Zensurvorwurf gegen DIW-Chef Zimmermann "Hier kann nicht jeder schreiben, was er will"

Zensur? Nicht bei uns! Im neuen SPIEGEL verwahrt sich Klaus F. Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, gegen den Vorwurf, eine Studie zum Fachkräftemangel in Deutschland selbstherrlich auf Hauslinie getrimmt zu haben - und geht zum Gegenangriff über.
DIW-Präsident Zimmermann: "Es gab eine Kommunikationspanne bei uns."

DIW-Präsident Zimmermann: "Es gab eine Kommunikationspanne bei uns."

Foto: ddp

Hamburg - Leidet die deutsche Wirtschaft unter Fachkräftemangel? Oder doch nicht? Gibt es Zensur bei einem wichtigen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut? Oder doch nicht?

Um diese zwei Fragen dreht sich eine delikate Affäre aus dem ansonsten eher beschaulich wirkenden Betrieb des volkswirtschaftlichen Expertentums. Im Mittelpunkt des Ganzen: Klaus F. Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Zimmermann übt im neuen SPIEGEL heftige Kritik an seinem Arbeitsmarktexperten Karl Brenke. Dieser hatte eine Studie erstellt, in der er zum Schluss kommt, der erwartete und auch in den Medien viel diskutierte Fachkräftemangel in Deutschland sei nichts weiter eine "Fata Morgana".

Brenkes Analyse sollte am vergangenen Dienstag veröffentlicht werden. Nachdem der SPIEGEL aber daraus berichtete hatte, wurde sie zwei Tage zurückgehalten - und überarbeitet.

Das DIW brachte mit der Überarbeitung in Einklang, was eigentlich nicht in Einklang zu bringen war: Die Meinung von Institutschef Zimmermann, der besagten Fachkräftemangel diagnostiziert und die Meinung seines Untergebenen Brenke, der eben diese Diagnose für fragwürdig hält.

In der neuen Fassung tauchten komplett neue Passagen auf, an anderen Stellen hatte das DIW Füllwörter eingefügt, um Brenkes eindeutige These abzuschwächen, stellenweise fielen ganze Sätze und Passagen in der Neufassung weg. Am Ende des Berichts kommentierte schließlich DIW-Präsident Zimmermann selbst die Studie - und rückte Brenkes Ergebnisse endgültig zurecht.

Dem SPIEGEL sagte Zimmermann nun: "Es gab eine Kommunikationspanne bei uns." Und weiter: "Was der SPIEGEL vorab über das Papier berichtete, hatte noch nicht den normalen Bearbeitungsprozess durchlaufen, deshalb standen auch einige Aspekte wie zum Beispiel der Titel nicht schlussendlich fest", so Zimmermann.

Eines sei jedoch klar: "Hier kann nicht jeder schreiben, was er will." Es gebe einen Qualitätskontrollprozess und vor der Veröffentlichung ein Einspruchsrecht verschiedener Leute. Der Autor müsse seine Analyse mit seinen Kollegen und seinem Abteilungsleiter diskutieren. Es gehe um wissenschaftliche Qualität unter Wahrung fachlicher Unabhängigkeit.

Zimmermann führt auch Beispiele aus der Studie an, mit denen er de facto die wissenschaftliche Qualifikation seines Mitarbeiters in Frage stellt: So seien kaum gestiegene Löhne von Facharbeitern - wie von Brenke unterstellt - nicht zwingend ein Beleg für die Abwesenheit von Fachkräftemangel. Ein anderer Punkt seien die offenen Stellen, "die Herr Brenke als Beleg herangezogen hat", so Zimmermann. "Offene Stellen sind eben oft nicht passgenau zu den Qualifizierungen der Arbeitslosen. Man kann eben nicht daraus schließen, dass es keinen Fachkräftemangel gibt, nur weil es genügend offene Stellen gibt."

Ein Akt der Zensur sei das Erarbeiten einer neuen Fassung der Studie aber nicht. "Wenn ich das getan hätte, wären zumindest auch die Passagen mit den Löhnen und offenen Stellen in der neuen Fassung nicht enthalten gewesen. Herr Brenke hat die von ihm gewünschte Position als Diskussionsbeitrag einnehmen können." Ob Brenke Konsequenzen zu befürchten hat, ließ Zimmermann offen. "Wir haben die Frage, was wir daraus lernen können, noch nicht besprechen können."

Was nichts anderes heißt als: Ausgestanden ist die Sache noch lange nicht.

tdo
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.