Stahlgigant Mittal Indiens Metall-Mogul wagt den großen Coup

Mit dem feindlichen Übernahmeangebot für den Konkurrenten Arcelor erschüttert der Stahlmagnat Lakshmi Mittal die Branche. Dass der superreiche Inder einen europäischen Konzern mit 94.000 Mitarbeitern kaufen will, dürfte auch politische Sorgen wecken.


Hamburg - Lakshmi Mittal vielseitige Interessen zu unterstellen, ginge zu weit. Smalltalk über Kunst oder Sport gehört nicht zu seinen Talenten. "Er redet nur über Stahl", spottete einmal ein Wettbewerber. Selbst am Wochenende gönnt sich der gebürtige Inder mit Wohnsitz in London fast keine Zerstreuung. "Lakshmis Vorstellung von Spaß ist es, am Samstag eine Stahlhütte zu besuchen", sagte einmal der US-Investor Wilbur Ross.

Stahlfan Mittal: "Sehe Dinge, die andere nicht wahrnehmen"
REUTERS

Stahlfan Mittal: "Sehe Dinge, die andere nicht wahrnehmen"

Da mag man böse von Verbissenheit reden - doch dank dieser Konzentration aufs Geschäftliche hat es Mittal geschafft, nach oben zu kommen. Bis ganz nach oben sogar. Gemessen an der Rohstahlproduktion war Mittal Steel Chart zeigen 2004 mit 66 Millionen Tonnen die Nummer eins. Auf Rang zwei folgte Arcelor mit rund 53 Millionen Tonnen.

Diese Reihenfolge gehört möglicherweise bald der Vergangenheit an. Mittal legte heute ein Übernahmeangebot für Arcelor vor. Sollte der Coup gelingen, besäße der Konzern eine gewaltige Marktmacht. Gemessen an der Produktion würde Mittal mit seinem vom Rotterdam aus geführten Unternehmen soviel Rohstahl herstellen wie die drei nächstengrößeren Konkurrenten Nippon Steel, JFE und Posco zusammen.

Vorher muss sich Mittal allerdings auf eine heftige Übernahmeschlacht gefasst machen: In einem Telefonat mit Mittal soll Arcelor-Chef Guy Dollé deutlich gemacht haben, dass er dem Übernahmeplan bisher negativ gegenübersteht. Eine feindliche Übernahme von Arcelor dürfte auch bei den Regierungen in Paris, Madrid, Luxemburg und anderen Hauptstädten Europas für Gesprächsstoff sorgen. Immerhin beschäftigt der französisch-luxemburgisch-spanische Konzern insgesamt 94.000 Mitarbeiter.

Drittreichster Mensch der Welt

Wer ist der Mann, der das weltweite Stahlgeschäft in seinen Grundfesten erschüttert? Den gebotenen Preis für Arcelor in Höhe von rund 22 Milliarden US-Dollar könnte Mittal - theoretisch - aus seiner Privatschatulle begleichen. Der "Radscha des Stahl", schätzt die Zeitschrift "Forbes", hat inzwischen ein Privatvermögen von 25 Milliarden Dollar angehäuft. Damit ist der 55-Jährige die drittreichste Person auf dem Planeten hinter Microsoft-Gründer Bill Gates und dem US-Investor Warren Buffett.

Dieser Reichtum weckt Neid und hat Mittal zum Ziel für die beißwütigen Boulevardblätter am Wohnsitz London gemacht. Als Tony Blair einmal in Mittals Sinne bei der rumänischen Regierung intervenierte, witterten die Zeitungen Korruption - der Stahl-Mann hatte zuvor 125.000 Pfund an die Labour-Partei gespendet. Und als Mittal zwei Jahre später für angeblich 55 Millionen Dollar tagelang die Hochzeit seiner Tochter Vanisha zelebrierte und eigens Kylie Minogue zum Gesangsauftritt einflog, fand der "Daily Mirror" eine knappe Headline in Fettschrift: "Obszön".

Arcelor-Stahlwerk (in Frankreich): Beben in der Branche
DPA

Arcelor-Stahlwerk (in Frankreich): Beben in der Branche

Zugleich gibt es Kritik an Mittals egozentrischem Führungsstil: Analysten warfen ihm in der Vergangenheit vor, als CEO vor allem im eigenen Sinne zu agieren und die Rechte der anderen Aktionäre nicht zu beachten. Immerhin zwölf Prozent von Mittal Steel sind nicht mehr im Familienbesitz. Selbst seine Anhänger finden es deshalb befremdlich, dass Mittal seine 24-jährige Tochter in den Aufsichtsrat berufen hat - von "unanhängiger" Kontrolle kann da wohl keine Rede sein. Hauptgeschäftsführer und Finanzvorstand des Stahlkonzerns ist Mittals Sohn Aditya. Der Junior wird früh auf seine künftigen Aufgaben vorbereitet.

Das hat Tradition. Schon als Lakshmi Mittal selbst 20 war, beauftragte ihn der Vater, den Börsengang der Familienfirma zu leiten - damals war sie ein fünftrangiger Stahlkocher mit Sitz in Kalkutta. "Ich wusste nicht einmal, was ein IPO ist", erzählte Mittal später in einem Interview. "Ich fing an, mit den Bankern zu reden. Sie lachten mich aus." Der Ratschlag des Vaters lautete da: "Geh zurück und sag ihnen, dass du es ernst meinst."

Aufstieg zum Stahlgiganten

Wirklich ernst wurde es Mitte der neunziger Jahre: Mittal, inzwischen CEO und Chairman der Firma, begann eine globale Einkaufstour, wie die national zersplitterte Stahlwelt sie noch nicht erlebt hatte. In Kasachstan und Trinidad, in Polen und Algerien kaufte er ein Sammelsurium scheinbar verrotteter Werke zusammen. Westliche Konkurrenten erklärten ihn für übergeschnappt: Sie sahen nur Zerfall, Korruption, Ineffizienz. Mittal aber entsandte Notfall-Teams indischer Sanierer in die maroden Werke, kappte Stellen, sparte Kosten, steigerte die Produktion - bis die Altanlagen Gewinne schrieben. Nicht ohne Stolz sagt er: "Ich sehe Dinge, die andere nicht wahrnehmen."

Top-Liga der Stahlkocher: Turbulenzen an der Spitze
DDP

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Seit Dezember 2004, als er für vier Milliarden Dollar den US-Konkurrenten ISG kaufte, ist Mittals Konzern der größte Stahlhersteller der Welt. Seine Werke verteilen sich inzwischen auf 18 Länder der Erde, geben 194.000 Menschen Arbeit. Ende des vergangenen Jahres erklärte die Nummer eins dann auch noch, sich beim chinesischen Konkurrenten Baotou Iron & Steel einkaufen zu wollen.

Mittals Stärke ist das Massengeschäft. Der deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp indes ist besonders gut bei hochwertigen Stahlsorten aufgestellt, die etwa für die Autoproduktion verwendet werden - insofern sind beide keine direkten Konkurrenten.

Die Deutschen treten in der Schlacht um Arcelor denn auch als Verbündete Mittals auf. Der Dax-Konzern ist nicht gut auf Arcelor zu sprechen, nachdem er jüngst im Bieterstreit um den kanadischen Konkurrenten Dofasco von den Luxemburgern ausgebootet wurde. Nun hat ThyssenKrupp mit Mittal vereinbart, Dofasco zu übernehmen, falls der Arcelor-Deal klappt.

Das klingt kompliziert - doch am Ende könnten die Deutschen der lachende Dritte sein. Mit einer Rohstahlproduktion von 17,6 Millionen Tonnen lag ThyssenKrupp 2004 auf Rang zehn der Weltrangliste. Mit den Dofasco-Hütten würde der Konzern auf Platz sechs vorrücken. Verglichen mit Mittals Stahlimperium von über 120 Millionen Tonnen wären die Deutschen allerdings immer noch ein Branchenzwerg.

Matthias Streitz, Jörn Sucher



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