Schweizer Zuwanderungsregeln Wer hat's erfunden? Die Deutschen!

Alle empören sich über das Schweizer Zuwanderungs-Votum. Dabei ähneln die geplanten Beschränkungen verblüffend den Regeln, die in Deutschland längst praktiziert werden.
Schweizer Grenze: Die Eidgenossen sind auch nicht strikter als die Deutschen

Schweizer Grenze: Die Eidgenossen sind auch nicht strikter als die Deutschen

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Hamburg - Liebe wehleidige Deutsche, jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gejammer. Was erwartet ihr eigentlich von den Schweizern? Alphornbläser zur Begrüßung am Badischen Bahnhof Basel, wenn ihr mit Sack und Pack in ihre schöne Eidgenossenschaft einwandert? Einen Freudentanz von DJ Bobo anlässlich eurer Landung auf dem Flughafen Zürich?

Ja, wir Deutsche lieben dieses kleine Land mit den hohen Bergen, in dem man hübsch wohnen, gut verdienen und wenig Steuern zahlen kann, aber offenbar liebt es uns nicht im selben Maß zurück. Jeder Zweite, der in den vergangenen Jahren aus Deutschland auswanderte, tat dies in Richtung Schweiz. Inzwischen stellen die Deutschen dort die größte Ausländergruppe. In einem Land wohlgemerkt, dessen Anteil an Ausländern dreimal so hoch ist wie der in Deutschland.

Und nun das: Man will uns nicht mehr haben. Dass das Votum "Gegen Massenzuwanderung" auch Franzosen und Italiener trifft, bietet da nur schwachen Trost.

Schon schreien viele: Nationalismus! Und fragen fast hysterisch: Warum haben unsere Nachbarn uns nicht so gern wie wir uns selbst? Würden wir eher angenommen, wenn die Deutschen in der Schweiz sich integrationswillig zeigten? Also zum Beispiel ihren Kindern Schweizerdeutsch beigebrächten, statt sie in der Sprache ihres Geburtslandes gefangen zu halten?

Ja, liebe Deutsche, jetzt spürt ihr mal, wie es ist, irgendwo nicht willkommen zu sein. Dass das Votum am Sonntag so ausging, wie es ausging, liegt letztlich nur daran, dass die Schweizer genau so denken wie wir. Nämlich zuerst an sich selbst.

1964 wurde dem millionsten Gastarbeiter in der Bundesrepublik noch ein Moped geschenkt, er kam aus Portugal und schaute bei seiner Ankunft in Köln-Deutz ziemlich verdutzt in die vielen Kameras, die auf ihn gerichtet waren. Doch schon bald legte sich die deutsche Begeisterung über Gäste, die für länger blieben, gar für immer.

Armando Rodrigues aus Portugal: Der millionste Gastarbeiter der Bundesrepublik bekam bei seiner Ankunft in Köln ein Moped geschenkt.

Armando Rodrigues aus Portugal: Der millionste Gastarbeiter der Bundesrepublik bekam bei seiner Ankunft in Köln ein Moped geschenkt.

Foto: A9999 DB dpa/ dpa

Seit 1973 gilt der generelle Anwerbestopp für Arbeitskräfte. Ausnahmen für bestimme Berufsgruppen sind in einer eigenen Beschäftigungsordnung geregelt. Selbständige dürfen bleiben, wenn es ein "wirtschaftliches Interesse" gibt oder ein "regionales Bedürfnis". Hochqualifizierte Spitzenverdiener dürfen sich gern sofort niederlassen. Viele deutsche Bestimmungen über den Zuzug von Nicht-EU-Ausländern ähneln in ihrer Kleinkariertheit verblüffend dem, was die Schweizer jetzt bei sich auch für EU-Bürger einführen wollen. Das ist es doch, was wir nicht verstehen wollen: Dass wir in der Schweiz nicht als Ausländer erster Klasse wahrgenommen werden - sondern einfach nur als Ausländer.

In Umfragen sagen wir Deutschen immer, Zuwanderung sei eine Bereicherung. Kulturell, menschlich, vor allem aber wirtschaftlich. Soll keiner sagen, wir hätten hier kein Herz für Menschen, von denen wir profitieren könnten. Afrikanische Flüchtlinge haben es da schon schwerer.

Liebe Deutsche, vielleicht ist es ganz gut, dass wir nicht wissen, wie eine Volksabstimmung über Zuwanderung bei uns ausginge.

Schweizer Votum zu "Masseneinwanderung"