Spionageaffäre Telekom schleuste Maulwurf bei "Capital" ein

Neue Erkenntnisse in der Spitzel-Affäre erhöhen den Druck auf die Telekom. 2005 soll sie über Monate einen Maulwurf beim Wirtschaftsmagazin "Capital" platziert haben - obwohl die Konzernführung 2007 intern Konsequenzen zog, wurde die Redaktion nicht sofort informiert.

Von Beat Balzli und


Hamburg/Düsseldorf - Nach SPIEGEL-Informationen hat die Telekom 2005 eine Detektei beauftragt, die den Maulwurf in der Redaktion des Kölner Wirtschaftsmagazins "Capital" unterbringen und führen sollte. Die ungeheuerliche Aktion, heißt es bei dem Sicherheitsunternehmen, sei deutlich effizienter gewesen als der Abgleich der Telefonverbindungsdaten im Projekt "Rheingold".

Telekom-Chef Obermann: Erste Hinweise tauchten schon 2007 auf
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Telekom-Chef Obermann: Erste Hinweise tauchten schon 2007 auf

Der Spitzel konnte offenbar nachweisen, dass 2005 ein damaliges Betriebsratsmitglied Kontakt zu dem "Capital"-Redakteur Reinhard Kowalewsky hatte. Kowalewsky hatte in einem Artikel über geheime Planungen der Telekom berichtet und damit bei der Telekom-Spitze große Verärgerung ausgelöst.

Bei der Telekom wollte man sich mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren nicht zu den Vorwürfen äußern.

Bei Spähoperationen mit Codenamen wie "Clipper" und "Rheingold" hatte die Telekom 2005 und 2006 mehrere Hunderttausend Festnetz- und Mobilfunk-Verbindungsdatensätze der wichtigsten über die Telekom berichtenden deutschen Journalisten ausgewertet. So wollte der Konzern ermitteln, von welchen Kontaktpersonen die Journalisten Telekom-Interna erfuhren.

In der Geheimaktion "Clipper" soll die Detektei neben der Auswertung von Zeitungsartikeln über die Telekom auch eine Datenbank von Telefonverbindungen mehrerer Journalisten verwaltet haben. Im Zentrum der Bespitzelungsaktion sollen nach SPIEGEL-Informationen drei Wirtschaftsmagazin-Journalisten gestanden haben. Insgesamt sollen dabei aus 250.000 Rohdatensätzen der Telekom 8000 Datensätze mit potentiellen Journalistengesprächen herausgefiltert worden sein. Das System soll als eine Art "Frühwarnsystem" für die Telekom konzipiert gewesen sein. Bei verdächtigen Artikeln konnte die Telekom offfensichtlich konkrete Verbindungsdaten bei Bedarf anfordern, was aber nicht oft geschah. Die Ergebnisse waren offenbar nicht sehr aussagekräftig.

Telekom hoffte, den Fall nicht öffentlich machen zu müssen

Die Affäre fällt in die Amtszeit des früheren Telekom-Chefs Kai-Uwe Ricke. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende René Obermann hatte den gesamten Vorgang in diesem Monat an die Bonner Staatsanwaltschaft weitergeleitet und das Kanzleramt sowie das Finanzministerium in Kenntnis gesetzt.

Erste interne Hinweise auf die Bespitzelung Kowalewskys tauchten bei der Telekom indes schon 2007 auf. Damals ließ Obermann auch den Verantwortlichen in der Sicherheitsabteilung austauschen. Es wurde aber versäumt, "Capital" über den Fall zu informieren.

Kowalewsky wurde von der Telekom erst vor wenigen Tagen kontaktiert und in Kenntnis gesetzt, nachdem der SPIEGEL über weitere Fälle von Bespitzelung berichtet hatte. Der "Capital"-Journalist hat von einer Bespitzelung nach eigenen Angaben nichts bemerkt, will eine solche Aktion aber auch nicht ausschließen. In einem dem SPIEGEL vorliegenden Fax der Berliner Sicherheitsfirma waren schon erste Hinweise auf die Bespitzelung aufgetaucht.

Ein Telekom-Sprecher bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass "Capital" nicht frühzeitig unterrichtet wurde. Begründet wird dies mit der "Geschwindigkeit der Aufklärung, die damals im Vordergrund stand". Man sei von einem Einzelfall ausgegangen. "In der Phase, in Sie diesen Fall intern aufklären müssen, wäre es schädlich gewesen, an die Öffentlichkeit zu gehen - weil wir die Aufklärung damit behindert hätten."



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