Spekulationshausse Giga-Gaga

Die Aktien des Krisenunternehmens Gigabell sind zweimal innerhalb weniger Tage um rund 100 Prozent angestiegen. Exorbitante Gewinnchance oder das letzte Zucken?

Von Bernd Niquet


AFP

Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen der Aktie von Gigabell und dem neuen Buch "Blackbox" von Benjamin von Stuckrad-Barre? Gemeinsam ist ihnen, dass beide in der letzten Zeit große Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Der Unterschied ist jedoch, dass es die Aktien von Gigabell nicht als wirklichen Gegenstand gibt. Man kann sie nicht anfassen, zerreißen und wegschmeißen.

Jeden Morgen schaue ich mir als Erstes in der Zeitung die Gewinner und Verlierer des Börsentages an. Und jedes Mal aufs Neue fällt mir die gleiche Asymmetrie ins Auge: Unter den Gewinnern finde ich fast stets ein Unternehmen, das ich eine Weile nicht betrachtet habe, mit einem enormen Kursanstieg wieder.

"Meine Güte", denke ich dann, "hätte man nicht vielleicht doch?" Die Erleichterung kommt jedoch sofort, wenn auch nur ein flüchtiger Blick auf den Chart fällt. Denn selbst ein traumhafter Anstieg von 30, 40 oder noch viel mehr Prozent an einem Tag macht sich in den Charts kaum bemerkbar. Ja, selbst eine Verdoppelung an einem Tag ist meistens nicht mehr als ein winziges Aufwärtshäkchen in einem steilen Verfallsprozess.

Der Grund liegt natürlich in der grundsätzlichen Gemeinheit der Prozentrechnung. Gefallene Engel, wie wir sie jetzt gerade am Neuen Markt häufig finden, die bisher schon 80 Prozent ihres Wertes vom Top verloren haben, müssen sich schlichtweg verfünffachen, um ihre alten Höchststände wieder zu erreichen. Eine Verdoppelung stellt daher bei diesen Aktien nicht viel mehr als Peanuts dar.

Auf der anderen Seite kann, wer seine Anlage breit streut, von dieser Gemeinheit auch sehr gut profitieren: An der Börse kann man nämlich 10.000 Prozent gewinnen, jedoch immer nur 100 Prozent verlieren. Wer 100 verschiedene Aktien kauft und dabei nur auf eine Microsoft oder Cisco trifft, der macht selbst dann große Gewinne, wenn die Hälfte seiner Aktien pleite geht.

Was uns natürlich sofort zu Gigabell bringt. Eine Aktie zu kaufen, die derart im Kreuzfeuer der Kritik steht, ist nichts anderes als ein Roulettespiel. Rot oder schwarz. Entweder der Einsatz geht verloren - oder aber er verdoppelt sich. Spielen sollte dieses Spiel nur derjenige, der genug Nerven hat und einen Totalverlust auch verschmerzen kann. Denn wenn nicht alles täuscht, dann handelt es sich hierbei um das Paradebeispiel eines "Dead Cat Bounce", das letzte Zucken einer bereits toten Aktie. Buchen wir die Kurssprünge also unter "gaga" ab - und orientieren uns an den wirklichen Investments.



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