Zur Zukunft des Bertelsmann-Konzerns Reinhard Mohns schwieriges Erbe

Bertelsmann ist das Konstrukt eines verhinderten Ingenieurs: Reinhard Mohn. Die Nachfolgeregelung sollte das Meisterstück des Patriarchen werden. Geglückt ist ihm das nur zum Teil. Biograf Thomas Schuler über die Zukunft des wichtigsten deutschen Medienkonzerns.

DDP/ Bertelsmann

Den Tod vor Augen, schrieb Reinhard Mohn einen Abschiedsbrief an seine zweite Ehegattin Liz. Er war adressiert "an die Frau, die mir zur Lebenspartnerin geworden war und deren unverbrüchliche Gemeinschaft mir so viel bedeutete". Mohn glaubte, er hätte nur noch wenige Augenblicke zu leben. Das war in den siebziger Jahren.

Er saß damals in einem Flugzeug über den Schweizer Alpen, der Pilot hatte die Herrschaft über das Flugzeug verloren. Die firmeneigene Maschine war mittags in Stuttgart bei Schneefall gestartet, Ziel war Mailand. Unterwegs geriet der Flieger ins Trudeln, überschlug sich und stürzte über 2000 Meter in die Tiefe. Als der Pilot doch noch die Kontrolle erlangte, befand Mohn sich unterhalb der umliegenden Berggipfel. So schilderte er es 2008 in seinen Erinnerungen "Von der Welt lernen".

Was bedeutet der Tod Reinhard Mohns für Bertelsmann?

Damals, in den Siebzigern, hätte er das Unternehmen erschüttert, denn bis 1981 führte Mohn selbst den Unternehmensvorsitz. Heute aber ist bei Bertelsmann alles geregelt. Die Nachrufe im Unternehmen sind seit langer Zeit vorbereitet. Die Erinnerungen hat Mohn 2008 veröffentlicht, ein Film über sein Leben ist abgedreht. Die Legenden leben weiter.

Die Nachfolge ist Mohns Thema seit 1977. Damals gründete er eine Stiftung, damit das Unternehmen nach seinem Tod nicht zerfällt. Mohn wollte Vorsorge treffen gegen unfähige oder streitende Erben. Er wollte seiner Familie den Einfluss auf Bertelsmann nehmen. Zumindest offiziell. Insgeheim versprach er seinem jüngsten Sohn Andreas, er würde Vorstands- und später Aufsichtsratschef werden. So wie er Jahre davor einst seinem ältesten Sohn Johannes die Führung versprochen hatte, damals sogar öffentlich.

Beide Versprechen hat er nicht gehalten.

Stattdessen hoffte er zu Zeiten seines Vorstandschefs Thomas Middelhoff, dass die Börse eine kontrollierende Wirkung ausüben könnte. Vor allem deshalb stimmte er 2001 den Börsenplänen zu. Doch 2002 verließ ihn auch diese Hoffnung. Er trennte sich von Middelhoff und ernannte notgedrungen seine Frau Liz zur Nachfolgerin. Das kam einer Bankrotterklärung gleich, es war eine Revision seiner einstigen Nachfolgepläne.

Zum Streit mit Middelhoff kam es auch, weil dieser Mohns Vorgaben nicht akzeptieren wollte. Als Reinhard Mohn 1999 das Aktionärsstimmrecht bei Bertelsmann neu regelte und seinen stimmberechtigten Geschäftsanteil am Aktienkapital auf die neu gegründete Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) übertrug, hatte er festgelegt, dass Änderungen nicht völlig ausgeschlossen seien. Bis zu seinem Tod könnten die zuständigen Gremien jederzeit alles ändern, sofern sie sich einig seien. Nach seinem Tod jedoch könne fünf Jahre lang an der Konstruktion nichts geändert werden. Middelhoff wollte das nicht akzeptieren. Er sah seinen Handlungsspielraum eingeengt.

Seine Erben müssen sich erst noch beweisen

Für Bertelsmann bedeutet der Tod von Reinhard Mohn eine Zäsur. Der Nachkriegsgründer war geachtet und respektiert, immerhin hat er die Firma mit persönlichem Einsatz zu einem Weltunternehmen aufgebaut. Trotz aller Widersprüche gab er - auf seine Weise - dem Unternehmen moralischen Halt. Seine Erben, allen voran Tochter Brigitte, die im Vorstand der Stiftung sitzt, müssen sich erst noch beweisen.

Brigitte Mohn soll seine Arbeit in der Stiftung fortsetzen, bestimmte er 2008. Mohn dachte also nicht nur an die Zeit nach ihm, sondern auch nach seiner 20 Jahre jüngeren Frau Liz. Für sein Unternehmen hat er schon vor langer Zeit alles geregelt. In der BVG sind die Stimmen der beiden Eigentümer, der Familie (23,1 Prozent) und der Stiftung (76,9 Prozent), eingebracht. Die BVG ist also das Machtzentrum von Bertelsmann, in dem alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Reinhard Mohn war zuletzt Ehrenvorsitzender des Gremiums, der die alles entscheidende Stimme hatte.

Wird sein Veto nun auf seine Frau übergehen? Das Veto stirbt mit Reinhard Mohn, heißt es bei Bertelsmann. Allerdings hat die Familie auch ohne ihn weiterhin das Sagen. Wer seinen Platz in dem Gremium einnimmt, wollte das Unternehmen am Sonntag nicht sagen. Das, so hieß es, werde zu gegebener Zeit entschieden. Vermutlich hat Reinhard Mohn auch diese Frage längst geklärt.

Reinhards jüngster Bruder Gerd ist gestorben, zwei ältere Schwestern leben noch. Während Mohn im Unternehmen und in der Stiftung alles geregelt hat, ist ihm das privat nicht zu jeder Zeit gelungen. Er hat sechs Kinder von zwei Frauen. Mit Magdalene war er 33 Jahre verheiratet, bis 1981. Nach der Heirat mit seiner zweiten Frau Liz 1982 lebte Reinhard sich mit den drei Kindern aus erster Ehe auseinander. Der älteste Sohn Johannes arbeitete viele Jahre bei Bertelsmann; im Sommer 2008 schied er aus. Zuletzt hatten Vater und Sohn keinen Kontakt mehr, sagt Magdalene Mohn.

Reinhard Mohn hatte zwei Frauen und zwei Familien und so zerfällt auch die Großfamilie Mohn in zwei Teile. Die Beerdigung, so heißt es, finde im "ganz kleinen Kreis" statt.

Seine erste Frau Magdalene saß übrigens damals neben ihm, als das Flugzeug in den Schweizer Alpen abzustürzen drohte. Jetzt wurde sie von ihrer Familie gebeten, sagt sie, nicht an der Beisetzung teilzunehmen.

Hinweis der Redaktion: Bertelsmann ist über den Verlag Gruner+Jahr indirekt am SPIEGEL beteiligt.



insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
eikfier 04.10.2009
1. Manager von heute sind vaterlandslose Gesellen, leider zu oft...
Zitat von sysopBertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein und legte ethische Grundsätze in einem Firmenkodex fest. Was können Manager heute von ihm lernen?
Auf Anhieb fällt mir dazu ein: 1.) Heutige Manager müßten mit ca.25% Ihres gesamten Vermögens für das Unternehmen haften und nur wie der erste Angestellte, aber das überdurchschnittlich, doch dafür öffentlich, bezahlt werden. 2.) Bei der Arbeitsnehmerschaft positive und negative(!) Unternehmens-Gewinnbeteiligung durchdrücken wollen, können,dürfen....Wie es das z.B. vor dem Kriege bei Zeiß,Jena schon vor der elendiglichen VEB-Sozialisierung und prima funktionierend gegeben haben soll! 3.) Verpflichtung, für kongenialen Nachfolger beizeiten zu Sorgen - was Mohn bei aller verdienten Hochachtung wie die meisten Patriarchen leider auch wohl nicht so richtig tat.
volkmargrombein 04.10.2009
2. Unternehmenspersönlichkeiten der Nachkriegszeit, was können wir lernen?
Zitat von sysopBertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein und legte ethische Grundsätze in einem Firmenkodex fest. Was können Manager heute von ihm lernen?
Der Artikel gibt, vermutlich aus Versehen einen Einblick frei in ein Unternehmen, dass sich darauf spezialisiert hat, die Meinung möglichst jedes Einzelnen zu bestimmen. So ist die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Netzwerk maßgeblich an einer Reihe Neo - liberalen Entwicklungen in unserem Land verantwortlich. Auch bei der Agenda 2010 war man, zwar nicht in vorderster Front, aber maßgeblich beteiligt! Auch die PPP forcierte die Stiftung massiv, bis hin zur Privatisierung von Verwaltungen.
maemo 04.10.2009
3. -
Zitat von volkmargrombeinDer Artikel gibt, vermutlich aus Versehen einen Einblick frei in ein Unternehmen, dass sich darauf spezialisiert hat, die Meinung möglichst jedes Einzelnen zu bestimmen. So ist die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Netzwerk maßgeblich an einer Reihe Neo - liberalen Entwicklungen in unserem Land verantwortlich. Auch bei der Agenda 2010 war man, zwar nicht in vorderster Front, aber maßgeblich beteiligt! Auch die PPP forcierte die Stiftung massiv, bis hin zur Privatisierung von Verwaltungen.
Zur Agenda 2010 kann man in der Wikipedia folgendes nachlesen: "Als Grundlage der Reform diente der "Wirtschaftspolitische Forderungskatalog für die ersten hundert Tage der Regierung" der Bertelsmann-Stiftung, seinerzeit u.a. im Wirtschaftsmagazin Capital publiziert, dessen Inhalte zu weiten Teilen übernommen wurden." Der Artikel zur Bertelsmann Stiftung in der Wikipedia hat einen interessanten Unterpunkt "Kritik". Und die Nachdenkseiten von Albrecht Müller widmen der Stiftung eine ganze Rubrik: http://www.nachdenkseiten.de/?cat=27 Wenn man sich ein wenig mit dem Thema befasst, erscheint vieles in einem anderen Licht.
avollmer 04.10.2009
4. Zwiespältiges Erbe
Als Unternehmer, als politischer Mensch und als Mäzen war er ein Großer. Hier steht sein Wirken vorbildhaft. Als "Verleger" war er leider einer derjenigen, die der Uniformität des deutschen Printmedienmarktes extrem ihren Stempel aufgeprägt haben. Hier steht er beispielhaft für die Industrialisierung eines Kulturbetriebs, der unter dem Diktat des Marketings zu einem Sammelsurium von Klonen geworden ist. An der Spitze dieser Entwicklung steht zur Zeit als erfolgreichster Neulaunch ein Magazin einer Lebensmittelkette. Diese Entwicklungen wären ohne Herrn Mohns Wirken nicht derart extrem möglich gewesen.
Björn Borg 04.10.2009
5. Ich habe da mal zwei Fragen....
Ist das der Gründer desjenigen Bertelsmann-Konzerns, der in Europa eine Medienkonzentration betreibt, die nur in Berlusconi und Kirch ihresgleichen findet, und zu dem auch das CHE gehört, das seit nunmehr 15 Jahren unsere Bildungslandschaft evaluiert, solange bis nur noch stromlinienförmige Managertypen einen Hochschulabschluss erlangen, die jeden investierten Cent auch wert sind? Wieso wird so jemand hier als Visionär abgefeiert?
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