Zuwanderung Hunderttausende fliehen vor Schuldenkrise nach Deutschland

Die Schuldenkrise in der EU lässt die Zuwanderung nach Deutschland auf neue Rekordstände schnellen. Im ersten Halbjahr zogen eine halbe Million Menschen in die Bundesrepublik - 15 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Vor allem Griechen, Spanier und Portugiesen flüchteten vor der Misere.
Arbeitslose in Spanien: Viele zieht es nach Deutschland

Arbeitslose in Spanien: Viele zieht es nach Deutschland

Foto: SUSANA VERA/ REUTERS

Wiesbaden - Eine Insel der Glückseligen inmitten eines immer tiefer in die Krise taumelnden Währungsraums - so stellte sich die wirtschaftliche Lage Deutschlands im Vergleich zum Rest der Euro-Zone für viele Menschen offenbar dar. Ein Ungleichgewicht, das sich deutlich in den Wanderungsbewegungen in Europa niederschlägt: Die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland ist im ersten Halbjahr 2012 erneut stark gestiegen, nachdem sie bereits 2011 den höchsten Stand seit Mitte der neunziger Jahre erreicht hatte.

Von Januar bis Juni dieses Jahres zogen mit 501.000 Personen 66.000 mehr Menschen nach Deutschland als im ersten Halbjahr 2011 - eine Steigerung um 15 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag unter Berufung auf vorläufige Ergebnisse mitteilte. Damit setzt sich der Trend fort: Im gesamten Vorjahr hatte die Zuwanderung bereits um 20 Prozent zugelegt.

Der Zuwanderung stand der Fortzug von rund 318.000 Menschen im ersten Halbjahr 2012 gegenüber - auch dies eine Steigerung, allerdings nur um sechs Prozent. Unter dem Strich ergab sich beim Wanderungssaldo dadurch ein Plus von 182.000 Menschen, 35 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2011.

Auch aus Ungarn kommen erheblich mehr Menschen

Insgesamt waren laut den Statistikern 447.000 der Zuwanderer Ausländer, 54.000 besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft. Am stärksten stieg die Zahl der Zuwanderung aus den EU-Ländern: Hier kletterte der Wert um 24 Prozent auf 306.000. Dazu trugen vor allem die Migranten aus jenen Ländern bei, die von der Finanz- und Schuldenkrise besonders schwer betroffen sind.

Aus Griechenland kamen mit mehr als 15.700 Personen 78 Prozent mehr Einwanderer als im ersten Halbjahr 2011. Die mehr als 11.000 Einwanderer aus Spanien stellen eine Zunahme von 3900 Personen oder 53 Prozent dar, ebenso hoch lag die Steigerung bei Migranten aus Portugal, von denen 2000 mehr nach Deutschland kamen. Auch aus dem Nicht-Euro-Staat Ungarn, der unter erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidet, kamen mit 46 Prozent deutlich mehr Menschen als noch im gleichen Zeitraum 2011.

Spitzenreiter unter den Herkunftsländern der Zuwanderer nach Deutschland bleibt allerdings der östliche Nachbar Polen. Von dort zogen 89.000 Menschen in die Bundesrepublik. Die Zahl der Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten erhöhte sich hingegen nur leicht: Aus europäischen Staaten, die nicht der Union angehören, kamen fünf Prozent mehr Menschen, aus Afrika zehn Prozent, aus Amerika zwei Prozent und aus Asien sieben Prozent.

Euro-Staaten in der Rezession

Tatsächlich bleibt die Wirtschaftslage in vielen Euro-Staaten prekär. So steckt Spanien weiter in der Rezession: Im Vergleich zum Vorjahresquartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Juli bis September um 1,6 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang seit Ende 2009. Auch in Portugal verschärfte sich der Abschwung: Das BIP schrumpfte im dritten Quartal um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Und die griechische Wirtschaft kommt ebenfalls nicht in Schwung - im Gegenteil. Im dritten Quartal ging das BIP um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück.

Die deutsche Konjunktur verliert zwar an Tempo, schlägt sich aber angesichts der Belastungen durch die Schuldenkrise wacker. Im dritten Quartal erhöhte sich die Wirtschaftsleistung zum Vorquartal um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte. Das sind zwar 0,1 Prozentpunkte weniger Wachstum als im zweiten Quartal und 0,3 Punkte weniger als zu Jahresbeginn. Das Ergebnis liegt aber leicht über den Erwartungen. Bankvolkswirte hatten im Schnitt mit einem BIP-Zuwachs um 0,1 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich wuchs die größte Wirtschaft im Euroraum um 0,4 Prozent.

fdi/Reuters/dpa/dapd
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