Spitzel-Affäre bei Lidl "Sind wir hier bei Scientology?"

Der Lidl-Skandal um illegal überwachte Mitarbeiter hat bundesweit für Empörung gesorgt, nur eine Gruppe stört er nicht: die Kunden. Sie kaufen weiter bei dem Discounter ein - ein Boykott, so glauben sie, hätte wenig Erfolg.

Von Christina Kohl


Berlin - Es ist ein skurriles Bild - ungewollt: In den Regalen vor der Lidl-Kasse liegen Exemplare des Boulevardblatts "Berliner Kurier", das heute mit den Überwachungspraktiken des Discounters titelt. "Mitarbeiter bis aufs Klo bespitzelt" steht in großen weißen Lettern auf der ersten Seite, daneben zeigen Fotos einen Lidl-Supermarkt und eine Videokamera. Eine Kamera, wie sie auch auf den Mittelgang der Filiale an der Choriner Straße in Berlin, Prenzlauer Berg, gerichtet ist.

Discounter-Kundin: "Ist es bei Aldi oder Plus etwa anders?"
DPA

Discounter-Kundin: "Ist es bei Aldi oder Plus etwa anders?"

An diesem Donnerstag, einen Tag nach der Veröffentlichung schier unglaublicher Spitzel-Vorwürfe durch den "Stern", geht es still zu. Nur eine Kasse ist besetzt. Angela Leiberg hat hier gerade eingekauft, sie wohnt in der Nähe. Im Videotext hatte sie am Morgen gelesen, was dem Discounter vorgeworfen wird: Laut dem "Stern" hat Lidl seine Mitarbeiter systematisch ausspioniert. Mit Miniaturkameras wurden die Angestellten überwacht, Gespräche in seitenlangen Protokollen notiert. Aufgezeichnet wurden Banalitäten ("Das Guthaben auf ihrem Handy beträgt nur noch 85 Cent.") ebenso wie Details aus dem Privatleben ("Ihr Freundeskreis besteht größtenteils aus Drogenabhängigen"). Der Konzern hat bislang nur schwach dementiert. Immerhin entschuldigte sich der Konzern, die Bespitzelung sei nicht Wille der Geschäftsleitung gewesen.

Kunden kaufen trotzdem

Angela Leiberg findet es "unglaublich", wie Lidl seine Mitarbeiter ausspioniert: "Sind wir hier bei Scientology?" Die 52-Jährige weiß jedoch nicht, wo sie sonst einkaufen soll. Im Bio-Markt? "Kann ich mir nicht leisten", sagt die frühere Englischlehrerin, die zurzeit arbeitslos ist. In anderen Discountern, etwa Aldi oder Plus? Leiberg fragt zurück: "Ist es da denn anders?"

Auch Ina Schulte weiß von der Lidl-Affäre – trotzdem verlässt sie das Geschäft mit einer großen blau-gelben Plastiktüte. "Ist schon ein komisches Gefühl", gibt die 24-jährige Modestudentin zu. Sie kommt von der Universität, der Supermarkt liegt auf ihrem Heimweg. Sie überlege aber, in Zukunft woanders einzukaufen. Überwachungskameras lehnt Schulte generell ab: "Ich fühle mich dadurch eher bedroht als geschützt." An dem aktuellen Fall sehe man, dass die Aufnahmen leicht missbraucht werden können.

"Den Chefs auf die Finger klopfen"

Eine andere Lidl-Filiale, ein paar Straßen weiter. Ein junger Mann schließt sein Fahrrad an ein Baugerüst neben dem Eingang. Ein Boykott kommt für ihn nicht in Frage: "Das bringt doch nichts, dann verlieren die Leute bloß ihren Arbeitsplatz", sagt er. Außerdem halte das niemand lange durch, und spätestens nach einer Woche sei dann alles wie vorher. "Das Problem ist doch, da werden Leute beobachtet, die denken, dass sie in einem geschützten Raum arbeiten." Dieser Betrug müsse sanktioniert werden, fordert Hermann K.: "Da sollte mal jemand dem Chef auf die Finger klopfen." Die Kunden könnten aber nichts ausrichten.

Einige Kunden haben aber auch noch gar nichts von den Vorwürfen gehört. "Ach deshalb sind die da drin alle so unfreundlich", sagt Mirsat Neziraj, als er davon hört. Er wird auch weiterhin bei Lidl einkaufen. "Ich glaube, das ist wahrscheinlich überall so. Wenn Arbeitgeber etwas über ihre Angestellten herausfinden wollen, dann schaffen sie das auch, egal wie."



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