Zinsentscheid der EZB Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Erstmals könnte ab diesem Donnerstag ein Minus vor einem EZB-Zinssatz stehen - ein sichtbares Symbol für die Krise des Kapitalismus. Wer Geld sicher anlegen will, wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft.
Draghi denkt: Erneute Zinssenkung wahrscheinlich

Draghi denkt: Erneute Zinssenkung wahrscheinlich

Foto: © Francois Lenoir / Reuters/ REUTERS

Die Abwicklung des Kapitalismus erfolgt streng nach Fahrplan. Am heutigen Donnerstag um 13.45 Uhr wird die Europäische Zentralbank (EZB) das Ergebnis ihrer Ratssitzung verkünden. Um 14.30 Uhr erläutert EZB-Präsident Mario Draghi die Details der Beschlüsse.

Alles andere als eine erneute Lockerung der Geldpolitik wäre eine Überraschung - so konzertiert wie selten zuvor haben die Mitglieder des EZB-Rats in den vergangenen Wochen Bürger und Börsen auf diesen Schritt eingestimmt. Ihr eigenes Mandat lässt den Notenbankern dabei kaum eine Wahl. Die Inflationsrate in der Eurozone liegt bei 0,5 Prozent, deutlich unter dem Zielwert der EZB von knapp zwei Prozent.

Doch etwas ist anders beim heutigen Zinssenkungsdienst nach Vorschrift. Zum ersten Mal in der Geschichte der EZB könnte ab Donnerstagnachmittag ein Minus vor einem der Zinssätze stehen. Und zwar vor jenem Wert, zu dem Banken ihr überschüssiges Geld bei der EZB parken können. Wer sein Geld wirklich sicher anlegen will, muss dafür also Strafe zahlen.

Das negative Vorzeichen würde zum sichtbaren Symbol für eine Realität, die in Wahrheit längst eingetreten ist. Denn nach Abzug der mageren Inflationsrate bedeuten auch die jetzigen EZB-Zinssätze bereits Monat für Monat Kapitalvernichtung.

Alles nur vorübergehend, geben Volkswirte dann gerne Entwarnung. Alles nur Spätfolgen von Finanz- und Eurokrise. Jetzt die Zinsen noch ein bisschen weiter senken, ein paar Strukturreformen in Südeuropa (sagen die Rechten) oder das ein oder andere EU-Investitionsprogramm (sagen die Linken), dann wird das schon wieder mit dem Kapitalismus.

Schon immer ließ sich das Ende eines Systems besonders schwer erkennen, wenn man Teil des Systems ist.

Im Jahre sieben nach Ausbruch der Finanzkrise ist es langsam Zeit für die Frage: Was, wenn die vermeintliche Ausnahme in Wahrheit die Regel ist? Wenn es sich bei der Kombination aus niedrigen Zinsen, niedrigem Wachstum und niedriger Inflation, die weite Teile Europa seit 2008 ebenso im Griff hält wie die USA und Japan, um die neue Normalität handelt? Wenn das seit Jahrzehnten praktizierte westliche Wirtschaftsmodell, sich immer niedrigere Wachstumsraten mit immer höheren Staatsschulden zu erkaufen, an seinem Schlusspunkt angelangt ist?

Zunächst einmal müssten wir dann wahrscheinlich aufhören, unser System als Kapitalismus zu bezeichnen - denn der beruht ja gerade darauf, dass Kapital einen Preis hat und auch in risikofreien Anlageformen Rendite erzielt. Doch nennenswerte Gewinnchancen gibt es im neuen Postkapitalismus nur noch für denjenigen, der mit seinem Geld auch Verlustrisiken eingeht. Etwa, indem er griechische Staatsanleihen kauft oder sich an Unternehmen beteiligt, die pleitegehen können. Das ist eine schlechte Nachricht für alle ängstlichen Sparer. Aber auch für alle Superreichen und Großbanken, deren Vermögen sich bislang von selbst vermehrte.