Starbankier Quattrone Pate des Silicon Valley muss hinter Gitter

Frank Quattrone, während des Dotcom-Booms einer der wichtigsten Strippenzieher der Wall Street, muss für 18 Monate ins Gefängnis. Der ehemalige Investmentbankier war zuvor der Justizbehinderung und der Beeinflussung von Zeugen für schuldig befunden worden.

New York - Zu den 18 Monaten Gefängnisstrafe, die der zuständige Richter Richard Owen am Mittwoch in Manhattan verkündete, kommen noch zwei Monate auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von 90.000 US-Dollar. Frank Quattrone muss sich nun binnen 50 Tagen stellen, darf seine Gefängniszeit aber in seinem Heimatstaat Kalifornien absitzen.

Mit diesem Urteil ist Quattrone seit der Verurteilung des Anleihekönigs Michael Milken in den siebziger Jahren der prominenteste Vertreter der Wall Street, der hinter Gitter wandert. Bewährungshelfer hatten zuvor zwar eine niedrigere Strafe gefordert, Quattrone selbst hatte um Nachsicht und um Rücksicht auf seine Familie gebeten. Seine Ehefrau ist chronisch krank. Doch Richter Owen blieb bei der Bemessung des Strafmaßes hart.

Verhängnisvolle E-Mail

Auch deshalb dürfte Quattrone noch lange den Augenblick verfluchen, als er den "Senden"-Knopf drückte. Denn am 5. Dezember 2000 leitete der Chef der Technologiegruppe von Credit Suisse First Boston eine Mail an seine Untergebenen weiter. Darin wurden alle Angestellten an die Richtlinie ihres Arbeitgebers erinnert, regelmäßig alte Dokumente und Datensätze zu vernichten. Quattrone riet seinen Leuten, dem "dringend" Folge zu leisten. Acht Stunden zuvor hatte CSFBs damaliger Chefjustiziar David Brodsky dem Starbankier nahe gelegt, sich einen Anwalt zu nehmen, weil die Justizbehörden sowie die US-Börsenaufsicht SEC mehrere von CSFB betreute Börsengänge wegen möglicher Unregelmäßigkeiten untersuchten.

Die Geschworenen einer Bundesjury in Manhattan sahen es deshalb als erwiesen an, dass Quattrone versucht habe, Beweismaterial zu vernichten und die Arbeit der Justiz zu behindern. Als erfahrenem Investmentbankier habe Quattrone nach Ansicht der Mehrheit der Geschworenen klar sein müssen, dass er sich mit der E-Mail strafbar mache - zumal die Behörden bei CSFB bereits Dokumente angefordert hatten. Der 48-Jährige hatte im Rahmen des Verfahrens ausgesagt, dass er gedanklich keine Verbindung zwischen den Untersuchungen der Behörden und der E-Mail hergestellt habe. Ein erster Prozess gegen Quattrone war im Herbst 2003 gescheitert, weil sich die Jury nicht einigen konnte.

König der Dotcoms

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Quattrone war eine der schillerndsten Figuren des Dotcom-Booms. CSFB hatte ihn samt hundertköpfigem Team im Jahr 1998 bei der Deutschen Bank abgeworben. Kolportiert wurde seinerzeit eine Transfersumme von einer Milliarde Dollar. In seiner besten Zeit verdiente Quattrone 165 Millionen Dollar jährlich und erwirtschaftete mit seiner in Menlo Park (Kalifornien) ansässigen Abteilung 12 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes von CSFB. Die Investmentbank, die unter anderem Amazon.com und Netscape an den Markt brachte, kassierte nach Berechnungen von "Bloomberg" in den Jahren 1999 und 2000 insgesamt 717,5 Millionen Dollar an Kommissionen aus Börsengängen.

Während des Booms legten die Aktien von Börsendebutanten am ersten Tag häufig um hundert Prozent oder mehr zu. Nach dem Platzen der Blase wurde CSFB und anderen Investmentbanken vorgeworfen, die begehrten Dotcom-Aktien vor allem der eigenen Kundschaft zugeschustert zu haben. Starbankier Quattrone stand im Zentrum der Vorwürfe. Er soll ein ganzes Netzwerk von Kunden und Bekannten, die so genannten "Friends of Frank" bedient haben. Unter den Personen, die bei besonders lukrativen Deals bevorzugt wurden, befanden sich nach Erkenntnissen der Justiz auch Valley-Granden wie Michael Dell.

Kaum verwertbare Ermittlungen

In einigen Fällen sollen die Banken mit den Käufern der Aktien zudem Gegengeschäfte in einer festgelegten Höhe vereinbart haben. In der Branche ist diese Praxis als spinning bekannt. Während des zweiten Prozesses hat Quattrone ausgesagt, dass er mehrfach Einfluss auf den Zuteilungsprozess genommen habe. Im Rahmen des ersten Verfahrens hatte der Bankier dies noch vehement abgestritten.

Die Verurteilung Quattrones aufgrund einer lakonischen E-Mail entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn die Ermittlungen gegen den Bankier und seinen ehemaligen Arbeitgeber wegen mutmaßlichen spinnings haben bisher wenig Verwertbares zutage gefördert. Die Untersuchungen der Justiz und der Börsenaufsicht wurden beendet, ohne dass es zu einer Anklage kam. Zivilrechtliche Klagen einstiger Börsenneulinge wie Razorfish sowie mehrere Broker hat CSFB mit einem Vergleich in Höhe von 100 Millionen Dollar beigelegt - freilich ohne ein Schuldeingeständnis.

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