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PFINGSTEN Staatlicher Hammelbraten

aus DER SPIEGEL 21/1950

Ostdeutschland wappnet seine FD-Jugend gegen die Verlockungen der Westberliner Schaufensterfront. Ganz außerplanmäßig verkündete der HO-Geschäftsführer Paul Baender zu Pfingsten die fünfte Preissenkung in seinen staatlichen freien Läden.

»Diese Preisherabsetzungen wurden einzig und allein ermöglicht durch die großzügigen Handelsabkommen zwischen der UdSSR, den Volksdemokratien und unserer Deutschen Demokratischen Republik«, bog Baender dazu offiziell das Knie gen Osten.

Diesmal sind es nur die Lebensmittel, die von ihrer östlichen Höhe über den Kurs gerechnet noch unter die westliche Preisebene rutschten. Und es sind deshalb die Lebensmittel, weil es für die Masse der FDJler an den beiden Pfingsttagen kaum warme Demonstrantenmahlzeiten geben wird.

Auf Gulaschkanonen soll im Interesse des friedlichen Hintergrundes möglichst verzichtet werden. Nur Brot, Aufstrich und Keks stehen auf dem pfingstlichen Verpflegungszettel der halben Million hungriger Mägen.

Der staatliche Hammelbraten mit Kartoffeln und Gemüse kostet den FDJler als Pfingstessen 4,80 DM Ost. Das sind heute 0,70 DM West. In dem preiswerten aber dreiviertelleeren Restaurant Boese im westlichen Schöneberg muß der nicht demonstrierende Westberliner seinen Hammelbraten mit 1,50 DM West bezahlen.

Vor zwei Jahren, als der Schwarzmarkt im Osten durch die freien Läden legalisiert wurde, kostete dieselbe Portion Hammelbraten noch 13,70 DM Ost. Das waren damals 4,50 DM West.

Wie beim Hammelbraten liegen auch die Portionspreise für Schweineschnitzel, Holsteiner Schnitzel und Schweinebraten nach Paul Baenders Pfingstüberraschung 30 bis 50 Prozent unter den Preisen der westlichen Restaurationen.

Trotz der magistratsamtlichen Boykottierung der östlichen HO-Läden wissen die Westberliner mit Pfennigen zu rechnen. Während durch die ängstliche Warenzurückhaltung einiger westdeutscher Lieferanten und die ostdeutsche Autobahnsperre für die Pfingstwoche das Pfund Zwiebeln auf 80 Pfennig und der Blumenkohl von 60 Pfennig auf 1,50 DM West klettern, fällt das Pfund HO-Markenbutter, das bei der letzten Preissenkung vom 27. März 1950 noch den Gegenwert von 3,45 West kostete, auf 2,80 West. 2,92 kostet es in den westlichen Lebensmittelgeschäften.

Eier zwischen 17 und 21 Westpfennig sind in den HO-Läden jetzt schon für 10 Westpfennig zu haben. Auch der Aufstrich ist in den Feinkostgeschäften des Westsektors jetzt teurer als die polnischen Importe hinter der Sektorengrenze.

Ostgekaufte Salami auf Westberliner Brot ist 25 Prozent billiger. Für polnischen Schinken zahlt die Westberliner Hausfrau als »Wirtschaftspartisanin« 32 Pfennig weniger pro Pfund, als wenn sie Schinken derselben Güte um die Ecke kaufen würde. - Zu Pfingsten wurden in den HO-Läden neue eindrucksvolle Preislisten gemalt.

Bananen und Apfelsinen führen Paul Baenders freie Staatsläden allerdings noch nicht.

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