ZEW-Chef Fuest "In der Euro-Zone droht eine Zombifizierung"

Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber der Mini-Aufschwung ist wackelig. Der Ökonom Clemens Fuest warnt im Interview vor einer langen Malaise und prophezeit: Ohne einen Schuldenschnitt kommt die Euro-Zone nicht mehr auf die Beine.
Baustelle in Hannover: Ohne Schuldenschnitt kein Ende der Krise

Baustelle in Hannover: Ohne Schuldenschnitt kein Ende der Krise

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Das wichtigste Konjunkturbarometer Deutschlands, der Ifo-Geschäftsklimaindex, ist wieder gestiegen - kann die deutsche Wirtschaft jetzt aufatmen?

Fuest: Fürs Aufatmen ist es noch zu früh, wir haben zwar einen moderaten positiven Trend in Deutschland, aber die Rahmenbedingungen und vor allem die Lage in Europa sind sehr unsicher. Mittlerweile beschränkt sich die Krise ja nicht mehr auf Südeuropa, sondern sie hat auch auf Frankreich übergegriffen, das für deutsche Unternehmen ein sehr wichtiger Handelspartner ist. Dazu kommt die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken weltweit - das stützt zwar derzeit die Kapitalmärkte, der Trend kann aber durchaus bald kippen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, der seit langem angekündigte Aufschwung in der zweiten Hälfte 2013 wird nicht kommen?

Fuest: Nein, davon ist in Europa nichts zu sehen. In Deutschland droht die Konjunktur aber auch nicht abzustürzen - wir werden eher eine Seitwärtsbewegung sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Rettung nicht von Europa ausgeht, kann Asien helfen?

Fuest: Darin besteht tatsächlich eine Hoffnung für die wirtschaftliche Erholung in Europa: Dass wir aus Asien eine stärkere Nachfrage nach europäischen Produkten bekommen. Allerdings schwindet diese Hoffnung, wenn sich die Konjunktur in China abkühlt, was sich auf den gesamten asiatischen Raum auswirken wird. Dazu kommt noch die aggressive Abwertungspolitik des Yen in Japan - alle diese Faktoren stellen in Frage, dass die Euro-Zone sich durch Exporte aus dem Sumpf ziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wenn China schwächelt, die USA und Japan ihre Staatsschulden nicht in den Griff bekommen und Europa weiterhin nicht wächst - gleitet die Weltwirtschaft in die Rezession ab?

Fuest: Das wäre übertrieben. Die USA erholen sich, und wir haben in Asien und in einigen Schwellenländern Lateinamerikas noch ganz gute Wachstumsraten. Allerdings nimmt dort auch die Verschuldung enorm zu - beispielsweise in Brasilien -, und damit steigen auch die Risiken. Für Deutschland waren die Exporte in die Schwellenländer zuletzt eine wichtige Stütze - jetzt ist natürlich die Frage, woher kommen die neuen Wachstumsquellen?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie darauf eine Antwort?

Fuest: Nein, dynamische Wachstumsquellen sind derzeit nicht in Sicht. Stattdessen nehmen die Spannungen in Europa zu: In Südeuropa besteht ja seit langem - und das muss man mal anerkennen - eine erhebliche Bereitschaft, große Belastungen hinzunehmen. Die Menschen in diesen Ländern haben ja wirklich ihren Gürtel enger geschnallt - jetzt verlangen sie, dass es irgendwann auch wieder aufwärts gehen muss. Das ist verständlich, aber nicht leicht zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss die Politik in Europa denn tun?

Fuest: Die Krise in Europa besteht aus mehreren Elementen: Wir haben mangelndes Vertrauen der Investoren, wir haben Überschuldung und wir haben ein Problem mangelnder Wettbewerbsfähigkeit einiger Volkswirtschaften. Wenn man aber ein Problem angeht, verschlimmert man möglicherweise das andere. Nur ein Beispiel: Wenn ein Land Steuern erhöht, um das Problem der Staatsverschuldung anzugehen, leidet die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft. Diese Zielkonflikte sind ein wichtiger Grund dafür, dass wir aus der Krise nicht herauskommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lösung gibt es für die europäischen Probleme?

Fuest: Wir brauchen den Mut zu unpopulären Schritten. In der Euro-Zone droht eine Zombifizierung: Damit ist gemeint, dass wir in Europa günstige Kredite zur Verfügung stellen, als hätten wir ein Problem mit der kurzfristigen Geldversorgung. In Wirklichkeit haben wir in der Euro-Zone Probleme mit der Überschuldung - und die kann man mit neuen Krediten nicht lösen. Um Schuldenschnitte sowohl im privaten Sektor, beispielsweise bei einigen Banken, als auch bei einigen Staaten werden wir nicht herumkommen. Das ist natürlich sehr unangenehm und unpopulär, aber ich glaube nicht, dass es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen kann, wenn die Verschuldung in den Krisenstaaten nicht deutlich gesenkt wird.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, die Strategie des billigen Geldes der Notenbanken weltweit ist am Ende?

Fuest: Die Liquidität, die eigentlich in die Realwirtschaft fließen soll, führt eher zu Blasen - das ist gerade am japanischen Aktienmarkt zu beobachten. Ähnliche Sorgen gibt es an den Immobilienmärkten oder den europäischen Aktienmärkten. Wir haben eine gespaltene Entwicklung an den Kapitalmärkten und der Realwirtschaft in Europa. Die Notenbanken müssen diese Entwicklung genau beobachten, sonst können diese Blasen sehr plötzlich platzen - ähnlich wie das am Donnerstag passierte, als der Nikkei-Index um sieben Prozent einbrach.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn kein Vertrauen, dass die Notenbanken diese Situation bewältigen?

Fuest: Mein Vertrauen ist da begrenzt. Sicherlich sind die Notenbanken hier in einem Dilemma: die lockere Geldpolitik wird benötigt, um die schwache Konjunktur zu stimulieren. Das geht nicht, ohne gewisse Risiken in Kauf zu nehmen. Aber ich glaube nicht, dass die Lage wirklich unter Kontrolle ist.

Das Interview führte Nicolai Kwasniewski
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