im vergangenen Jahrzehnt um rund 40 Prozent gestiegen. Zeugt die Zahl von neuem Gründergeist in Deutschland? Oder eher von unsozialer Politik? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zahl-der-selbststaendigen-steigt-einkommen-im-niedriglohnbereich-a-883130.html
Klar, ich bin auch "Solo-Unternehmer". Ich sammele leere Dosen und Flaschen in der Innenstadt! Freiberuflich gehe ich noch mit nem .38er betteln. Was ist nur aus diesem Land geworden? Armes Deutschland! Krankes Deutschland!
suchenwi 13.02.2013
2. Zurück ins mittlere 19. Jahrhundert
Zu den "neuen Selbständigen" zählen z.B. Paketfahrer, die mit eigenem Auto dazu beitragen, dass Zustelldienste immer weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigte brauchen. Oder Hotel-Zimmermädchen mit Werkvertrag. Ohne Tarifvertrag, ohne Betriebsrat, ohne z.B. Urlaubsanspruch... Seit einigen Jahren kommt es mir schon so vor, als ob dieses Land einen allmählichen Rollback hinter die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 150 Jahre vornimmt. :-(
abryx 13.02.2013
3. Lieber arm aber frei
Nach viele schlechten Erfahrungen als Angestellter mag ich nicht mehr mit Magengeschwüren nach Hause gehen, das Wochenende in Existenzanggst verbringen, mit Übelkeit zur Arbeit gehen und das Gesellschaftmobbing von Psycopatisch veranlagten Vorgesetzen über mich ergehen lassen, nur um mich selbst in falscher Sicherheit für einen angeblich sicheren Arebitsplatz zu wiegen. Seit Jahren wurschlte ich mich durch, verdiene im Quartal weniger als manch ein höherer Angestellter im Monat und arbeite zusaätzlich noch als 400€ Sklave im Lager um dadurch wenigstens meine Krankenversicherungszahlung auszugleichen. Macht weder reich noch glücklich aber wenigstens macje ich das, was mir wehr oder weniger Freude bereitet und ich liege nicht dem Staat auf der Tasche!
Helotie 13.02.2013
4.
Zitat von suchenwiZu den "neuen Selbständigen" zählen z.B. Paketfahrer, die mit eigenem Auto dazu beitragen, dass Zustelldienste immer weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigte brauchen. Oder Hotel-Zimmermädchen mit Werkvertrag. Ohne Tarifvertrag, ohne Betriebsrat, ohne z.B. Urlaubsanspruch... Seit einigen Jahren kommt es mir schon so vor, als ob dieses Land einen allmählichen Rollback hinter die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 150 Jahre vornimmt. :-(
Absolut! Das Ärgerliche ist, daß wir das ein paar endgierigen, hirngeschädigten Idioten verdanken. Unsere tollen Politiker sind nur Erfüllungsgehilfen. Nach dem kommenden Zusammenbruch, ob wirtschaftlich oder militärisch ist gleichgültig, werden wir Warlords mitten in Deutschland haben. Energie und Nahrung bei ausgepowerten Äckern fehlen, und der Hunger kommt! Mal fini.
jan1985 13.02.2013
5.
ich finde es überhaupt erst mal mutig den Schritt zu wagen und nicht gleich nach Vater Staat zu rufen. außerdem kann ich die Unternehmen verstehen, die ihre Arbeit an Subi's ohne Gewerkschaft etc. abgeben. dort ist die Motivation noch vorhanden...
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