Springer und das Kartellamt "Hörzu" auf der Abschussliste?

Der Springer-Verlag ist zu einigen Konzessionen bereit, um doch noch das Okay des Kartellamtes für die Übernahme von ProSiebenSat.1 zu bekommen. So soll Konzernchef Döpfner den Verkauf mehrerer Beteiligungen und Titel erwägen.


Hamburg - Springer könnte die Beteiligungen am Druckkonzern Prinovis und Anteile an Radiosendern veräußern, schreibt die "Financial Times Deutschland". Falls das dem Amt nicht genügen sollte, werde auch eine Trennung von Programmzeitschriften diskutiert, wie auch die "Frankfurter Allgemeine" berichtet. Zu den Springer-Programmzeitschriften gehört neben "TV Digital" auch die "Hörzu" - immer noch das auflagenstärkste Magazin des Verlages.

Verlagsleiter Döpfner: Weg mit den Programmzeitschriften?
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Verlagsleiter Döpfner: Weg mit den Programmzeitschriften?

Mit den möglichen Zugeständnissen würde Springer auf das vorläufige Votum des Kartellamtes reagieren. Kartellamtschef Ulf Böge sagte heute, der Zusammenschluss von Springer und ProSiebenSat.1 würde zu einer "nach dem Kartellrecht nicht genehmigungsfähigen Marktmacht führen". Macht Springer keine Zugeständnisse, wird das Kartellamt den Deal untersagen. Die Beteiligten haben nun drei Wochen Zeit für Stellungnahmen.

Springer-Sprecherin Edda Fels nannte die Berichte über mögliche Zugeständnisse "rein spekulativ". Entscheidungen seien noch nicht getroffen worden, vielmehr sei man noch damit beschäftigt, das Votum der Wettbewerbshüter genau zu analysieren. "Aus heutiger Sicht lässt sich noch nicht sagen, wie wir uns verhandlungstaktisch verhalten werden", so Fels zu SPIEGEL ONLINE.

Sollten die Forderungen des Amtes zu weit gehen, werde Springer-Chef Mathias Döpfner darauf bauen, dass der künftige Wirtschaftsminister Michael Glos die Pläne per Sondererlaubnis gestattet, schreiben die "FTD" und die "FAZ". Fels sagte dazu, es gebe immer "die rein theoretische" Möglichkeit, eine vom Kartellamt gestoppte Fusion per Ministererlaubnis auf den Weg zu bringen. Derzeit werde aber bei Springer nicht darüber nachgedacht.

Böge will sich "Bild"-Stellung genau ansehen

Nach Einschätzung des Bundeskartellamts würde der Zusammenschluss eine schon vorhandene marktbeherrschende Stellung sowohl auf dem Fernsehwerbemarkt als auch bei Straßenverkaufszeitungen und im Geschäft mit Zeitungsanzeigen verstärken. Auf dem TV-Werbemarkt verfügten ProSiebenSat.1 und die zu Bertelsmann gehörende RTL-Sendergruppe mit einem seit Jahren konstanten Marktanteil von etwa 80 Prozent über eine gemeinsame marktbeherrschende Position, ein so genanntes "wettbewerbsloses Duopol", erläuterte die Wettbewerbsbehörde.

Durch den Zusammenschluss käme es - auch durch eine Reihe von Verflechtungen zwischen Springer/ProSiebenSat.1 und Bertelsmann - zu einer weiteren Absicherung und damit Verstärkung des Duopols. Diese Verflechtungen beträfen gemeinsame Minderheitsbeteiligungen von Springer und Bertelsmann an mehreren privaten Hörfunksendern wie Radio Hamburg und Antenne Bayern und Pressevertriebsunternehmen wie zum Beispiel in Leipzig, Dresden, Pfalz und Berlin sowie die gemeinsame Beherrschung von Prinovis.

Auf dem bundesweiten Markt für Straßenverkaufszeitungen würde der Zusammenschluss zu einer Verstärkung der marktbeherrschenden Stellung von Springer führen, erklärte das Kartellamt weiter. Der Verlag habe mit der "Bild"-Zeitung einen Marktanteil von etwa 80 Prozent. Durch den Zusammenschluss erhielte Springer die Möglichkeit, die Stellung der "Bild"-Zeitung durch medienübergreifende Zusammenarbeit in Werbung und redaktionellen Inhalten weiter abzusichern und damit zu verstärken.

Schließlich würde der Zusammenschluss nach derzeitiger Erkenntnis auch zu einer Verstärkung der Marktstellung von Springer auf dem bundesweiten Anzeigenmarkt für Zeitungen führen. Dem Springer-Verlag komme hier mit der "Bild"-Zeitung und der "Welt" bereits heute eine überragende Stellung mit rund 40 Prozent Marktanteil zu, erläuterten die Wettbewerbshüter. Springer erhielte durch die Fusion die Möglichkeit, Werbekampagnen für Produkte abgestimmt über mehrere Medien anbieten zu können und so crossmediale Werbekampagnen zu schalten. Dies würde die marktbeherrschende Stellung von Springer auf dem Anzeigenmarkt für Zeitungen weiter absichern.



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