Starbanker Quattrone Pate des Silicon Valley schuldig gesprochen

Frank Quattrone, während des Dotcom-Booms einer der wichtigsten Strippenzieher der Wall Street, muss aller Voraussicht nach ins Gefängnis. In Manhattan wurde der ehemalige Investmentbanker der Justizbehinderung und der Beeinflussung von Zeugen für schuldig befunden.

New York - Noch lange wird Frank Quattrone den Augenblick verfluchen, als er den "Senden"-Knopf drückte. Am 5. Dezember 2000 schrieb der Chef der Technologiegruppe von Credit Suisse First Boston eine Mail an seine Untergebenen weiter. Darin wurden alle Angestellten an die Richtlinie ihres Arbeitgebers erinnert, regelmäßig alte Dokumente und Datensätze zu vernichten. Quattrone riet seinen Leuten, dem "dringend" Folge zu leisten. Acht Stunden zuvor hatte CSFBs damaliger Chefjustiziar David Brodsky dem Starbanker nahe gelegt, sich einen Anwalt zu nehmen, weil die Justizbehörden sowie die US-Börsenaufsicht SEC mehrere von CSFB betreute Börsengänge wegen möglicher Unregelmäßigkeiten untersuchten.

Die Geschworenen einer Bundesjury in Manhattan sahen es als erwiesen an, dass Quattrone versucht habe, Beweismaterial zu vernichten und die Arbeit der Justiz zu behindern. Als erfahrenem Investmentbanker habe Quattrone nach Ansicht der Mehrheit der Geschworenen klar sein müssen, dass er sich mit dem Mail strafbar mache - zumal die Behörden bei CSFB bereits Dokumente angefordert hatten. Der 48-jährige hatte im Rahmen des Verfahrens ausgesagt, dass er gedanklich keine Verbindung zwischen den Untersuchungen der Behörden und dem Mail hergestellt habe. Den Urteilsspruch wird der Vorsitzende Richter Richard Owen zwar erst am 8. September verkünden. Aufgrund des Verdikts der Geschworenen steht allerdings bereits jetzt so gut wie fest, dass Quattrone ein bis zwei Jahre ins Gefängnis muss. Damit ist er seit der Verurteilung des Anleihekönigs Michael Milken in den siebziger Jahren der prominenteste Vertreter der Wall Street, der hinter Gitter wandert

König der Dotcoms

Ein erster Prozess gegen Quattrone war im Herbst 2003 gescheitert, weil sich die Jury nicht einigen konnte. Quattrones Verteidiger kündigten am Montagabend an, in die Berufung gehen zu wollen. "Meiner Ansicht nach haben wir Frank hängen lassen. Er ist unschuldig", sagte Anwalt John Keker am Donnerstagabend gegenüber Associated Press.

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Quattrone war eine der schillernsten Figuren des Dotcom-Booms. CSFB hatte ihn samt hundertköpfigem Team im Jahr 1998 bei der Deutschen Bank abgeworben. Kolportiert wurde seinerzeit eine Transfersumme von einer Milliarde Dollar. In seiner besten Zeit verdiente Quattrone 165 Millionen Dollar jährlich und erwirtschaftete mit seiner in Menlo Park (Kalifornien) ansässigen Abteilung 12 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes von CSFB. Die Investmentbank, die unter anderem Amazon.com und Netscape an den Markt brachte, kassierte nach Berechnungen von "Bloomberg" in den Jahren 1999 und 2000 insgesamt 717,5 Millionen Dollar an Kommissionen aus Börsengängen.

Während des Booms legten die Aktien von Börsendebutanten am ersten Tag häufig um hundert Prozent oder mehr zu. Nach dem Platzen der Blase wurde CSFB und anderen Investmentbanken vorgeworfen, die begehrten Dotcom-Aktien vor allem der eigenen Kundschaft zugeschustert zu haben. Starbanker Quattrone stand im Zentrum der Vorwürfe. Er soll ein ganzes Netzwerk von Kunden und Bekannten, die so genannten "Friends of Frank" bedient haben. Unter den Personen, die bei besonders lukrativen Deals bevorzugt wurden, befanden sich nach Erkenntnissen der Justiz auch Valley-Granden wie Michael Dell.

In einigen Fällen sollen die Banken mit den Käufern der Aktien zudem Gegengeschäfte in einer festgelegten Höhe vereinbart haben. In der Branche ist diese Praxis als spinning bekannt. Während des zweiten Prozesses hat Quattrone ausgesagt, dass er mehrfach Einfluss auf den Zuteilungsprozess genommen habe. Im Rahmen des ersten Verfahrens hatte der Banker dies noch vehement abgestritten.

Die Mail war sein Schicksal

Die Verurteilung Quattrones aufgrund einer lakonischen E-Mail entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn die Ermittlungen gegen den Banker und seinen ehemaligen Arbeitgeber wegen mutmaßlichen spinnings haben bisher wenig Verwertbares zutage gefördert. Die Untersuchungen der Justiz und der Börsenaufsicht wurden beendet, ohne dass es zu einer Anklage kam. Zivilrechtliche Klagen einstiger Börsenneulinge wie Razorfish sowie mehrere Broker hat CSFB mit einem Vergleich in Höhe von 100 Millionen Dollar beigelegt - freilich ohne ein Schuldeingeständnis.

Dem Ruf von Quattrones ehemaligem Arbeitgeber als Spezialist für Technologie-Börsengänge scheint die Affäre indes nicht geschadet zu haben. Wie am vergangenen Freitag bekannt wurde, wird CSFB gemeinsam mit Morgan Stanley demnächst den Suchmaschinenanbieter Google an die Wall Street bringen.

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