Spitzelaktion in Sommer-Ära Wirtschaftszeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen Telekom

Die Telekom-Spitzelaffäre hat womöglich eine größere Dimension als bisher bekannt. Die "Financial Times Deutschland" berichtet, einer ihrer Reporter sei schon im Jahr 2000 mit Detektiven und Kameras ausgespäht worden - in der Ära Ron Sommer. Nach SPIEGEL-Informationen wurde Jahre später außerdem ein Maulwurf bei "Capital" eingeschleust.


Hamburg/Düsseldorf - Die Spitzelaffäre bei der Telekom war bisher nur mit der Ära von Ex-Vorstandschef Kai-Uwe Ricke verbunden. Von 2002 bis 2006 führte er den Konzern, in dieser Zeit soll mit ungeheuerlichen Methoden Informationslecks in den obersten Konzerngremien nachgespürt worden sein. Doch womöglich hatte die Praxis schon in den Jahren zuvor begonnen: Die "Financial Times Deutschland" hat Hinweise darauf gefunden, dass schon im Jahr 2000 einer ihrer Reporter bespitzelt wurde - also mitten in der Amtszeit von Rickes Vorgänger Ron Sommer.

Ex-Telekom-Chef Sommer: Vorwürfe reichen bis in seine Zeit zurück
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Ex-Telekom-Chef Sommer: Vorwürfe reichen bis in seine Zeit zurück

Die Wirtschaftszeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen den Konzern. Die Telekom habe schon vor acht Jahren Spitzelaufträge erteilt, um Informanten aus dem Konzern und missliebige Journalisten zu identifizieren. Die von Ex-Geheimdienstlern gegründete Berliner Wirtschaftsdetektei Desa habe dann nach Informanten von Journalisten im Konzern gesucht und dabei vor allem den damaligen Chefreporter der Zeitung, Tasso Enzweiler, ins Visier genommen. Er veröffentlichte zu dieser Zeit oft exklusive Geschichten über die Telekom. Die Telekom hoffte nach Darstellung der "Financial Times Deutschland", über ihn ihre undichten Stellen zu finden.

Die Detektive haben der Zeitung zufolge sogar versucht, mit versteckter Kamera Hinweise auf Enzweilers Kontaktperson in seinen Redaktionsräumen in Köln zu finden. Die Methoden seien weit über das schon bekannte Auswerten von Telefonverbindungen in den Jahren 2005 und 2006 hinausgegangen.

"Wir hören das zum ersten Mal"

Die "Financial Times Deutschland" will erfahren haben, dass der Spitzelauftrag 2000 von Harald Steininger vergeben worden sei, der später zum Leiter der Telekom-Konzernsicherheit aufstieg und im vergangenen Sommer wegen der Affäre vom heutigen Konzernchef René Obermann gefeuert wurde. Steininger war für eine Stellungnahme bislang nicht zu erreichen. Unklar sei, so heißt es in dem Bericht der "Financial Times Deutschland" weiter, in wessen Auftrag Steininger gehandelt habe. Er habe die Berliner Control Risks Group (CRG) als Partner gewählt, die wiederum mit Desa zusammenarbeitete. Ein Telekomsprecher sagte SPIEGEL ONLINE allerdings, dass Steininger erst 2004 bei dem Unternehmen angefangen habe zu arbeiten.

Insgesamt zeigte sich die Telekom überrascht von den Recherchen. "Wir hören das zum ersten Mal. Uns sind diese Vorgänge nicht bekannt, wir haben keinerlei Hinweise darauf", sagt Sprecher Philipp Schindera SPIEGEL ONLINE. Er fordert die Wirtschaftszeitung auf, ihre Erkenntnisse den staatlichen Ermittlern bereitzustellen: "Wer Hinweise hat, sollte sie der Bonner Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellen." Der Konzern setzt auf deren Arbeit, man wolle "lückenlose Aufklärung". Zur Rolle von Steininger "kann ich nichts sagen, er ist nicht mehr im Unternehmen", sagt Schindera.

Desa-Chef Frank Hendrik J. wollte sich laut "Financial Times Deutschland" nicht zu dem Fall aus dem Jahr 2000 äußern. Er könne sich an diesen konkreten Vorgang nicht erinnern. "Wir haben sicherlich nichts getan, was strafrechtlich relevant ist", sagte er der Zeitung.

Wenn sich die Vorwürfe der "Financial Times Deutschland" bewahrheiten, läge der Eindruck nahe, dass die Telekom über viele Jahre ein Spitzelsystem gegen Journalisten und Spitzenkräfte unterhalten hat - zumal immer neue Details über die Praktiken ans Licht kommen.

Spitzel bei Wirtschaftsmagazin "Capital" eingeschleust

So hatte die Telekom nach Informationen des SPIEGEL 2005 eine Detektei beauftragt, einen Maulwurf in der Redaktion des Kölner Wirtschaftsmagazins "Capital" unterbringen und zu führen. Die Aktion ist nach Angaben aus dem Sicherheitsunternehmen deutlich effizienter gewesen als der Abgleich der Telefonverbindungsdaten im Projekt "Rheingold": Der Spitzel konnte offenbar nachweisen, dass 2005 ein damaliges Betriebsratsmitglied Kontakt zu dem "Capital"-Redakteur Reinhard Kowalewsky hatte. Kowalewsky hatte in einem Artikel über geheime Planungen der Telekom berichtet und damit bei der Telekom-Spitze große Verärgerung ausgelöst.

Der Journalist wurde von der Telekom erst vor wenigen Tagen kontaktiert und in Kenntnis gesetzt, nachdem der SPIEGEL über weitere Fälle von Bespitzelung berichtet hatte. Kowalewsky hat von einer Bespitzelung nach eigenen Angaben nichts bemerkt, will eine solche Aktion aber auch nicht ausschließen.

Die Telekom-Spitze um Obermann hatte dagegen schon 2007 Hinweise auf die Bespitzelung von Kowalewsky. Damals ließ Obermann Steininger austauschen und die Abteilung Konzernsicherheit umbauen. Dass damals nicht sofort "Capital" über den Fall informiert wurde, begründet ein Telekom-Sprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit der "Geschwindigkeit der Aufklärung, die damals im Vordergrund stand". Man sei von einem Einzelfall ausgegangen. "In der Phase, in der Sie diesen Fall intern aufklären müssen, wäre es schädlich gewesen, an die Öffentlichkeit zu gehen - weil wir die Aufklärung damit behindert hätten."

Frühwarnsystem gegen kritische Journalisten

Vorstandschef Obermann hatte den gesamten Vorgang in diesem Monat an die Bonner Staatsanwaltschaft weitergeleitet und das Kanzleramt sowie das Finanzministerium in Kenntnis gesetzt. Am vergangenen Wochenende wurde die Affäre dann bekannt; die Telekom gab zu, dass der Konzern in den Jahren 2005 und 2006 Telefonverbindungsdaten missbräuchlich benutzt hat.

Bei Spähoperationen mit Codenamen wie "Clipper" und "Rheingold" hatte sie mehrere 100.000 Festnetz- und Mobilfunk-Verbindungsdatensätze der wichtigsten über die Telekom berichtenden deutschen Journalisten auswerten lassen. So wollte der Konzern ermitteln, von welchen Kontaktpersonen die Journalisten Telekom-Interna erfuhren.

In der Geheimaktion "Clipper" soll eine Detektei nach Informationen des SPIEGEL auch eine Datenbank von Telefonverbindungen mehrerer Journalisten verwaltet haben. Im Zentrum der Bespitzelungsaktion sollen drei Wirtschaftsmagazin-Journalisten gestanden haben. Insgesamt sollen dabei aus 250.000 Rohdatensätzen der Telekom 8000 Datensätze mit potentiellen Journalistengesprächen herausgefiltert worden sein. Das System soll als eine Art "Frühwarnsystem" für die Telekom konzipiert gewesen sein. Bei verdächtigen Artikeln konnte die Telekom offensichtlich konkrete Verbindungsdaten bei Bedarf anfordern, was aber nicht oft geschah. Die Ergebnisse waren offenbar nicht sehr aussagekräftig.

Aufsichtsrat unterstützt Obermann

Der Aufsichtsrat der Telekom gab unterdessen Obermann in der Bespitzelungsaffäre Rückendeckung. Das Kontrollgremium habe ausdrücklich die von ihm eingeleiteten Maßnahmen begrüßt und seinen Kurs unterstützt, um künftig einen Datenmissbrauch in dem Unternehmen zu verhindern, sagte Konzernsprecher Philipp Schindera. Zu den Details, die auf der fünfstündigen Sitzung des Aufsichtsrates besprochen wurden, wollte er sich nicht äußern.

Spekulationen über eine mögliche Verstrickung von Obermann in die Affäre wies das Unternehmen in einer Pressemitteilung zurück. Der Vorstandsvorsitzende habe mit den Vorgängen aus dem Jahr 2005 nichts zu tun.

plö/Beat Balzli/Frank Dohmen/dpa



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