Zur Ausgabe
Artikel 36 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KONKURSE Sprit geklaut

Bei der Millionen-Pleite des Herner Öl-Händlers Goldbach gerät nun auch die Steuer-Bürokratie ins Zwielicht.
aus DER SPIEGEL 39/1979

Mit einem leeren Handkoffer betrat Erhard Goldbach das Postscheckamt in Dortmund, Hoher Wall 9. Am Schalter füllte der Hemer Öl-Händler einen Scheck über die Summe von 840 000 Mark aus. Der Postbeamte prüfte das Konto und stellte fest, daß der Betrag gedeckt war.

Dennoch verweigerte der Beamte die Auszahlung. Knapp eine Stunde vorher hatte am 23. Juli dieses Jahres Goldbachs Geschäftsführer Friedhelm Lehmann das Konto sperren lassen.

Mehr Glück hatte der Öl-Kaufmann dafür bei seinen Banken. Nachdem er alle seine Konten geplündert hatte, setzte sich Goldbach Anfang August knapp zwei Wochen nach dem Zusammenbruch seines Tankstellenkonzerns »Goldin« ins Ausland ab.

Dort kann er sich?s, wie inzwischen feststeht, gutgehen lassen. Denn vor dem Grenzwechsel hatte Goldbach sich nach seriösen Schätzungen weit über 200 Millionen Mark auf ausländische Konten überwiesen.

Es sind Millionen, die dem Staat zustehen: Goldbachs Steuerschulden werden auf rund 340 Millionen geschätzt.

Daß sich der Hemer Händler vergleichsweise lässig Hunderte von Steuer-Millionen fürs eigene Wohlleben zuschieben konnte, dürfte nicht nur der kriminellen Energie des Mannes aus dem Kohlenpott zuzuschreiben sein. Offenbar hat auch eine Finanzverwaltung dazu beigetragen, die den Öl-Händler viel zu lange seine obskuren Geschäfte treiben ließ.

Schon seit Anfang 1974 wußten Zoll- und Finanzbeamte, so ermittelte jetzt die Staatsanwaltschaft in Bochum, daß es im Hause Goldin nicht zum besten stand. »Langjährige unternehmerische Fehlplanungen«, schrieb am 12. Februar 1974 das Hauptzollamt Bochum unter Aktenzeichen V 8112 B -- E 1 an das Finanzgericht in Münster, hätten die größte freie Tankstellenkette der Bundesrepublik in »wirtschaftliche Schwierigkeiten« gebracht. Deshalb seien Goldbachs Steuerzahlungen gefährdet.

Doch die Mahnungen der Kollegen vom Zoll waren weder 1974 noch später ein Anlaß für die Beamten der Oberfinanzdirektion in Münster, die Geschäfte des ehemaligen Obst- und Kohlenhändlers einmal schärfer in Augenschein zu nehmen.

Dabei war Goldbachs Spritfirma bereits auf dem Höhepunkt der Öl-Krise von 1973 derart in die Klemme geraten, daß schon damals nach Ansicht des Goldin-Angestellten Friedhelm Lehmann »der Vergleichsantrag fällig gewesen ware

Für den erst 1977 als Goldin-Geschäftsführer angeheuerten Lehmann, der beteuert, von nichts gewußt zu haben, steht heute fest: »Der Goldbach konnte sich von 1973 an nur noch mit Manipulationen und Tricks über Wasser halten.«

Den Beamten, die sich bei Lohnsteuerzahlern mit Wonne um Kleinstbeträge bei den Werbungskosten streiten, war aber offenbar entgangen, welch windiges Millionenspiel der Hemer Sprithändler trieb.

Um seine Steuerschulden begleichen zu können, mußte Goldbach von 1973 an seine Umsätze beträchtlich vergrößern. Denn nur über die Mehreinnahmen seiner eigenen 260 Tankstellen und durch ständig steigende Benzinverkäufe an die Supermarkt-Tankstellen von Ratio und Plaza konnte der bullige Konzernchef die Steuerlöcher stopfen.

»Der verkaufte schließlich«, fand Lehmann jetzt in den Büchern bestätigt, »Benzin noch unter den Einstandspreisen von Rotterdam.« Mit diesen Kampfpreisen katapultierte Goldbach von 1973 bis 1978 seinen Umsatz von 162 Millionen auf rund zwei Milliarden Mark hoch.

Die »erhebliche Liquiditätslücke«, die Bochumer Zöllner bei Goldin 1974 ausgemacht hatten, füllte Goldbach dadurch auf, daß er den Mineralölsteuer-Anteil -- 44 Pfennig je Liter Benzin -- verspätet oder gar nicht an den Fiskus abführte. Während Fußballfan Goldbach -- er finanzierte bis 1979 den Zweitligisten Westfalia Herne -- für seine 245 Goldin-Zapfsäulen die Mineralölsteuer mit Verzögerung an den Fiskus zahlte, ließ er an seinen übrigen, den Goldbach-Autohäusern der Marke Fiat angegliederten 15 freien Tankstellen kräftig Steuern hinterziehen.

Hier verkaufte der 1-ferner im Schnitt pro Monat etwa 800 000 Liter Normal und Super. Aber nur etwa 200 000 Liter wurden in den Büchern vermerkt.

Den weitaus größten Teil ließ Goldbach am Fiskus vorbei in die Benzintanks seiner Auto-Kunden fließen. Damit verschaffte sich der Steuerakrobat Zusatzeinkünfte von weit über 200 Millionen Mark.

So ganz war auch den Finanzbeamten nicht entgangen, daß Goldbach wenig von den Regeln eines ehrbaren Kaufmanns hielt. Am 22. Juli 1974 bemäkelten Betriebsprüfer des Oberfinanzbezirks Münster, Goldbachs Firmengruppe verfüge »über keine ordnungsmäßige Buchführung, was zu Bedenken gegen ihre steuerliche Zuverlässigkeit« führe. In ihrem Prüfbericht gaben die Finanzbeamten sogar zu bedenken, die Goldbach-Gruppe habe »bereits eine Unterdeckung« bei den kurzfristig verfügbaren Mitteln von 15690407,15 Mark.

Daraufhin listete die Oberfinanzdirektion Münster auf, wie es mit Goldbach und seinem Konzern in den letzten Jahren um die Steuermoral bestellt war. Akribisch verglichen die westfälischen Steuereintreiber von November 1971 an Monat für Monat, wie oft Goldbach mit seinen Steuern im Verzug war. Bis Mai 1974 kamen sie auf genau 23 verspätete Zahlungen. Auf den Gedanken, daß Goldbach einen Teil der Mineralölsteuer für sich selbst abkassierte, kamen die Beamten gar nicht.

Ein Jahr darauf rückten die Betriebsprüfer erneut in die Goldbach-Büros ein und verglichen Soll und Haben. Ihr Bericht fiel noch düsterer aus: »Die Rentabilität der Goldbach-Firmen ist so niedrig«, faßten die drei Bilanz-Beamten aus Münster zusammen, daß aus den Gewinnen »voraussichtlich in absehbarer Zeit kein dringend benötigtes Eigenkapital« gebildet werden könne.

Doch viel weiter gingen die Erkenntnisse der Beamten nicht. Und Veranlassung, dem Kohlenpott-Tycoon noch etwas mehr auf die Finger zu klopfen, verspürten die Beamten offenbar auch nicht.

Bei seinen Steuergeschäften verließ sich Goldbach nicht nur auf die eigene Findigkeit. Der frühere Bremer CDU-Gesundheitssenator Karl Krammig, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Gründer des »Freundeskreises Franz Josef Strauß« in Bremen, sorgte dafür, daß Goldbachs Firmen bei den Finanzämtern gut angeschrieben waren. »Dreimal«, so Krammig vorletzte Woche, habe er im Auftrag seines Herner Klienten an »Stundungsverfahren für Mineralölsteuer« mitgewirkt.

Krammigs Erfahrungen im Umgang mit Parlamentariern und Ministerialen kamen dem Provinz-Millionär auch bei einem Bittgang nach Bonn sehr zustatten. Wortreich schwatzten der Strauß-Fan aus Bremen und der Fußball-Förderer aus dem Kohlenpott um die Jahreswende 1977/1978 im Bundeswirtschaftsministerium den Beamten eine Staats-Bürgschaft ab.

Mit einem von Bonn verbürgten Kredit der Frankfurter Bank für Gemeinwirtschaft über 18 Millionen Mark finanzierte der Herner Sprithändler die von der Bundesregierung vorgeschriebene Pflichtbevorratung. Danach mußte Goldbach, wie auch alle anderen Mineralölkonzerne, für den nationalen Notfall seinem Umsatz entsprechend rund 30 000 Tonnen Treibstoffe auf Vorrat lagern.

Doch selbst die mit Bonner Hilfe bezahlte Öl-Reserve machte Goldbach zu Geld. Als um Pfingsten dieses Jahres Beamte die Reservetanks prüften, zeigte der Benzinpegel nur noch 8000 Tonnen an. Über den Schaden von Goldbachs Spritklau streiten sich nun BfG-Bankiers mit den Bonner Beamten.

Die geprellten Beamten vor Ort mühten sich derweil, ihre eigenen Bücher etwas in Ordnung zu bringen. Dem Goldin-Geschäftsführer Lehmann schickte das Hauptzollamt Bochum am 31. Juli einen »Steuerhaftungsbescheid« über 80 994 221,40 Mark ins Haus.

Lehmann hatte zuletzt ein Jahresgehalt von rund 60 000 Mark brutto.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 36 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.