Stadtentwicklung Berlin kämpft um den Anschluss

"Arm aber sexy" - mit diesem Spruch versuchte Berlins Bürgermeister Wowereit einst Kritiker der Stadtpolitik mundtot zu machen. Doch eine Studie zeigt: Die Hauptstadt hat viel aufzuholen - auch noch 20 Jahre nach der Wende.

Von Barbara Scherle


Berlin - Blühende Landschaften auf dem Schlossplatz in Berlin. 20 Jahre nach dem Mauerfall rollt eine Berliner Baufirma Ballen für Ballen mitten im Stadtteil Mitte aus. Die ehemalige Baustelle des Palasts der Republik ist seit April zum Begrünen freigegeben. Doch die erste Saat wollte nicht sprießen, dem Zeitdruck geschuldet hat sich der Senat kurzerhand für Rollrasen entschieden. Kostenpunkt: 160.000 Euro.

Schloss-Neubau (Computersimulation): Teure Prestigeprojekte
dpa

Schloss-Neubau (Computersimulation): Teure Prestigeprojekte

Ein teurer Spaß allemal - doch im Verhältnis zu den Gesamtschulden Berlins fällt die Summe kaum ins Gewicht. Während sich die Berliner ab dem 10. Juli auf der Schlossplatzwiese sonnen, wächst der Schuldenberg der Hauptstadt jede Sekunde um 51 Euro. Das hat der Bund der Steuerzahler ermittelt. Rein rechnerisch steht demnach jeder Einwohner der Stadt mit 17.424 Euro im Soll.

Ökonomisch betrachtet befindet sich die Stadt an der Spree seit Jahrzehnten auf der Schattenseite. Der Abstand zu den anderen Metropolen ist riesig. Die Wirtschaftsleistung von München, Köln, Frankfurt oder Hamburg liegt mindestens 30 Prozent höher, hat jetzt das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnet. "Die Metropole profitiert zu wenig von ihrer Hauptstadtfunktion und ist in dieser Hinsicht in Europa zweifellos einmalig", sagt Kurt Geppert, der die Lage Berlins in einer Studie des DIW im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung untersucht hat.

Ein Drittel mehr Arbeitslose als im Bundesdurchschnitt

Beteiligt sind an der Misere viele: "Niemand hat in den euphorischen Jahren nach dem Mauerfall die riesigen Transformationsprobleme der Stadt erkannt, und deshalb haben wir Analysten Fehlprognosen abgegeben", gibt Geppert selbstkritisch zu. Während westdeutsche Städte in den neunziger Jahren enorme Wachstumsraten verzeichnen konnten, wie zum Beispiel Hamburg mit einem plus von 20 Prozent, ist Berlin um vier Prozent geschrumpft.

Aber auch die Regenten der Stadt haben ihren Anteil: Ein großes Problem war zum Beispiel die Anpassung des öffentlichen Sektors, die viel zu spät angegangen worden sei, heißt es in der Studie. Die Umstellung sei erst vor wenigen Jahren abgeschlossen worden, und eine Trendwende ist erst jetzt erkennbar.

"Es gibt eine Aufwärtsbewegung, doch der Nachholbedarf ist riesig. Das ist der Wermutstropfen, wenn Berlin mit anderen europäischen Metropolen verglichen wird", sagt Geppert.

Dass es langsam aufwärts geht, belegen die jüngsten Zahlen: Die Arbeitslosenquote in allen Stadtteilen lag im Mai 2009 zwar immer noch bei 14,2 Prozent und damit rund ein Drittel über dem Bundesdurchschnitt. Doch die Zahl der Erwerbstätigen ist seit 2005 in Berlin konstant gestiegen. Gleichzeitig bemängeln die Wissenschaftler allerdings, dass die Produktivität der Beschäftigten im Durchschnitt geringer ist als in anderen Großstädten.

"Einzelne Betriebe sind wettbewerbsfähig"

"Berlin wird kein Standort für große Industrieansiedlungen werden," analysiert Geppert in seinem Bericht. Seit den fünfziger Jahren sind fast alle Unternehmenszentralen weggezogen. Aus dem Vergleich der wirtschaftlichen Situation Berlins mit der anderer großer Städte in Deutschland und Europa errechnet das DIW, dass die Stadt rund 370.000 Arbeitsplätze weniger hat, als bei ihrem Bevölkerungspotential "normal" wäre - in der Industrie fehlen 90.000, und im Bereich der Dienstleistungen sogar 280.000 Arbeitsplätze. Die Studie kommt zu dem Schluss: "Die Stadt braucht also beides: mehr Industriejobs ebenso wie Dienstleistungsjobs."

"Die Berliner Industrie ist mittlerweile sehr kleinteilig strukturiert, die einzelnen Betriebe sind in ihren Segmenten allerdings sehr wettbewerbsfähig", sagt Geppert. Starke Wirtschaftszweige sind neben dem Tourismus die Forschungseinrichtungen, Kultur, Medien und IT-Betriebe. Das seien die Träger der ökonomischen Dynamik für die nächsten Jahre. Offenbar erfüllt Berlin in diesen Bereichen die richtigen Standortanforderungen und ist für Unternehmen attraktiv. Diese Branchen knüpften an vier Eigenschaften Berlins direkt an: das wissenschaftliche Potential, die Hauptstadtfunktion, die Urbanität und die Kultur.

Als positiv bezeichnen die Studienautoren die hohe Zahl an Existenzgründungen. Es kam in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Gründungsboom in Berlin. Der Selbstständigen-Anteil liegt mit 15 Prozent knapp drei Prozent höher als im Bundesdurchschnitt. Für die Kreativwirtschaft, also Kultur, Medien, Architektur und informationstechnologische Dienste, ist die Stellung Berlins gesondert untersucht worden. Mit zehn Prozent der Erwerbstätigen hat dieser Bereich einen deutlich höheren Anteil als in anderen deutschen Großstädten und Ballungsgebieten. Auch das Wachstum war hier in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich und wird dem Bericht zufolge eine wesentliche Säule in der Dynamik des Standorts bleiben.

Wowereit setzt sich für Prestigebauten ein

Allerdings kann sich Berlin nicht auf den sogenannten weichen Faktoren ausruhen. Im Vergleich zu Hamburg, Köln und München wurden in der Hauptstadt die bereits ansässigen Unternehmen zu wenig gepflegt. Die Studie fordert eine verbesserte Infrastruktur, ein wirtschaftsfreundliches Klima und die Beteiligung der Firmen bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen.

Der Berliner Senat setzt dagegen auf die Wirkung der Stadt als Kulturmetropole. Erst vergangene Woche passierten zwei Großprojekte die Abstimmung - der Bau einer Landesbibliothek auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof sowie eine Kunsthalle am Humboldthafen für 30 Millionen Euro. "Das sind Entscheidungen für die Zukunft", freut sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der sich trotz vehementer Kritik für die Prestigebauten eingesetzt hat. Das Nachsehen hat die Charité: das neue Bettenhaus wird wohl nicht gebaut.

Für das aufsehenerregendste Projekt fahren die Bagger aber im kommenden Jahr auf dem Schlossplatz auf: Für mehr als 500 Millionen Euro soll dann das Berliner Schloss wiedererstehen und ab 2013 als Humboldtforum Berlins Mitte beleben. So sollen noch mehr Touristen und Kulturschaffende in die Stadt gelockt werden.



insgesamt 337 Beiträge
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Seite 1
micheldeutsch 26.06.2009
1.
Zitat von sysopAuch 20 Jahre nach der Wende kommt die Wirtschaft in Berlin nicht auf die Beine. Was macht die Hauptstadt falsch? Warum kann sie ökonomisch nicht gleichziehen mit Metropolen wie Hamburg oder München?
Sie hat einen Spaßmacher als Regierungschef. Der macht alles, nur keine Politik.
Knippi2006 26.06.2009
2.
Zitat von micheldeutschSie hat einen Spaßmacher als Regierungschef. Der macht alles, nur keine Politik.
Die Westberliner Industrie wurde im Zuge der Wiedervereinigung geopfert zum Wohle des umliegenden Subventions-Speckgürtels. Das war einer der kapitalen Fehler nach der Wende.
micheldeutsch 26.06.2009
3.
Zitat von Knippi2006Die Westberliner Industrie wurde im Zuge der Wiedervereinigung geopfert zum Wohle des umliegenden Subventions-Speckgürtels. Das war einer der kapitalen Fehler nach der Wende.
Wenn Sie schon in die Vergangenheit gehen wollen, so vergessen Sie nicht, dass die Berliner Wirtschaft durch den besonderen Status der Stadt und durch die westdeutschen Steuergelder am Leben gehalten worden ist. Die Beschäftigten bekamen die wunderschöne Berlinzulage. Die Berlinpräferenz, die die westdeutschen Kunden, die Berliner Ware kauften. Und und und. Diese Vorzüge waren sicher politisch gerechtfertigt. Auch ich habe in der Zeit als ich in Berlin beschäftigt war, davon profitiert. War eine tolle Erkenntnis als sogenannter "Westdeutscher". Aber das ganze ist jetzt fast 20 Jahre vorbei und wie lange regiert dieser Spaßbürgermeister? Sehen Sie sich Ihn doch morgen mal beim CSD Umzug an. Und Ihre Bemerkung über den Speckgürtel zeugt doch wohl von Unkenntnis. Wenn Betriebe ins Umland gezogen sind, so sicher aus dem gleichen Grund, warum Herr Müller von eben dieser Molkerei, von Niedersachsen gen Osten gezogen ist. Der Wettbewerb findet eben auch zwischen den Bundesländern statt. Auf Kosten der Steuerzahler natürlich.
lupenrein 26.06.2009
4.
Schon vor vierzig Jahren schrieb der Spiegel über die marode Wirtschaft Berlins, vor allem aber über die unglaubliche Korruption, Vetternwirtschaft und Parteifilz, wie er in keiner anderen Stadt Deutschlands anzutreffen war. Und daran hat sich bis heute kein Jota geändert.
albertusseba 26.06.2009
5. Berlin ändert sich nie
Berlin - die Hauptstadt der Republik, ebenso wie das Schaufenster des Freien Westens - hat immer nur durch Subventionen und durch politische Protektion überlebt. Die Stadt hat nie eigene Überlebenskräfte entwickeln müssen. Das unterscheidet sie von Hamburg, München, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf; sogar von Bremen. Die verlotterte Berliner Melange aus Parteien, Gewerkschaften, Banken, Wirtschaftsverbänden, Abgeordneten und Senat wird wirklich würdig durch den derzeitigen Bürgermeister repräsentiert, der ja nicht umsonst der mit Abstand beliebteste Berliner Politiker ist. Da passt schon alles zusammen. Ich habe nach der Wende lange in der Stadt gelebt und gearbeitet und bin froh, dass ich weit einigen Jahren dort weg bin.
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