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ARBEITSMARKT Staffage für das große Geld

Eine Unternehmensberatung aus Köln versprach Hunderten Arbeitslosen einen Job. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.
aus DER SPIEGEL 24/2004

Alles ist auf edel getrimmt. Allein die teure Lage mitten in der Kölner Innenstadt suggeriert Seriosität. Ein großzügiges Loft über zwei Ebenen hoch über dem Neumarkt lässt Erfolg vermuten - der Dachgarten gediegen bepflanzt, der schwere Empfangstresen mit erlesenen Harzen lackiert. Darüber ein ausladendes goldenes Wappen, der Schriftzug Oppenhaus Holding GmbH ziert die Wand. Interieur und Firmenname lassen nur einen Schluss zu: Hier arbeitet eine angesehene Finanz- und Wirtschaftskanzlei.

Das dachte auch Ingrid Buss, als sie sich Ende des vergangenen Jahres auf eine Ausschreibung des örtlichen Arbeitsamtes als »Direktionsassistentin« bei Oppenhaus bewarb. Die Einstellung war reine Formsache, der Vertrag fix unterschrieben.

Und Alexander Ehrhardt wunderte sich, wie schnell und unkompliziert er nach langer Arbeitslosigkeit einen neuen Job als »IT-Manager« bekommen sollte. Welchen Firmenwagen er wünsche, wurde Ehrhardt gefragt, und wie viele Tage Urlaub er benötige. Auch das versprochene Gehalt war mehr als generös. Auf seine künftigen Arbeitsinhalte kam man nur nebenbei zu sprechen, das würde er schon früh genug erfahren, wurde er beschieden.

Während allerorten gespart, gekürzt, gekündigt wird, wollte Oppenhaus mehr als 1500 Stellen besetzen - innerhalb eines halben Jahres und an sechs Standorten. Juristen, Kaufleute, Buchhalter, Computerexperten, Unternehmens- und Versicherungsberater und auffällig viele Personalmanager wurden bundesweit über die Arbeitsagenturen gesucht.

Auf die genauen Stellenbeschreibungen warten Buss und Ehrhardt jedoch noch heute - und auf ihren Lohn ebenfalls. Wie die Bürokraft und der Diplominformatiker haben mehrere hundert frisch Angestellte der Firma Oppenhaus noch kein Salär bekommen. Die genaue Zahl der Geprellten kennt selbst die Staatsanwaltschaft nicht, die unter dem Aktenzeichen 110JS718/03 gegen Oppenhaus ermittelt.

Fest steht nur, dass die Arbeitsagenturen rund 2000 Bewerber an Oppenhaus vermittelten, obwohl nach Ansicht der Ermittler schon sehr früh feststand, dass es sich um ein Unternehmen handelt, welches in »betrügerischer Absicht zum Nachteil der Arbeitnehmer versucht, Geschäfte zu machen«, so Günther Feld von der Kölner Staatsanwaltschaft. Lehnte ein Arbeitsloser die Offerte ab, drohte ihm schlimmstenfalls die Streichung seiner Leistungen.

Betrug an Erwerbslosen in einem solchen Ausmaß sei den Staatsanwälten des Kölner Wirtschaftsdezernats bisher noch nicht untergekommen, sagt Feld. Noch nie habe ein Unternehmen seinen Personalbestand in kürzester Zeit derart aufgebläht wie Oppenhaus. Und offenbar alles nur zum Schein.

Gegenüber Stiftungen und schwerreichen Investoren - vornehmlich aus der Schweiz und Deutschland - treten die Macher von Oppenhaus auf, als könnten sie das Kapital der Vermögenden wundersam vermehren. Auf der anderen Seite tut Oppenhaus gegenüber aufsteigenden Unternehmen so, als könnten sie ihnen Risikokapital zum weiteren Aufstieg vermitteln. Um vor beiden Klienten glaubhaft zu erscheinen, präsentieren sie ihnen ein umfassendes Organigramm einer gut florierenden Firma, inklusive Niederlassungen samt zahlreicher Mitarbeiter.

Die Palette der vermeintlichen Angebote reicht von der klassischen Unternehmensberatung über die Unternehmensvermittlung (Übernahmen und Fusionen), Finanzierung, Wirtschaftsprüfung, Existenzgründung, Fremdkapitalberatung bis hin zu PR-Konzepten. Für all diese Leistungen sollten den Stiftungen und potenziellen Investoren sowie den beratenen Firmen hohe Honorare in Rechnung gestellt werden.

Um im Zweifel eine Gegenleistung anbieten zu können, brauchte man wohl die ahnungslosen - allesamt hoch qualifizierten - Arbeitslosen, die man gegebenenfalls vorschicken konnte, um eine fingierte Beratung anbieten zu können, schildert ein ehemaliges Vorstandsmitglied. So lange verharrten diese in den Büros in Köln, Hamburg oder Hannover, teilweise untergebracht auf provisorischen Bierbänken. Die Computer waren aus umliegenden Internet-Cafés geliehen.

Die vermeintlichen Kunden und Tätigkeitsbereiche klangen illuster: Angeblich wollte das Unternehmen die Ergo-Versicherungsgruppe kaufen; der KölnTurm im Mediapark, eines der größten Bürogebäude der Domstadt, sollte künftiger Firmensitz sein; eine Fabrik für Nachtsichtgläser in Tunesien sollte beraten und möglicherweise übernommen werden; man suche Kapitalgeber für »innovative Projekte« wie die Verlegung von Glasfaserkabeln in Sibirien oder den Bau von Ultraleicht-Wasserflugzeugen.

Der Chef des Unternehmens, ein Schweizer namens Kurt A. Knüsli, ist abgetaucht, der Personalchef nicht zu sprechen. Das für die Stiftungskontakte zuständige Vorstandsmitglied sitzt nach einer Hausdurchsuchung am 9. März dieses Jahres in Untersuchungshaft.

Doch Vorstandsmitglied Heinz-Dieter Abmeyer-Zels redet unverdrossen von einem »ganzheitlichen Businessplan«, bei dem »der Mitarbeiter im Mittelpunkt« stehe. »Unsere Ideen funktionieren nur mit einer gewissen Schwungmasse«, so Abmeyer-Zels. »Einen Garten mit 1000 Hektar kann man auch nicht nur mit einem Gärtner beackern«, begründet der Vorstand den opulenten Mitarbeiterstab. Das Gehalt werde demnächst gezahlt, man befinde sich noch »in der Anlaufphase«.

Für die Staatsanwaltschaft Köln sind solche Sprüche reine Hochstapelei. Zumal Oppenhaus - die am 15. Januar von einer GmbH zu einer AG umfirmierte - weder als AG in das Handelsregister eingetragen ist noch über eine Steuernummer verfügt. Auch einen Aufsichtsratsbeschluss über die Gründung der AG oder eine Information über die Höhe des Stammkapitals forderten einige Angestellte, vor allem aus dem Vorstandsbereich, vergebens.

Möglicherweise sei es Oppenhaus auch nur darum gegangen, neben Stiftungskapital auch staatliche Fördergelder zu kassieren. Immerhin stellte das Unternehmen fast nur Langzeitarbeitslose ein, für die die Arbeitsagenturen teilweise stattliche Eingliederungshilfen gewähren. »Selbst wenn es pro Mitarbeiter nur einmalig 1000 Euro gäbe, wären das bei 1500 geplanten Mitarbeitern immerhin 1,5 Millionen Euro«, sagt Rechtsanwalt Tim Schaetze, der sieben Oppenhaus-Opfer vertritt.

Leidtragende dieses Spuks sind die arbeitslosen Angestellten. Diverse Mitarbeiter ließen andere lukrative Jobangebote sausen, kündigten sogar bestehende Arbeitsverhältnisse, um bei Oppenhaus anzufangen, oder verlegten ihren Wohnsitz, um dem Ruf nach Köln zu folgen. Ihnen wurde nicht nur kein Gehalt gezahlt, auch Sozialabgaben wie Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung gingen nirgends ein. Hunderte Betroffene waren seit Januar nicht versichert, teilweise sollen sie die Beiträge aus eigener Tasche nachzahlen.

Manche Arbeitsagenturen weigern sich sogar, den Status der Arbeitslosigkeit wieder anzuerkennen und entsprechend Arbeitslosengeld zu zahlen. Begründung der Agenturen: »Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Eine Verurteilung Handelnder liegt nicht vor, das Unternehmen existiert.« JANKO TIETZ

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