Wirtschaftsreform Ein neues Geschäftsmodell für Zypern

Egal wie die Rettungsaktion für Zypern ausgeht - der Inselstaat muss seine Wirtschaft grundlegend umbauen. Sechs mögliche Schritte zur Modernisierung.
Von Eva Müller

Hamburg - "Das ist die perfekte Krise", konstatiert Stavros A. Zenios. Dann zählt der Wirtschaftsprofessor von der Universität Nikosia auf: Die Unternehmen sind mit 155 Prozent des zyprischen Sozialprodukts verschuldet, die privaten Haushalte mit 133 Prozent. Und wenn das Land keine Hilfe von Europa erhalten würde, wäre es binnen kürzester Zeit pleite. Das ist die Lage. Trist und tragisch.

Seine Nachmittagspause im Gloria Jeans Café im Nobelstadtteil Strovolos der zyprischen Hauptstadt lässt sich der Wissenschaftler, der während des Wahlkampfs im Februar als Kandidat für den Posten des Finanzministers des winzigen Staates gehandelt wurde, dennoch nicht verderben - auch wenn um ihn herum aufgeregte Zyprer lautstark über die Grausamkeiten des EU-Rettungsplans für ihr Land diskutieren.

Für den Finanzexperten ist die aktuelle Misere keine Überraschung. Schon seit Jahren ist ihm klar, dass Zypern nicht mehr so weiterwirtschaften kann wie bisher. Und fast genauso lange versucht er seinen Landsleuten zu erklären, dass die weitgehend auf Banken und niedrige Gewinnsteuern gebaute Ökonomie des nicht einmal eine Millionen Einwohner zählenden Ländchens radikal umgebaut werden muss.

Zuletzt hat der weltläufige Forscher - er lehrt auch am Wharton Financial Institutions Center an der University of Pennsylvania - die Reformagenda für ein neues, ein kreativeres Zypern in einem 400 Seiten dicken Buch beschrieben. Eine Strukturreform müsse her, meint Zenios, weil die Wettbewerbsfähigkeit der zyprischen Wirtschaft seit der Einführung des Euro 2008 extrem gesunken ist.

Tourismus bringt viel zu wenig Geld

Die Liste der Defizite ist lang: Der einst florierende Tourismus auf dem sonnenverwöhnten Eiland trägt längst nicht mehr so viel zur Wirtschaftsleistung bei wie zu Zeiten des britischen Massentourismus.

Dann der Bankensektor: nicht nur enorm aufgebläht, sondern auch heillos altmodisch. Der Staat beherrscht zu viele Wirtschaftszweige und arbeitet höchst ineffizient, die öffentliche Bürokratie beschäftigt zu viele zu hoch bezahlte Mitarbeiter.

Nach der erschütternden Lektüre von Zenios' Analyse wundert sich der geneigte Leser, wie die Insel, auf der nach der Mythologie Aphrodite den Fluten entstiegen sein soll, überhaupt so lange florieren konnte. Immerhin galt die kleine Nation nach dem Schock der türkischen Invasion und der darauf folgenden Teilung der Insel 1974 jahrzehntelang als mediterranes Wirtschaftswunderland. Die Bevölkerung ist hochqualifiziert und weltoffen. In keinem europäischen Staat besitzen mehr Bürger einen Hochschulabschluss. Viele haben in Großbritannien oder den USA studiert. Jeder dritte Zyprer ist mit einem Ausländer verheiratet.

Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen für einen volkswirtschaftlichen Turnaround. Nach Zenios' Blaupause kann die Neuausrichtung in sechs großen Schritten gelingen.

Bankensektor reformieren

Bank of Cyprus: Das Bankensystem ist aufgebläht, der Einstieg ins Auslandsgeschäft grandios gescheitert

Bank of Cyprus: Das Bankensystem ist aufgebläht, der Einstieg ins Auslandsgeschäft grandios gescheitert

Foto: BARBARA LABORDE/ AFP

In den Tresoren der zyprischen Finanzinstitute vermuten die deutschen Euro-Geldgeber Massen russischen Schwarzgelds, weshalb sie wohl auch die jetzt so heftig umstrittene Beteiligung der Kontoinhaber an der Bankenrettung durchsetzten.

Auch eine Verkleinerung des Finanzsektors, dessen Bilanzsumme etwa dem sechsfachen des Bruttoinlandsprodukts entspricht, verlangt das EU-Programm. "Klar ist unser Bankensektor zu groß", konzediert Fiona Mullen, die in Nikosia das Wirtschaftsforschungsunternehmen Sapienta Economics betreibt: "Vor allem aber ist er zu altmodisch." Das System müsse grundlegend modernisiert und internationaler aufgestellt werden.

Wie in Luxemburg zum Beispiel, wo die Finanzbranche sogar zehnmal so groß ist wie das Inlandsprodukt. Im Großherzogtum aber agieren vor allem Tochtergesellschaften großer globaler Finanzhäuser mit Know-how auf Weltstandard, während auf Zypern drei lokale Banken das Geldgeschäft dominieren: Bank of Cyprus, Popular Bank und Hellenic Bank. Und die verhielten sich bislang noch höchst traditionell wie Sparkassen, die die ihnen anvertrauten Summen nur wieder als Darlehen an Unternehmen oder Privatleute vergeben, hauptsächlich für Immobilienkäufe.

Kauf griechischer Anleihen im großen Stil

Erst mit der Euro-Einführung wagten sie den Einstieg ins Auslandsgeschäft - vermeintlich vorsichtig. Sie kauften Staatsanleihen des benachbarten Griechenlands, aus nationaler Verbundenheit, wegen der kulturellen und sprachlichen Verwandtschaft. Eine Geschäftsidee, die bekanntlich grandios gescheitert ist und die mit dem Schuldenschnitt für Griechenland einen beachtlichen Teil der zyprischen Bankenmalaise verursacht hat.

Von moderneren Methoden wie etwa dem Investmentbanking oder gar der Finanzierung von jungen Firmen sind diese Banken noch immer meilenweit entfernt. Wohl auch, weil ihre größten Einleger, jene russischen Geschäftsleute, die ihre Milliarden auf mehr oder minder durchschaubaren Wegen erwirtschafteten, gar nicht viel Leistung erwarteten. Sie sind bis heute froh, auf Zypern einen sicheren Aufbewahrungsort für ihr Geld gefunden zu haben.

Müssen sie doch in Russland befürchten, dass nicht nur die Barschaft, sondern auch gleich ihre persönliche Freiheit in Gefahr ist, wenn Präsident Wladimir Putin einen schlechten Tag hat. Kein Wunder also, dass sich die Oligarchen gar nicht sehr über eine Sonderabgabe aufregen, die ihnen jetzt im Rahmen des EU-Programms auferlegt werden soll. Für sie könnte es immer schlimmer kommen.

Allerdings sollten sie in Zukunft auch nicht mehr ganz so unbehelligt Gelder unklarer Herkunft deponieren können, sagt Branchenexpertin Mullen: "Die Gesetze gegen Geldwäsche sind auf Zypern zwar auf internationalem Standard formuliert. Doch bei der Umsetzung müssen wir jetzt beweisen, dass wir es auch wirklich ernst meinen." Und, so fügt Wirtschaftsprofessor Zenios hinzu, "wir sollten Druck auf Russland ausüben, die Transparenz der Wirtschaft in ihrem Land zu erhöhen."

Finanzdienste ausbauen

Bankschalter: Neben maroden Banken gibt es gesunde Finanzdienstleister

Bankschalter: Neben maroden Banken gibt es gesunde Finanzdienstleister

Foto: ? Yorgos Karahalis / Reuters/ REUTERS

Wenn er über die Finanzbranche redet, darauf legt Zenios Wert, dann rede er nicht nur über die maroden Banken. Er meint dann auch jene Dienstleistungen, die den auf Zypern angesiedelten ausländischen Firmen, beim Geschäftemachen helfen - Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer, Consultants und Controller.

Diese Branche entwickelte sich auch während der mittlerweile seit acht Quartalen anhaltenden Rezession auf Zypern weiter positiv und schuf neue Arbeitsplätze für die hochqualifizierten Zyprer. Sie leisten das Off-shore-Management für Firmen, führen Logistikunternehmen, die von der Hafenstadt Limassol aus die gigantische Flotte der unter zyprischer Flagge fahrenden Schiffe managen.

"Unsere Wirtschaft muss sich mehr in Richtung solcher professionellen Dienstleistungen orientieren", fordert Zenios. Und ja, die pauschale Unternehmensbesteuerung in Höhe von bislang zehn Prozent sei natürlich ein wichtiger Faktor, um Investoren aus dem Ausland anzulocken - vor allem aus Russland, mit dem seit der Neutralitätserklärung der Zyprer in Zeiten des Kalten Krieges und dank eines frühen Doppelbesteuerungsabkommens seit langem exzellente wirtschaftliche Beziehungen bestehen. So wickelt etwa Gazprom   fast sein gesamtes Handelsvolumen über Zypern ab.

Vieles spricht dafür, dass die Russen auch dann ihre Geschäfte von der Sonneninsel aus betreiben werden, wenn die Unternehmensteuern, wie von den Euro-Finanzministern gefordert, auf 12,5 Prozent steigen. Schließlich geht es den russischen Businessmen vor allem um die Sicherheit und Verlässlichkeit, die ihnen Zypern bietet: ein Brückenkopf in der EU, eine Basis im Westen, ohne alltägliche Bestechung, politische Willkür, dafür aber mit einer soliden britisch geprägten Rechtsbasis.

Staatsunternehmen privatisieren

Hoffnungsträger: Der Flughafen von Larnaca wurde Ende 2009 eröffnet

Hoffnungsträger: Der Flughafen von Larnaca wurde Ende 2009 eröffnet

Foto: PATRICK BAZ/ AFP

Vom Hafen über die Versorger bis zur Telekommunikation sind große Wirtschaftssektoren noch immer in staatlicher Hand. Vieles soll verkauft werden. Die möglichen Erlöse taxieren Experten auf zwei bis vier Milliarden Euro.

"Die Privatisierung des Flughafens von Larnaca hat gezeigt, dass sich die Verhältnisse durch unternehmerisches Handels verbessern", sagt Zenios. Der schicke neue Airport mit seinen luftigen Hallen und coolen Cafés ist für den Ökonomen ein Vorzeigebeispiel dafür, was an Effizienz und Leistungsfähigkeit auf einem rundum modernisierten Zypern möglich wäre.

Tourismus aufwerten

Urlaub am Strand von Larnaka: Einst war Zypern Ziel für zahllose Sonnenhungrige - doch inzwischen sind viele Hotels heruntergekommen

Urlaub am Strand von Larnaka: Einst war Zypern Ziel für zahllose Sonnenhungrige - doch inzwischen sind viele Hotels heruntergekommen

Foto: Corbis

Hotels an der Touristenmeile von Agia Napa wirken heruntergekommen. Bauruinen verschandeln die schönen Strände mit dem durchsichtig klaren Wasser. Billig-Amüsement mit hohem Alkoholverbrauch beherrscht die Urlauberszene.

Einst war dies ein Ziel für Massen von sonnenhungrigen Nordeuropäern. Aber das ist vorbei. Längst ist Zypern auch in dieser Branche nicht mehr wettbewerbsfähig. Kein Wunder also, dass der Beitrag des Tourismus zum Sozialprodukt rückläufig ist.

Unternehmer wie Zenon Eliades wollen das jetzt ändern. "Wir haben bei Paphos im Westen der Insel mit Sir Nick Faldo einen der besten Golfplätze der Welt gebaut", erzählt der Bauunternehmer stolz. Nun sollen - nach dem Vorbild der Luxus-Urbanisationen auf Mallorca - rund um das Clubhaus mit seinem Gourmet-Restaurant Traumhäuser für Wohlhabende aus Großbritannien und Skandinavien sowie ein Nobelhotel entstehen.

Auch in den Bergdörfern rund um den Mount Olympus zeigen sich erste Beispiele für einen höherwertigen und damit einträglicheren Fremdenverkehr. Wohlhabende Auslandszyprer - eine große Gemeinde lebt in London - haben ihre alten Familiensitze zu stilvollen Bed-and-Breakfast-Pensionen ausgebaut oder in geschmackvolle Ferienwohnungen umgewandelt.

Gasreserven erschließen

Im Levanthinischen Becken vor der Südostküste Zyperns - hier heißt es natürlich Becken der Aphrodite - lagern beträchtliche Gasreserven. Erste Explorationsbohrungen zeigen vielversprechende Resultate. Immerhin rund zehn Prozent des jährlichen Gasbedarfs der EU könnten hier gefördert werden, meinen Fachleute. Allerdings dauern die Untersuchungen noch mindestens drei Jahre. Und dann muss die Infrastruktur für die industrielle Förderung gebaut werden, was weitere drei bis vier Jahre dauern dürfte.

"Die Gasvorkommen sind keine unmittelbare Lösung für unsere Krise", sagt deshalb Professor Zenios. Aber sie könnten das Sahnehäubchen auf den Turnaround des Landes sein. Schließlich könne man die Produktion schon mal vorab verkaufen und damit den Bau der Förderanlagen schuldenfrei vorfinanzieren. Weil eine einzige Flüssiggasanlage rund sechs Milliarden Euro an Investitionen erfordere, könne so ein ordentlicher Anschub für die lokale Bauwirtschaft entstehen. "Das sind immerhin 30 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts."

Unternehmergeist fördern

Fußgänger in Nikosia: "Bisher war es zu einfach, einen sehr gut bezahlten, sicheren Posten im Staatsdienst zu bekommen"

Fußgänger in Nikosia: "Bisher war es zu einfach, einen sehr gut bezahlten, sicheren Posten im Staatsdienst zu bekommen"

Foto: Katia Christodoulou/ picture alliance / dpa

In keinem europäischen Land haben mehr Bürger einen Hochschulabschluss als in Zypern. Aber Start-ups, gegründet von jungen Uni-Absolventen, existieren auf der Insel so gut wie nicht. "Bisher war es viel zu einfach, einen sehr gut bezahlten, sicheren und angesehenen Posten im Staatsdienst zu bekommen", sagt Professor Zenios. Seine Studenten gingen deshalb lieber zum Staat oder zu einer Wirtschaftsprüfungsfirma, statt selbst eine Firma aufzubauen und Jobs zu schaffen.

Aber jetzt, in der Krise, biete sich eine einmalige Chance, den Unternehmergeist in den jungen Zyprern zu wecken. Erste zarte Anfänge seien jedenfalls schon zu erkennen. Etwa bei Marina Theodotou. Die junge Frau hat in Nikosia ein Beratungsunternehmen aufgebaut, das mit einigem Erfolg die lokale Variante der Ted-Konferenzen betreibt und internationale Sprecher zu Veranstaltungen auf die Insel lockt.

Um solche Initiativen zu fördern, sollte die Regierung innovative Finanzierungsmaßnahmen fördern. So erhalten zum Beispiel Ausländer, die 300.000 Euro in eine Immobilie auf Zypern investieren, eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung. "Warum geben wir die nicht auch Leuten, die in ein junges Unternehmen investieren", schlägt der Ökonom vor. Und auch die Banken sollten sich bemühen, neue Finanzierungsinstrumente zu entwickeln. Schließlich brauchten sie dringend Finanzinnovationen.

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