SPIEGEL TV bei Monsanto Im Reich des Gen-Giganten

Er gehört zu den umstrittensten Konzernen der Welt. Genmais-Züchter Monsanto hat SPIEGEL TV Magazin in seine Labore blicken lassen. In der Hightech-Schmiede basteln Forscher und Ingenieure an den Nahrungsmitteln der Zukunft.

St. Louis - Die Allianz ist ein wenig kurios, aber umso vereinter in ihrer Überzeugung: Für eine Gruppe von Imkern, Kapitalismus-Hassern und CSU-Politikern ist der Gentechnik-Gigant Monsanto einfach nur das Böse. Die US-Forscher maßen sich Kritikern zufolge die Herrschaft über die Schöpfung an. Dass bestimmte Käfer, zu erkennen an zwei Punkten auf den Flügeln, möglicherweise sterben, wenn sie mit bestimmten Maissorten aus dem Hause Monsanto in Berührung kommen, ficht die Wissenschaftler offenbar nicht an. Und auch die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns besteht mehr aus Verhindern als Erlauben.

Doch was ist dran am miesen Image des Agrar-Multis? Ein Team von SPIEGEL TV Magazin hat sich in den Labors umgesehen, sich die Strategie des Konzerns erklären lassen - und erstaunliche Entdeckungen gemacht.

Ein Besuch von Monsanto gleicht auf den ersten Blick einem Ausflug auf ein typisch amerikanisches College-Gelände: Vorbei an der Sicherheitskontrolle gelangt man direkt vom nahegelegenen Highway auf ein weitläufiges Areal mit dreistöckigen Pavillons, gepflegten Grünanlagen und geräumigen Parkplätzen. Der Standort des Firmensitzes in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri ist sorgfältig gewählt: Die Stadt liegt im Mittelwesten, mitten im nordamerikanischen Getreidegürtel.

Für Kritiker, auch in Deutschland, ist der Gentechnik-Gigant das industrialisierte Grauen schlechthin. Viele Verbraucher beschleicht zumindest Unbehagen bei dem Gedanken, gentechnisch veränderte Produkte aus dem Hause Monsanto verspeisen zu müssen. Ein Imageproblem, das an dem Konzern haftet wie ein lästiger Parasit an einer Nutzpflanze.

"Was vor allem im Internet über uns verbreitet wird, steht dem gegenüber, was die vielen zufriedenen Farmer berichten, die von unserer Arbeit profitieren", sagt Hugh Grant. Der Schotte steht seit sechs Jahren an der Spitze des Konzerns. Ein charismatischer Mann mit einer ruhigen, aber bestimmten Art, der jeden seiner Sätze sorgfältig zu durchdenken scheint, bevor er ihn ausspricht.

Er erzählt von seinen Visionen, wie er die Erträge bei Mais und Soja innerhalb der nächsten 20 Jahre verdoppeln will. Er wirkt wie ein Golfprofi, dem gerade ein schwieriger Schlag geglückt ist. Nur mit Hilfe gentechnisch modifizierter Pflanzen, davon scheint Grant überzeugt, könne die rasant wachsende Weltbevölkerung ernährt werden. Die passenden Produkte dazu will Monsanto schon bald auf den Markt bringen. Für die Forschung gab das Unternehmen im vergangenen Jahr täglich mehr als zwei Millionen Dollar aus, insgesamt rund 800 Millionen Dollar jährlich.

Zum Vergleich: Als im vergangenen Jahr die Lebensmittelpreise explodierten und weltweit Unruhen ausbrachen, beschloss das Bundeskabinett, die Agrarforschung mit 40 Millionen Euro zu stärken. Ausgezahlt über fünf Jahre.

Die wichtigsten Punkte zum Genmais

Beim Betreten der Labortrakte überkommt den Besucher das Gefühl, durch eine Zeitschleuse direkt in die Zukunft gelangt zu sein: Menschen mit Schutzbrillen beobachten auf Monitoren DNA-Stränge, hinter Glas transportieren Roboter-Arme vollautomatisch einzelne Saatkörner in komplexe Analysegeräte. "Schauen sie einmal hier herein", sagt Kathy Sehnert, und öffnet eine Tür in einem der endlosen Korridore der Chesterfield Research Facility des Konzerns. In einem etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum stehen aufgereiht in mehreren parallel angeordneten Regalen unzählige Pflanzen in kleinen Töpfen.

Alle sind an ein Bewässerungssystem angeschlossen. Das künstliche Licht ist gleißend hell, die Raumtemperatur feuchtwarm. "In diesen Labors können wir jede Klimaregion der Welt simulieren. Wir bestimmen, wann Tag ist oder Nacht, ob es regnet oder trocken wird. Dadurch können wir für jede Gegend die passenden Nutzpflanzen entwickeln." Kathy Sehnert wirkt zufrieden. "Biotechnology Educator" steht auf ihrer Visitenkarte, ihr Job ist es, potentiellen Kunden oder Interessenten zumindest im Groben zu erklären, was in dem Labor-Labyrinth vor sich geht. Sie macht das mit dem Charme einer Hochschuldirektorin, aber irgendwie scheint auch sie von der Vision Grants besessen zu sein, bald bessere Pflanzen für den Kampf gegen den Hunger in der Welt präsentieren zu können.

Natürlich öffnet Sehnert nicht alle Türen. Aber dort, wo man hinein darf, finden sich überall engagiert wirkende Wissenschaftler, die mit Enthusiasmus ihrer Tätigkeit nachgehen und auf Nachfrage mit strahlenden Augen erklären, an was sie gerade forschen, sei es Dürreresistenz oder Pestizid-Toleranz.

Auf dem Dach stehen die großen gläsernen Gewächshäuser. Sie dürfen nur mit Schutzbrille und durch eine Schleuse betreten werden. Sorgfältig aufgereiht und etikettiert stehen hier verschiedene Maissorten in unterschiedlichen Wachstumsphasen. Gentechnisch modifiziert, versteht sich. In einem solchen Gewächshaus stand auch einmal "MON 810", bis vor kurzem der einzige in Deutschland zugelassenen Gen-Futtermais. Am vergangenen Dienstag wurde MON 810 von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) verboten.

Sicher ein Rückschlag für Hugh Grant, der seit geraumer Zeit hofft, den Fuß etwas mehr in die Tür zu dem begehrten europäischen Agrarmarkt zu schieben. "Die Europäer müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen", sagt der Monsanto-Chef. "Hier in den USA sind mehr als 90 Prozent des angebauten Sojas und weit über 70 Prozent der Maispflanzen gentechnisch verändert. Die Farmer kaufen diese Produkte, weil sie mehr Ertrag erzielen wollen."

Überhaupt hat Grant auf kritische Fragen stets eine Antwort:

Die ausweichenden Antworten des Genmais-Lobbyisten

Verträge, die Bauern verpflichten, jedes Jahr neues Saatgut bei Monsanto zu kaufen?

Grant: "Das ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil für die Farmer. Auf diese Weise erhalten sie immer unsere neue, noch leistungsfähigere Saat für noch mehr Ernteerträge."

Berichte über Abhängigkeiten oder Knebelverträge von Farmern mit Monsanto?

Grant: "Es gibt keine Abhängigkeit, der Deal ist aus Sicht der Farmer viel einfacher: Biete mir die beste Saat, die du hast, und jedes Frühjahr entscheide ich am Küchentisch, welches Produkt ich kaufe."

Bedenken bei Patenten auf Lebensmittel?

Grant: "Jedes noch so kleine Saatkörnchen ist mit einem Stück Technologie ausgestattet. Von einer brillanten Idee bis zur Marktreife dauert es mindestens zehn Jahre. Daher ist ein Patent essentiell erforderlich. So wie in jeder Technologie. Denken Sie nur an die großartigen Erfindungen aus Deutschland."

Über Rechtsstreitigkeiten mit Farmern, die beschuldigt werden, unerlaubt Saatgut von Monsanto nachgezüchtet zu haben, spricht Grant ungern. Gleiches gilt für die unter Farmern als "Seed-Police" verrufenen Kontrolltrupps der Firma, die Felder auf vertragsgemäße Nutzung von Monsanto-Saat untersuchen. All diese Dinge lässt der Schotte durch die gut funktionierende Rechtsabteilung des Konzerns klären.

Die wichtigsten Punkte zum Genmais

Mit gezielter Lobbyarbeit versucht die Firma, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Das mag nicht immer gelingen, aber die Zeit scheint für Firmen wie Monsanto zu sprechen. Weltweit entstehen derzeit jährlich neue Gen-Anbauflächen von der Größe der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Bundesrepublik. Genpflanzen sind im Kommen.

Wie die Zukunft aussehen könnte, verrät ein Besuch der "Farm Progress Show", einer gigantischen jährlichen Landwirtschaftsmesse im Mittelwesten der USA. Die Großen der Branche zeigen hier ihre neuen Kreationen im Pflanzenreich. Landwirte aus allen Regionen der Welt werden von Führern der großen Agrar-Konzerne in ihrer Landessprache durch unzählige Reihen verschiedener Nutzpflanzen mit Hightech-Namen geleitet.

"Sehen sie sich diese Sojapflanzen an" sagt Robb Fraley. Der "Chief Technology Officer" von Monsanto steht vor einem Beet mit knackig grünem kniehohem Bewuchs. "Wir haben ein Gen integriert, das Omega-3 Fettsäuren produziert. Wie Sie wissen, kennt man das herzfreundliche Fett in der Natur eigentlich nur beim Verzehr von Fisch. Künftig werden wir Soja-Öl mit Omega-3 Fettsäuren herstellen können. Wir haben schon mit der Industrie gesprochen, es gibt bereits Ideen für leckere Joghurts oder Salat-Dressings. Kommt schon in ein paar Jahren auf den Markt. Eine verdammt coole Sache."

Ohnehin scheint "cool" Fraleys Lieblingswort zu sein, er benutzt es bei fast jeder Pflanze, die er den Besuchern vorstellt. Sein "coolstes" Projekt ist eine 2,50 Meter hohe Maispflanze namens "Smartstax". "Diesem Mais haben wir acht verschiedene Gene eingesetzt. Drei davon kontrollieren oberirdische Insekten, drei weitere Wurzelwürmer unter der Erde. Dazu noch ein paar für unsere Herbizide 'Round up' und 'Liberty Link'. Besonders cool daran ist, dass dieser Mais einen wesentlich höheren Ertrag bringen wird."

Fraley bekommt leuchtende Augen: "Stellen Sie sich mal vor: Als die erste Biotech-Maispflanze 1997 eingeführt wurde, hatte sie gerade mal ein zusätzliches Gen. Diese Pflanze hier hat acht", sagt Fraley und greift nach einem Blatt des Smartstax-Gewächses. "In Zukunft werden wir noch das Dürre-Gen und weitere Gene für noch mehr Ertrag hinzufügen." Und dann sagt er einen Satz, der nicht nur Umweltaktivisten und Biobauern schwer im Magen liegen dürfte: "Wir sind überzeugt, dass Farmer schon in wenigen Jahren Maissaat nutzen werden, die 15 oder sogar 20 zusätzliche Gene beinhaltet."

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