Sozialstudie Wen Armut in Deutschland wirklich bedroht

Die massenhafte Angst der Deutschen vorm sozialen Abstieg ist unangebracht - vor allem Ausländer sind hierzulande die großen Verlierer, hat der Bonner Sozialforscher Miegel herausgefunden. Seine düstere Prognose: Ohne bessere Integration wird das Armutsproblem nie gelöst.

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Berlin - Erosion der Mitte, sozialer Abstieg, Wohlstand gefährdet: Diese Vokabeln sind spätestens seit der Präsentation des Armutsberichts der Bundesregierung Anfang März in aller Munde. Vor allem eine Zahl in der Studie weckte dabei Ängste: Fünf Millionen Menschen sind seit der Jahrtausendwende aus der Mitte der Gesellschaft abgestiegen. Fünf Millionen Schicksale, die nach einhelliger Überzeugung der Experten Opfer der Globalisierung und einer Steuerreform zugunsten der Spitzenverdiener geworden sind.

Sozialgelehrter Miegel: Gegen das Lamento der Mittelschicht
IWG Bonn

Sozialgelehrter Miegel: Gegen das Lamento der Mittelschicht

Ihnen widerspricht nun der Chef des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, Meinhard Miegel. Seine am Donnerstag in Berlin vorgelegte Studie lässt nur einen Schluss zu: Diejenigen, die am lautesten über den Abstieg lamentieren, zählen nicht zu den bemitleidenswerten Verlierern. Betroffen sind in erster Linie Menschen mit Migrationshintergrund und alleinerziehende Deutsche.

Zur Stützung seiner These zieht Miegel die Bevölkerungsstatistik heran. Danach hat sich die ansässige, deutschstämmige Bevölkerung seit 1996 um 2,8 Millionen vermindert, die Zahl der Migranten ist dagegen um 3,5 Millionen gestiegen. "Die intensiv diskutierte Ausdünnung der Mittelschicht ist also nur zum Teil auf den Abstieg von Bevölkerungsgruppen zurückzuführen", sagte Miegel. Wesentlich stärker falle ins Gewicht, dass in großer Zahl Menschen aus dem Ausland nach Deutschland gezogen seien, die in ihrer großen Mehrheit die Gruppe der Einkommensschwachen gestärkt hätten.

Auf der anderen Seite gebe es auch Gewinner, und das in nicht geringer Zahl. Immerhin 2,1 Millionen hätten 2006 den Aufstieg in die Liga der Top-Verdiener geschafft - darunter 1,1 Millionen zumeist deutschstämmige Familien und etwa eine Million über 64-Jährige. Insgesamt lassen die Zahlen für Miegel deshalb nur einen Schluss zu: Die zunehmend ungleiche Verteilung der Einkommen in Deutschland ist kein Problem der Mittelschicht. Die Chance auf Wohlstand hänge vielmehr entscheidend davon ab, ob man in eine deutsche Familie geboren sei.

Dass sich das nicht eben politisch korrekt anhört, darüber ist sich der Gelehrte im Klaren. Hinzu kommt, dass die Zahlen von rechtsgerichteten Kreisen leicht als "Import von Armut" interpretiert werden könnten, um Forderungen nach einem restriktiveren Einwanderungsrecht zu untermauern. Um die Diskussion kommt die Gesellschaft nach Miegels Überzeugung trotzdem nicht herum: "Wenn wir das wirtschaftliche Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindern wollen, müssen wir dafür sorgen, dass die Integration besser gelingt. Davon hängt alles ab."

Nicht zuletzt in defizitärer Zuwanderungspolitik sieht Miegel eine Ursache der Probleme. "Im Vergleich zu anderen Staaten sind hierzulande die Hürden für Einwanderer eher gering", sagt Miegel. "Zugleich ist es vergleichsweise leicht, an Transferleistungen zu kommen - mit dem Effekt, dass sich eher die weniger Leistungsfähigen in Richtung Deutschland orientieren."

Umgekehrt trage aber auch die deutsche Gesellschaft einen großen Teil der Schuld an der Problematik. Denn vielen Einwanderern werde es sehr schwer gemacht, sich in die Gesellschaft einzubringen. Hochqualifizierte dürften nicht arbeiten. Wenn sie schließlich Arbeit fänden, dann in der Regel weit unter ihrem Niveau.

Die Lösung liegt für Miegel auf der Hand: "So lange die Migranten nicht umfassend integriert werden, werden sowohl die Einkommensschwachen als auch die Einkommensstarken - möglicherweise sogar beschleunigt - an Zahl zunehmen und die Mittelschicht entsprechend ausdünnen." Durch eine forcierte Konjunkturpolitik, Mindestlöhne oder die Steigerung von Sozialtransfers sei dieser Trend nicht zu stoppen.

Für die andere Gruppe der Verlierer - die der Alleinerziehenden - hat Miegel dagegen eher traditionelle Konzepte parat. "Wenn man nicht will, dass der Staat die Erziehung der Kinder übernimmt, dann wird man die Einbußen wohl in Kauf nehmen müssen - es sei denn, die Gesellschaft ändert die individuelle und kollektive Sicht und die Verhaltensweisen im Verhältnis von Mann und Frau, Eltern und Kindern."



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