Zur Ausgabe
Artikel 43 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WETTBEWERB Ständig unterboten

Zwei Riesen, IBM Deutschland und Bertelsmann, wollten nett zusammenarbeiten. Das Kartellamt ist dagegen. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Hans-Olaf Henkel, Chef von IBM Deutschland, hatte seine Rechtsberater und den Partner zu äußerster Diskretion vergattert. Der Stuttgarter Statthalter der US-Computer-Weltmacht wollte seinen ersten Fusionsfall in der Bundesrepublik beim Kartellamt testen lassen, ohne öffentlichen Presserummel. Bei einer Untersagung sollte keiner davon erfahren.

Der Computer-Manager brach mit einer jahrzehntelang durchgehaltenen Firmenregel. Seit ihrer Gründung im Jahre 1910 hat die deutsche Dependance der IBM jeden Kontakt oder Konflikt mit der Wettbewerbsbehörde in Berlin gemieden. IBM Deutschland wollte sich nicht wie die US-Mutter den Ruf durch endlose Kartellscharmützel beschädigen.

Jetzt jedoch schien Henkel eine Ausnahme angebracht, die Offerte des Medienriesen war zu verlockend. Bertelsmann wollte zusammen mit der IBM in einen Markt vorstoßen, der ein lukratives Massengeschäft verspricht. Die beiden Giganten sollten, so das Angebot, ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, das Computer-Programme auf der Basis der neuen Speichertechnologie CD-ROM erstellt und vertreibt.

Die von Philips und Sony entwickelte Technik arbeitet nach dem Prinzip einer handelsüblichen Compact Disk. Wie bei einer mit Musik bespielten CD wird eine CD-ROM-Platte mit Daten bestückt, die dann über einen Laser berührungslos abgerufen werden können.

Die kleine Platte kann gewaltige Datenmengen aufnehmen. Sie speichert bis zu 270 000 DIN-A 4-Schreibmaschinen-Seiten, ist preiswerter als Disketten oder Magnetspeicher und verschleißt kaum.

Zunächst wollten sich Bertelsmann und IBM auf die Vermarktung von Nachschlagewerken spezialisieren. Die Brockhaus-Bände, der Duden, Hoppenstedts »Großunternehmen«, Versandkataloge, Wartungsanleitungen oder das Angebot der Tourismus-Börse könnten auf die Platte gebannt werden. Datenbanken, Firmen und Institute mit hohem Informationsanfall kämen als Kunden in Betracht.

Amerikaner, Briten und Franzosen sind bei der CD-ROM-Anwendung am weitesten. Einige Autofirmen speichern bereits ihre Ersatzteil-Listen auf der Disk. Das Europäische Parlament plant, so seine Daten zu bunkern.

Auch das deutsche Patentamt in München zeigt Interesse. Der Kölner Unternehmensberater Jürgen Schulte-Hillen entwarf für die Behörde eine Platte, die nicht nur Texte aufnimmt, sondern die Speicherung von 20 000 Bildern und Graphiken ermöglicht.

Elektronik-Experte Schulte-Hillen wäre ein Konkurrent der noch namenlosen IBM-Bertelsmann-Firma. Der Kölner ist der ältere Bruder von Gerd Schulte-Hillen, dem Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr, eine in diesem Fall pikante Verwandtschaftsbeziehung.

Schulte-Hillen spickte das Kartellamt mit Informationen über den deutschen CD-ROM-Markt. Der in Hamburg ansässige BCB Bertelsmann Computer-Beratungsdienst, so der Unternehmensberater, habe die kleineren Entwickler und Anbieter bei den Preisen ständig unterboten. Offensichtlich habe die Tochterfirma der schwerreichen Verlagsgruppe vorgehabt, die »wendigen Kleinen« (Schulte-Hillen) zu verdrängen. Bislang sei das nicht gelungen.

Die zuständige Beschlußabteilung des Kartellamts könnte wohl nichts dagegen einwenden, wenn Bertelsmann das neue Feld allein bestellen würde. Doch nun, da der weltgrößte Medienkonzern im Schulterschluß mit dem weltgrößten Computer-Konzern abräumen will, sehen sich die Kartellbeamten gefordert.

Das knappe Dutzend Konkurrenten und das Kartellamt sind davon überzeugt, daß die Tochterfirma der beiden Großen vom Start weg eine marktbeherrschende Stellung erobern würde. Kein Neuling mehr, glaubt das Amt, werde sich auf einen Markt wagen, auf dem sich ein solches Schwergewicht breitgemacht habe. Die Kartellbeamten sehen darin ein wettbewerbswidriges Verhalten. Vorletzte Woche teilten sie den Firmengründern mit, sie würden die geplante Firma nicht genehmigen.

Das Schreiben war kein offizieller Untersagungsbescheid. Die Kartellbeamten gaben IBM-Chef Henkel kurz vor Ablauf der Prüfungsfrist die Chance, seinen Fusionsantrag zurückzuziehen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.