Sparprogramm Mercedes streicht 8500 Stellen

In den kommenden zwölf Monaten wird DaimlerChrysler 8500 Arbeitsplätze in Deutschland streichen, betroffen sind vor allem die Werke in Sindelfingen und Bremen. Die Kosten seien zu hoch, der Stellenabbau erforderlich, begründete Mercedes-Chef Zetsche in einem Brief an die Mitarbeiter - und bat um Verständnis.


Stuttgart - Der neue Mercedes-Chef Dieter Zetsche habe den Jobabbau in einem Brief an die Mitarbeiter als unumgänglich bezeichnet, berichtet die Nachrichtenagentur dpa-AFX. "Unsere Kosten liegen in allen Teilen der Wertschöpfungskette deutlich über denen der besten Wettbewerber", heiße es dort. Er bat die betroffenen Mitarbeiter um Verständnis: "Wir würden diesen Schritt nicht tun, wenn er nicht unbedingt erforderlich wäre." Zetsche zeige sich aber sicher, dass es bei einer konsequenten Umsetzung der eingeleiteten Maßnahmen gelingen werde, "den Stern zu altem Glanz zurückzuführen."

Wie sich die geplanten Stellenstreichungen auf die einzelnen Werke verteilt, sei noch ungewiss, erklärte DaimlerChrysler-Personalvorstand Günther Fleig. Wegen der Größe des Programms sei aber bereits klar, dass vor allem die Werke in Sindelfingen und Bremen betroffen seien. Bei der Mercedes Car Group mit den Marken Mercedes-Benz, smart und Maybach sind derzeit in Deutschland 94.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Mercedes-Produktion in Bremen: "Wegen der größe des Programms besonders betroffen"
DPA

Mercedes-Produktion in Bremen: "Wegen der größe des Programms besonders betroffen"

Durch den im Juli des vorigen Jahres geschlossenen Beschäftigungspakt sind betriebsbedingte Kündigungen für die DaimlerChrysler-Mitarbeiter bis 2012 ausgeschlossen. Man werde den Beschäftigten attraktive Abfindungs-Angebote machen und sie über eine Placement-Agentur bei der Suche nach einem neuen Job beraten, kündigte Fleig deshalb an. Neben den Werksbeschäftigten richte sich das Abfindungsprogramm auch an die Mitarbeiter des Mercedes-Vertriebs. Die durchschnittliche Höhe der erwarteten Abfindungssumme sei noch offen, sie hänge von der Annahmequote ab.

Um die Restrukturierungskosten von 950 Millionen Euro zu finanzieren, will DaimlerChrysler auch bereits im Vorjahr für die Beschäftigungssicherung gebildete Rücklagen miteinbeziehen. Darüber hinaus sollen die Kosten für den Jobabbau durch außerordentliche Erträge sowie ein verbessertes Operativgeschäft kompensiert werden. Die Gewinnprognose für 2005 bleibe deshalb bestehen. DaimlerChrysler erwarte weiterhin für das Gesamtjahr ohne die Belastungen aus der Sanierung der Kleinstwagenmarke smart einen leichten Anstieg des operativen Gewinns, der im Vorjahr bei 5,8 Milliarden Euro lag.

"Abbauzahlen ohne konkrete Datenbasis"

Arbeitnehmervertreter übten Kritik am Vorgehen der Konzernführung. In einer Erklärung des Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Erich Klemm hieß es, der Personalabbau dürfe ausschließlich durch sozial verträgliche Maßnahmen vorgenommen werden. Das Unternehmen entscheide über die Anwendung an den Standorten mit dauerhaften Personalüberhängen.

Klemm, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der DaimlerChrysler AG ist, erklärte, das Unternehmen weise derzeit Personalüberhänge im Bereich Mercedes aus, die zum Teil auf Annahmen bezüglich künftiger Rationalisierungsfortschritte beruhen. Es sei also vom Vorstand beabsichtigt, zuerst Personal abzubauen und dann erst im Nachgang Maßnahmen zu suchen, die diesen Abbau rechtfertigen. "Ein solches Vorgehen halten wir für höchst problematisch."

"Hier wurden offensichtlich Abbauzahlen in den Chefetagen entwickelt und beschlossen, ohne eine konkrete Datenbasis", sagte der Stuttgarter IG Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann. "Wie und ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind, lässt die Konzernspitze scheinbar im Nebel." Bei diesem Vorgehen könne man nicht unbedingt von "einer seriösen und langfristigen Planung sprechen".

Größte Baustelle ist Mercedes

Mercedes-Chef Dieter Zetsche will nach Angaben aus Betriebsratskreisen die Belegschaft auf einer Betriebsversammlung am Donnerstag in Sindelfingen über den Personalabbau informieren. Auch an anderen Standorten sind Informationsveranstaltungen geplant.

Die Mercedes-Pkw-Gruppe ist die größte Baustelle des designierten DaimlerChrysler-Chefs Zetsche. Neben hohen Verlusten bei smart war die Mercedes Car Group zuletzt auch durch die hohen Kosten für die Beseitigung von Qualitätsmängeln bei Mercedes-Benz in die Verlustzone gerutscht und hatte im zweiten Quartal gerade wieder die Gewinnschwelle erreicht.

In den Medien war bereits seit langem über den anstehenden Stellenabbau spekuliert worden. Bislang war immer von rund 5000 Stellen die Rede gewesen, die in Sindelfingen und Bremen abgebaut werden sollten. Heute brachten verschiedene Medien schließlich erstmals die Zahl von etwa 8500 Stellen auf, die in Deutschland bei Mercedes auf der Streichliste ständen. Die Aktie von DaimlerChrysler setzte sich daraufhin an die Spitze des Dax und erreichte den höchsten Kurs seit mehr als drei Jahren.



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