Henrik Müller

Krisenblues Wir können alles – außer Corona...

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
…und da Corona im Moment alles bestimmt, können wir: nichts. Da ist zwar etwas dran, aber es ist natürlich maßlos übertrieben. Die Deutschen müssen raus dem mentalen Krisenmodus. Wir müssen mehr wollen.
Coronatestzentrum in der Dresdner Messe: »Land der begrenzten Unmöglichkeiten«

Coronatestzentrum in der Dresdner Messe: »Land der begrenzten Unmöglichkeiten«

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Robert Michael / dpa

Der deprimierende Sound der Nullerjahre ist zurück. »Wir müssen nur wollen«, hieß einer der Hits des Jahres 2003 von der Band »Wir sind Helden«. Darin findet sich die schöne Zeile: »Das ist das Land der begrenzten Unmöglichkeiten.« Klingt irgendwie aktuell.

Damals griff der SPIEGEL die Stimmung auf und titelte, nun komme »die Stunde der Wahrheit im Land der Lügen«. So ähnlich liest sich auch die Titelstory dieser Woche. Wieder ist von »deutscher Unfähigkeit«  die Rede. Wieder geistert der Begriff »Staatsversagen« durch die Debatten.

Der Zeitgeist trägt autoaggressive Züge. Tenor: Wir können es einfach nicht, und dieses kollektive Versagen zwingt jeden einzelnen von uns, tatenlos herumzusitzen. In den frühen Nullerjahren zwang uns die Massenarbeitslosigkeit zur Passivität – heute sind es die coronabedingten Shutdowns. Die Ursache ist die gleiche: ein lähmender Staat. Die Folge ist eine Stimmung übellauniger Lethargie – wodurch sich die allgemeine Lähmung noch verschlimmert.

Es ist wie immer bei solchen nationalen Erzählungen: Sie sind einerseits maßlos übertrieben – andererseits ist da natürlich was dran.

Raus aus der »Duldungsstarre«

Klar, das Impf-Test-Desaster führt uns vor Augen, dass sich die Bundesrepublik zu träge bewegt. Wenn es stimmt, dass wir in einer Ära der radikalen Unsicherheit leben, dann werden uns weitere unerwartete Verwerfungen herausfordern. Die schwache Performance in der Coronakrise ist, so gesehen, ein Warnschuss: Deutschland braucht einen agileren Staat (dazu mehr im aktuellen »manager magazin« )

Es geht um viel: um die Verschlankung und Beschleunigung von Verwaltungsakten, vor allem aber um ein verändertes Mindset. Es bedürfe jetzt »eines Rucks und eines Aufbruchs, damit die Duldungsstarre nicht zur generellen Haltung mutiert«, sagte mir kürzlich ein Gewerkschaftsfunktionär, der vorwiegend öffentlich Bedienstete vertritt. Er meinte das Sich-Einrichten im Lockdown, das Sich-Bescheiden, Sich-Zurücknehmen, das Weniger-Wollen. Er hat recht: Wir müssen raus dem mentalen Krisenmodus.

In den frühen Nullerjahren haben wir erlebt, wie schwierig das sein kann. Über Jahre hatte der deutsche Blues sich festgesetzt. In einer leistungsfeindlichen Umgebung igelten sich Teile der Bevölkerung ein. Sie waren froh, wenn sie das Erreichte halten konnten. Und verhielten sich entsprechend: zogen sich ins Private zurück, arbeiteten weniger, schränkten sich ein. Deutschland war eines der ganz wenigen Länder, in denen damals das Arbeitsvolumen sank, wie die Europäische Kommission vorrechnete. Parallel dazu ging das Wirtschaftswachstum immer weiter zurück.

»Sind die Deutschen zu faul?«, fragte ich im Herbst 2003 in einem umfangreichen Report. Der Text war immerhin auf der Höhe des damaligen Zeitgeists. Ein Wirtschaftspsychologe kam darin zu Wort, der eine »schizophrene Mischung aus Autoritätsgläubigkeit und Anspruchsdenken« diagnostizierte. Statt selbst anzupacken, würden viele Leute in Passivität und »freizeitorientierter Schonhaltung« verharren.

Muss ich immer alles müssen, was ich kann/Eine Hand in den Sternen/Die andre im Hintern vom Vordermann, um noch mal »Wir sind Helden« zu zitieren.

Doch dann passierte etwas, das dieses Land grundlegend veränderte. Auf die Jahre des deutschen Blues folgten anderthalb Jahrzehnte Aufschwung, eine Art zweites Wirtschaftswunder. Die Arbeitslosigkeit ging stark zurück, Millionen neue Jobs entstanden, die Staatsfinanzen wurden saniert, die Einkommen stiegen spürbar. Die Zufriedenheit der Bürger mit ihrem Leben, ihrem Land und ihrer Regierung war so groß wie kaum irgendwo sonst.

Die negative Eigendynamik des deutschen Blues hatte sich in eine positive Eigendynamik umgekehrt. Was war geschehen? Können wir daraus etwas lernen für die Gegenwart?

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Das Land der Loser

Mitte der Nullerjahre kamen zwei Entwicklungen zusammen: erstens ein phänomenaler globaler Aufschwung, getrieben von Booms in unseren europäischen Nachbarländern, den USA und China, der Deutschlands exportstarke Industrie mitzog; zweitens Gerhard Schröders Agenda 2010, ein Reformprogramm, das half, an vielen Stellen das Mindset zu verändern, gerade bei den Arbeitsämtern, die sich stärker von der Verwaltung auf die Vermittlung von Arbeitslosen verlegten, auch beim Sozialstaat, der nun mehr Eigenleistung verlangte; in der Regulierung wurde einiges zurückgeschnitten, etwa bei der mittelalterlichen Handwerksordnung.

Das Zusammentreffen eines Nachfrageschubs und eines Reformprogramms entfaltete nachhaltige Wirkung, weil sich die nationale Erzählung veränderte. Aus dem Land der Loser wurde ein Standort mit weltweiter Strahlkraft.

Sicher, beides sind Zerrbilder. Und doch prägen sie das Selbst- und das Fremdbild; sie verändern die Wahrnehmung und damit das Handeln. Nationale Narrative mögen in Teilen Fiktionen sein, aber sie haben höchst reale Auswirkungen.

Wie die Geschichte weitergeht

Selten hat sich die Stimmung so rasch gedreht wie derzeit. Noch im vorigen Frühjahr schien ein erschreckend leistungsfähiges Deutschland im Wettbewerb der Systeme zu den Corona-Gewinnern zu gehören. Why the Germans do it better, hieß ein britischer Bestseller, der im vorigen Jahr erschien und uns als Volk präsentierte, das aus seiner schrecklichen Geschichte gelernt hat und nun umsichtig und diszipliniert gleichermaßen alles richtig macht. Well…

Jetzt zeigt sich: Wir können alles, außer Corona. Und da Corona im Moment alles bestimmt, können wir nichts.

Auf jeden Fall könnten wir aus der Erfahrung der Nullerjahre lernen. Hier ist eine Vorhersage: In den kommenden Monaten wird die deutsche Wirtschaft von einem kräftigen Exportboom mitgezogen. China ist bereits im Aufschwungmodus; die USA schieben mit dem größten Konjunkturpaket in Friedenszeiten die Konjunktur an. Deutschlands Industrie wird davon profitieren. (Achten Sie Freitag auf Neuigkeiten vom Ifo-Geschäftsklimaindex.) Mit fortschreitenden Impfungen werden im Jahresverlauf mehr und mehr Wirtschaftsbereiche vom Aufschwung erfasst, prognostiziert das Institut für Weltwirtschaft .

Gute Voraussetzungen für eine umfassende Verwaltungs- und Verfassungsreform, die Konsequenzen aus der Coronakrise zieht und diesem öffentlichen Sektor eine Grundüberholung verpasst, eine »Agenda 2030«, die den komplexen Föderalismus entschlackt und effektiver mit der EU als zunehmend wichtigerer überstaatlicher Ebene verzahnt (achten Sie Donnerstag und Freitag auf den EU-Gipfel). Es geht, wie gesagt, um eine Veränderung des Mindsets – in den Verwaltungen, aber auch bei uns Verwalteten. Die nächste Bundesregierung wird einiges zu tun haben.

Ein bisschen Dynamism

Im Zentrum staatlichen Handelns sollte das Ermöglichen stehen, nicht das Erlauben. Ein bisschen mehr Dynamism, wie sie der Ökonomie-Nobelpreisträger Edmund Phelps in seinem gleichnamigen Buch  empfiehlt, würde uns gut zu Gesicht stehen. Dabei geht es nicht um die besinnungslose Jagd nach Gewinn, sondern um Schaffensfreude und die Lust an einem selbstbestimmten Leben. Gesellschaften, die kreative Entfaltung ermöglichen und wertschätzen, blühen auf, zeigen Phelps und seine Co-Autoren in diversen empirischen Untersuchungen. Es geht weniger um Regeln, Gesetze und Verordnungen, sondern um Werte und Normen – um das Mindset, um die gesellschaftliche Erzählung.

Wer daran zweifelt, sollte einmal pro Monat das SPIEGEL-Interview mit den Biontech-Gründern Özlem Türeci und Uğur Şahin  lesen. Auch das ist Deutschland. Wir müssen nur wollen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Berlin – Buben, Damen, kein König, kein Ass – Der Tragödie nächster Akt: Merkel und die Ministerpräsidenten und -innen beraten mal wieder über Corona.