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PROZESSE Ständig bedroht

Der bislang größte Schwindel bei einer westdeutschen Bank wird vor dem Frankfurter Landgericht verhandelt. Er gelang, weil es beim Jonglieren mit Millionen kaum Kontrolle gab.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Stetig ging es auf geradem Weg nach oben: Erst mit der Bahn, dann schon mal mit dem Wagen abgeholt, rollte Buchhalter Wilhelm Edler, 51, über 20 Jahre lang täglich von Bad Nauheim nach Frankfurt, brachte es bei der Commerzbank vom Sachbearbeiter für 375 Mark im Monat zum Prokuristen mit 3000 Mark Gehalt -- nie hatte er sich etwas zuschulden kommen lassen.

Ständig ging es auf krummen Pfaden hin und her: Allein 98mal saß Kaufmann Ladislaus Tax, 48, im Jet zwischen Europa und Amerika; der gebürtige Ungar stanzte mal Trauringe in Brasilien oder expedierte eine Schiffsladung Betoneisen über den Ozean -- immer waren Steuerprüfer, Zollfahnder oder die Kripo hinterher.

Der biedere Buchhalter und der ausgebuffte Handeisreisende fanden sich -das wirft ihnen jetzt die Staatsanwaltschaft vor -- zum größten Coup, der jemals bei einer bundesdeutschen Bank aufgedeckt wurde. 41 Millionen Mark hat Edler laut Anklage in 27 Raten binnen zweieinhalb Jahren als Leiter der Buchhaltung im Hauptgeschäft der Commerzbank in Frankfurt veruntreut.

Allein 36 Millionen Mark wurden in die Schweiz transferiert. Und davon zog Tax, den Ermittlungen zufolge, 15 Millionen von einem Konto der Discount Bank (Overseas) in Zürich ab -- ein Betrag, nach dem die geprellten Banker noch immer forschen. Wie ein Statist nimmt sich in dem Millionenspiel der Frankfurter Spengler Philipp Schwinn, 41, aus, der von dem Batzen auch eine Million abbekommen haben soll.

Daß an dem Ding womöglich auch andere noch beteiligt waren, deutete Edler bereits an. »Ich will Ihnen meinen Fall vortragen«, versprach der Buchhalter, »und Sie werden sehen, daß sich das ganz anders darstellt.« Er wies auch schon die Richtung.

Kurz vor seiner Festnahme habe ihm der Justitiar der Commerzbank geraten, er solle sich doch das Leben nehmen, dann hätten beide »die wenigsten Schwierigkeiten«. Und Tax fühlt sich im Gefängnis »ständig bedroht«, weil mit seinem Tod »die Affäre Commerzbank viel einfacher zu Ende gebracht wäre.

Peinliches wird allemal im Prozeß an der Bank hängenbleiben, wenn Edler aussagt und Vorgesetzte oder Untergebene als Zeugen über Praktiken beim Jonglieren mit den Millionen gehört werden. Die bankinternen 14 Revisoren, die zuletzt Ende Juli 1974 das Hauptgeschäft in der Neuen Mainzer Straße nach Unregelmäßigkeiten durchforsteten, kapitulierten im nachhinein vor den Machenschaften des Prokuristen. Sie konnten damals, so ein Prüfer, »die von Edler durchgeführten Veruntreuungen und deren Verschleierung« nicht ausmachen.

Dabei hatte Edler, wie die Ermittlungen ergaben, lange und vielseitig genug und manchmal auch mit hohem Risiko die Riesenbeträge abgezogen -- kaum faßbar, daß nichts auffiel. Barauszahlungen an fingierte Kunden, die auf den Quittungen ganz simpel Müller, Berger oder Weber hießen, holte er sich entgegen den Bankgepflogenheiten eigenhändig oder durch einen Angestellten bei der Hauptkasse. Die großen Batzen allerdings verschwanden stets bargeldlos, per Scheck oder durch Überweisungen auf Konten anderer Banken.

Wenn Edler dafür eine Zweitunterschrift benötigte, zeichnete der Kollege oft blind ab -- ohne den Auftrag zu prüfen. Das geschah zum Beispiel bei fünf Schecks über insgesamt fünf Millionen Mark, die auf ein Konto bei der Landeszentralbank ausgestellt waren. Da hat sich ein Handlungsbevollmächtigter, wie er später angab, »stets ganz auf Herrn Edler verlassen, der mein Vorgesetzter war und bei dem ich keinesfalls eine unkorrekte Handlungsweise annehmen konnte«. Edler wies soviel Respekt zurück: »Wir waren doch per Du, er nannte mich gar Dicker oder Langer.«

Manchmal, etwa hei Buchungen, fehlte die Kontrollunterschrift auch gänzlich. »Das mußte«, erläuterte Edler den unkorrekten Bank-Brauch, »manchmal aus Zeitdruck geschehen.« Überhaupt hätten »erst Scheckanforderungen in Höhe von 15 Millionen aufhorchen lassen«.

Stutzig wurden die Prüfer auch nicht bei den Manipulationen, durch die der Buchhalter Deckung für die offenen Posten beschaffte. Das funktionierte, wie die Fahnder aufspürten, so: Edler belastete zunächst andere Filialen der Commerzbank mit dem entsprechenden Betrag, später auch andere Institute, selbst im Ausland. Auf Reklamationen reagierte er mit einer knappen Entschuldigung wie »Irrtum«, »Fehlbuchung« und einer Gutschrift -- in deren Höhe er dann einer anderen Bank die Belastung aufbrummte. Mit Vorliebe verfuhr er so, wie die Prüfer herausfanden, bei einem französischen Geldinstitut, das durch einen Streik in Buchungsrückstand geraten war.

Ganz trefflich klappte auch das Zusammenspiel mit Ladislaus Tax, der in Frankfurt die Firma »Tax Service KG« führte, durch Philipp Schwinn -- den dritten Angeklagten -- mit dem Prokuristen im Parkhotel bekannt gemacht wurde und dessen Rolle es war, die von dem Bankmann verschobenen Gelder abzuheben. In 17 Fällen, das ergaben die Nachprüfungen, überwies ihm Edler Beträge zwischen 300 000 und 2,7 Millionen Mark auf das Nummernkonto Z 8098 der Discount Bank in Zürich, stets unter dem Kode »Mayola Pent / Bernd Messing«.

Diskret und direkt, ganz nach Schweizer Art, wurde der wegen Betrügereien in Italien gesuchte Tax in Zürich bedient. Einmal hob der gebürtige Ungar eine sechsstellige Summe in Dollar ab, dann wieder gab er eine Überweisung von 2,9 Millionen Franken auf das Konto einer anderen Schweizer Bank in Auftrag oder ließ sich einen Koffer mit 542 Millionen Lire ins Hotel »Rosa« nach Mailand bringen. 12 Millionen flossen auch zurück zur Commerzbank nach Frankfurt, so auf das fiktive Konto »Pieter de Monk« -- um Löcher zu stopfen, wie die Ermittler annehmen.

Die Staatsanwaltschaft ist sicher, daß auch Edler schon von dem beiseite geschafften Geld einiges verbraucht hat. Denn zur Zeit, als bei der Bank die Millionen unbemerkt verschwanden, legte der Buchhalter plötzlich seine »Wetterauer Sparsamkeit« (so ein Bekannter) ab und gab sich als vermögender und spendabler Herr aus. Er habe eine Erbschaft gemacht -- so erklärte er aufwendige Reisen, den Nerzmantel im Wert von 15 000 Mark, den er seiner Frau schenkte, und die Dixieland-Kapelle, die er zu seinem 50. Geburtstag im Hotel »Zum Hochwald« in Bad Nauheim aufspielen ließ.

Erst als Edler 1974 kündigte und auf Urlaub ging, stieß die Leitung der Commerzbank auf die Millionenschiebungen. Die Filiale München reklamierte eine Belastung über 1,6 Millionen, Edlers Vertreter gab die Sache zur Prüfung weiter. Als sich den Revisoren der Verdacht aufdrängte, hier sei bewußt unkorrekt verfahren worden, und sie Edler zur Stellungnahme aufforderten, merkten sie schließlich was -- »recht überraschend«.

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