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EXPORT Spielraum ausgeschöpft

Der Dollar fällt und fällt. Doch die Deutschen exportieren immer noch kräftig in die USA. Wie lange noch? *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Für den neuesten Ausstellungsraum seiner Firma in den USA war Gunter Kramer, dem Chef von BMW North America Inc., die teuerste Lage in New York gerade gut genug. An Manhattans vornehmer Park Avenue, an der schon Daimler-Benz seine Luxuswagen präsentiert, können Passanten nun auch BMW-Mobile zum Preis von 20355 bis 44305 Dollar bewundern.

Mit dem Schauraum für 3,5 Millionen Dollar wollen die US-Verkäufer des bayrischen Automobilkonzerns den schon seit Jahren flott steigenden Absatz auf noch höhere Touren bringen. Sie sind überzeugt, daß ihnen dies trotz Dollar-Sturz gelingen wird: In den ersten sieben Monaten 1986 legte BMW um fast neun Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

Auch Konkurrent Daimler-Benz will sich durch den Dollar-Rutsch nicht aus der Spur bringen lassen. »Die Talfahrt des Dollar hat die hohe Nachfrage nach Mercedes-Pkw in den USA nicht gestoppt«, beteuert Daimler-Chef Werner Breitschwerdt. Nach Daimler-Plan sollen in diesem Jahr rund neun Prozent mehr Wagen in den USA verkauft werden als im vergangenen Jahr.

Ein noch höheres Tempo fährt zur Zeit Porsche Cars North America. Die US-Tochter des schwäbischen Sportwagen-Produzenten erreichte in den ersten sieben Monaten dieses Jahres eine Absatz-Steigerung von fast 24 Prozent.

Die US-Ausfuhren deutscher Automobilhersteller, so scheint es, sind gegen Wechselkurs-Schwankungen fast immun. In den ersten fünf Monaten 1986 nahmen die Lieferungen über den Atlantik gegenüber dem gleichen Vorjahres-Zeitraum um 300 Millionen Mark auf 9,7 Milliarden Mark zu.

Auch die zweitstärkste Branche im Handel mit den USA, die Maschinenbau-Industrie, ließ sich durch die starke Mark-Aufwertung gegenüber dem Dollar bislang nicht stoppen: Sie steigerte ihre US-Ausfuhren im Vergleich zu den ersten fünf Vorjahres-Monaten um ebenfalls 300 Millionen Mark auf 3,7 Milliarden Mark.

Dem Computer-Produzenten Nixdorf gelang kürzlich gar das Kunststück, seinen größten Auftrag in Übersee ausgerechnet auf dem Heimatmarkt eines übermächtig scheinenden US-Konkurrenten zu ergattern. Die Paderborner Firma schnappte IBM eine Order des Handelsriesen Montgomery Ward für EDV-Geräte und -Dienstleistungen im Wert von über 100 Millionen Dollar weg.

So gut viele deutsche Firmen nach wie vor in den USA verkaufen, so schwach ist noch immer die Vorstellung der US-Unternehmen in der Bundesrepublik.

Die wichtigsten US-Lieferanten für den deutschen Markt, die Elektrofirmen, setzten von Januar bis Mai dieses Jahres nur noch 1,8 Milliarden Mark in der Bundesrepublik um. Ein Jahr zuvor hatten sie noch Güter im Wert von 2,4 Milliarden Mark geliefert.

Rund ein Viertel ihres in Mark berechneten Umsatzes büßten auch Amerikas Büromaschinen-Hersteller und Computer-Bauer in der Bundesrepublik ein. Insgesamt sackten die deutschen Einfuhren aus den USA in den ersten fünf Monaten 1986 um über 20 Prozent.

Der deutsche Export-Überschuß im Warenaustausch mit den Amerikanern, der in den Jahren des starken Dollar sprunghaft gestiegen war, kletterte damit auch nach der Wechselkurs-Wende kräftig weiter. Von acht Milliarden Mark in den ersten fünf Vorjahres-Monaten erhöhte er sich auf gut 11,4 Milliarden Mark in diesem Jahr.

Das scheint wider die Regel, daß die Exporte eines Landes durch eine starke Aufwertung der heimischen Währung gebremst und die Importe gefördert werden: Wenn die Mark gegenüber dem Dollar an Wert gewinnt, erhöhen die Anbieter deutscher Produkte in den USA ihre Dollar-Preise, um Erlöseinbußen _(Porsche-Fahrgestell bei der ) _(Verladung in Frankfurt. )

in eigener Währung zu vermeiden, die Nachfrage nach den teuereren Waren made in Germany wird mithin zurückgehen. Umgekehrt verhält es sich bei US-Ausfuhren in die Bundesrepublik. Der Ausfuhr-Überschuß eines Aufwertungslandes müßte folglich geringer werden.

Warum aber scheint dieser schlichte Mechanismus beim deutsch-amerikanischen Handel zu versagen? Entzieht der sich den Gesetzen der Ökonomie?

Mitnichten. Bevor sich der Anpassungsprozeß in den Statistiken niederschlägt, kann beträchtliche Zeit vergehen. Die Handelsströme brauchen Monate oder gar Jahre, bis sie auf veränderte Wechselkurs-Verhältnisse reagieren.

Zunächst einmal, das zeigen die Erfahrungen mit früheren starken Kursänderungen, wird durch eine Abwertung das Handelsbilanz-Defizit eines Landes sogar noch gesteigert und durch eine Aufwertung der Überschuß erhöht. Erst mit großer Verzögerung kommt es dann zum gewünschten Umschwung.

Dies liegt daran, daß beispielsweise deutsche Kunden auf billigere Importe aus den USA nicht sogleich mit höheren Käufen reagieren. Auch wandern amerikanische Abnehmer nicht sofort zu anderen Lieferanten ab, wenn deutsche Produkte teurer werden.

Nach dem Kursschwund des Dollar, der seit Februar 1985 um rund 40 Prozent auf unter 2,10 Mark gesackt ist, haben denn auch die deutschen Einfuhrmengen aus den USA bislang kaum zugenommen. Der in Mark ausgedrückte Wert dieser Importgüter aber ist stark gefallen, weil für die Dollar-Rechnungen weit weniger Mark hinzublättern sind.

Umgekehrt hat sich die starke Kursänderung vorerst auch nur schwach auf die Mengen ausgewirkt, die deutsche Exporteure in die USA verschiffen. Die Amerikaner nahmen also erst einmal hin, daß sie mehr Dollar für deutsche Produkte aufzubringen haben.

Stark geschrumpfte Importwerte bei gleichzeitig ziemlich stabilen Exportwerten haben mithin dazu geführt, daß sich der deutsche Exportüberschuß im Handel mit den Amerikanern in den vergangenen Monaten nochmals kräftig erhöht hat. In der Ökonomie wird dies als J-Kurven-Effekt bezeichnet: Erst wird das Handelsungleichgewicht noch schlimmer, bevor es dann endlich in die richtige Richtung geht.

Um ihre Kunden in den USA auch längerfristig zu halten und womöglich noch neue zu gewinnen, setzten die deutschen Lieferanten - wie auch die Japaner und andere US-Handelspartner - ihre Dollarpreise allerdings nicht so stark herauf, wie es erforderlich gewesen wäre, um die Stückerlöse in der eigenen Währung konstant zu halten.

Nach zwei Jahren stabiler Dollarpreise setzte Porsche diese im Februar nur um vier Prozent herauf. Auch eine weitere sechsprozentige Preiserhöhung Anfang August fiel zu niedrig aus, als daß der kursbedingte Rückgang der Erlöse pro verkauften Wagen ausgeglichen werden könnte.

Die anderen deutschen Auto-Exporteure waren ebenfalls sehr vorsichtig in ihrer Preisstrategie. Audi etwa setzte seine US-Preise im März um vier und im Mai um zwei Prozent herauf. Und BMW fordert beispielsweise für sein Modell 524td nur vier Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

Diese Zurückhaltung geht natürlich in die Erträge. Wie stark die wechselkursbedingten Einbußen waren, die deutsche Exporteure hinnahmen, um ihren Absatz in den USA halten oder noch steigern zu können, geht aus einer Analyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft hervor: Danach ließen die deutschen Anbieter ihre in Mark umgerechneten US-Preise im ersten Quartal dieses Jahres um etwa 30 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahres-Quartal fallen.

Die Preiszugeständnisse fielen etlichen Unternehmen zunächst nicht allzu schwer. In den Zeiten, als sie für jeden eingenommenen Dollar über drei Mark eintauschen konnten, fuhren die meisten deutschen Exporteure in den USA Rekordgewinne ein.

Zudem federten viele Firmen den lang erwarteten Dollar-Rutsch durch Kurssicherungsgeschäfte ab. BMW beispielsweise hat alle voraussichtlichen Dollar-Einnahmen bis Ende dieses Jahres bereits per Termin verkauft.

Doch Kurssicherungsgeschäfte geben nur für einen begrenzten Zeitraum Schutz. Und weil der Dollar fällt und fällt, folgern die Volkswirte der Deutschen Bank in ihrem jüngsten »Bulletin«, daß »der Spielraum für eine Verringerung der Gewinnmargen inzwischen weitgehend ausgeschöpft sein dürfte«.

Selbst erfahrene US-Exporteure müssen beim derzeitigen Dollarkurs aufpassen, daß sie ihre US-Bastionen nicht verlieren. Nach Exportzuwächsen von 43 Prozent im Jahre 1984 und von 19 Prozent im vergangenen Jahr erreichten die deutschen Lieferanten von Januar bis Mai dieses Jahres nur noch ein Plus von knapp 0,9 Prozent. Und seither ist der Dollar weiter abgesackt.

Durch den fallenden Dollar geraten die deutschen Exporteure nicht nur im US-Geschäft unter Druck, sondern auch auf fast allen anderen Auslandsmärkten. Viele Länder in Lateinamerika und Ostasien koppeln ihre Währungen nämlich an den Dollar; überdies werden Anbieter aus dem Dollar-Raum auch auf Drittmärkten stärker, wenn der Kurs der US-Valuta fällt.

So beobachten vor allem Deutschlands Chemie- und Maschinenbau-Konzerne, daß ihre US-Konkurrenten auf den Weltmärkten wieder gefährlicher werden. »Beim Export in die USA, nach Südostasien, nach Südamerika und in den Nahen Osten«, klagt BASF-Chef und Chemieverbands-Präsident Hans Albers, »bekommen wir zunehmend den niedrigen Dollarkurs zu spüren, wenn auch nur etwa ein Sechstel unserer Ausfuhren direkt vom Dollar abhängt.«

Schwieriger dürfte das Geschäft für Deutschlands Autohersteller auch im Inland werden. Zwar haben sie nicht zu fürchten, daß nun Cadillacs, Lincolns und Pontiacs aus Detroit anrollen. Aber die Japaner, die es jetzt wie die Deutschen in den USA schwerer haben, weichen zunehmend nach Europa aus. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres schickten sie bereits rund 30 Prozent mehr Wagen in die Bundesrepublik als ein Jahr zuvor.

[Grafiktext]

UMWORBENER US-MARKT Das Verarbeitende Gewerbe der Bundesrepublik exportierte 1985 Waren für insgesamt 55,5 Milliarden Mark in die USA, das sind 3,7 Prozent des Gesamtumsatzes; darunter nach Branchen: Exporte in die USA (Milliarden Mark) Anteil am jeweiligen Gesamtumsatz in Prozent Straßenfahrzeugbau Maschinenbau Chemie Elektrotechnik Eisen und Stahl Feinmechanik, Optik, Uhren Büro- und EDV-Geräte Eisen- und Metallwaren Luft- und Raumfahrzeuge

[GrafiktextEnde]

Porsche-Fahrgestell bei der Verladung in Frankfurt.

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