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28. Februar 2007, 16:51 Uhr

Sparprogramm

Airbus-Arbeiter meutern gegen das Management

Der Konflikt im Airbus-Konzern spitzt sich zu. Wütende Beschäftigte haben heute in drei deutschen Werken die Arbeit niedergelegt. Grund: Der Flugzeugkonzern streicht europaweit 10.000 Stellen. Auch in Toulouse gab es wilde Streiks.

Hamburg - Nach Angaben der IG Metall sind die Airbus-Arbeitnehmer in den Werken Varel, Nordenham und Laupheim nach Hause gegangen. Die Arbeit solle vermutlich erst am Freitag wieder aufgenommen werden. "Sie haben die Schnauze voll", sagte ein Gewerkschaftssprecher. Zwei der Werke will Airbus verkaufen, das dritte soll künftig zusammen mit einem Partner betrieben werden.

Zuvor hatte Airbus-Chef Louis Gallois in Toulouse mitgeteilt, dass der Konzern europaweit 10.000 Stellen streichen werde. 3700 davon entfallen auf Deutschland, 3200 Stellen auf Frankreich. In Großbritannien gehen 1600 Arbeitsplätze verloren, in Spanien 400 und in der Airbus-Zentrale in Toulouse 1100. Insgesamt seien 5000 der genannten Stellen mit "Zeitarbeitskräften oder Zulieferern" besetzt.

Die beschlossenen Anpassungen mit dem Namen "Power 8" sollen durch natürliche Fluktuation, Vereinbarungen über freiwilliges Ausscheiden und weitere Maßnahmen erfolgen, teilte das Unternehmen weiter mit. "Bislang sieht das Management keine Notwendigkeit für Entlassungen", heißt es wörtlich.

Allerdings stehen mehrere Airbus-Werke zur Disposition. Für Varel (Niedersachsen) und Laupheim (Baden-Württemberg) sowie das französische St. Nazaire will das Management verschiedene Möglichkeiten ausloten . Dazu zählt neben einem Verkauf an Hauptzulieferer auch eine Abgabe an das Management oder die Zusammenlegung mit anderen Werken. Für den Standort Nordenham (ebenfalls Niedersachsen) sowie für Filton in Großbritannien und Méaulte in Frankreich erwägt Airbus "industrielle Partnerschaften". Für diese Standorte gebe es bereits "unaufgefordert Angebote möglicher Investoren".

Vergleichsweise gut kommt der größte deutsche Airbus-Standort Hamburg weg. Die Hansestadt erhält "unverzüglich" eine dritte Endmontagelinie für das Modell A320. Dieser Verkaufsschlager wurde bislang ausschließlich in Toulouse endmontiert, während in Hamburg die Schwestermodelle A318, A319 und A321 gebaut werden.

Toulouse erhält im Gegenzug die Endmontage für das neue Langstreckenflugzeug A350. Die Arbeiten für das Flugzeug sollen aber zu großen Teilen an Systemlieferanten ausgelagert werden, um die betriebswirtschaftlichen Risiken für das eigene Unternehmen zu mindern. "50 Prozent der Arbeiten an der Flugzeugstruktur werden ausgelagert und so das Risiko mit Partnern geteilt", teilte Airbus mit. Der Anteil von Partnern sei damit doppelt so groß wie bei bisherigen Programmen.

Das neue Riesenflugzeug A380 wiederum will Airbus sowohl in Hamburg als auch in Toulouse ausliefern. Damit ist der mit großem Aufwand und juristischen Konflikten eigens dafür betriebene Ausbau des Standorts in Hamburg-Finkenwerder gesichert. Allerdings soll mit Blick auf die Optimierung der Produktionsabläufe "ein Teil der Vorbereitungsarbeiten für die A380-Kabinenausstattung von Hamburg nach Toulouse verlagert" werden. Die Kabinenausstattung selbst soll jedoch in Hamburg bleiben.

Nach Aussage des deutschen Co-Chefs der Muttergesellschaft EADS, Tom Enders, ist das Sanierungsprogramm für die angeschlagene Tochter Airbus eine gute Grundlage, um das Unternehmen "aus dem Dreck zu ziehen". Das Programm für Airbus sei zwar hart. "Wer es aber ablehnt, der kann genauso gut die weiße Fahne hissen und Boeing das Feld überlassen", sagte Enders der Nachrichtenagentur Reuters.

Er räumte ein, dass im wesentlichen Managementfehler zu der Krise von Airbus geführt hätten. Dass die Verantwortlichen das Unternehmen im letzten Jahr verlassen hätten, habe aber die Krise nicht beendet. "Louis (Gallois) und sein Airbus-Team haben meine volle Unterstützung", sagte Enders.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) zeigte sich erleichtert über das Sanierungskonzept. Im Bundeskabinett betonte er, dass es gelungen sei, deutsche Interessen durchzusetzen. Die Lastenverteilung erfolge ausgewogen.

Gewerkschaftsvertreter kündigten hingegen massiven Widerstand an. Die IG Metall Küste und der Gesamtbetriebsrat von Airbus nannten die Beschlüsse des Managements einen "falschen Schritt". "Wir lehnen die überzogenen Maßnahmen ab und werden mit den Beschäftigten das weitere Vorgehen besprechen", sagte die Bezirksleiterin der IG Metall Küste, Jutta Blankau. "Der Kampf um die Zukunft von Airbus hat gerade erst begonnen."

Auch in Baden-Württemberg will die IG Metall gegen die Pläne von Airbus mobilisieren. Der geplante Verkauf des Airbus-Werks Laupheim sei "ein Schlag ins Gesicht der Belegschaft", sagte der Geschäftsführer der IG Metall Ulm, Michael Braun.

Nach dem langen Streit zwischen Deutschland und Frankreich kündigte Airbus an, seine Unternehmensabläufe zu optimieren und dazu die komplizierte Mehr-Länder-Struktur abzuschaffen. Statt der bisher acht nationalen werde es künftig "vier transnationale Kompetenzzentren" geben. Deutschland erhält die Federführung für Flugzeugrumpf und Kabine, Großbritannien für Tragflächen, Spanien für Heck und Frankreich für die Flugzeugstruktur.

Man dürfe nicht stärker auf nationale Interessen achten als auf die von Airbus, sagte Konzernchef Gallois. Auf Dauer sei das "Gift" für das Unternehmen.

wal/dpa/Reuters/AFP

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