Statistik-Trick in der Autoindustrie Mächtig gerechnet

"Jeder siebte Job hängt vom Auto ab": Mit dieser Zahl wird gern die wirtschaftliche Bedeutung der Industrie untermauert. Einem Bericht zufolge ist die Rechnung eine Übertreibung, die auf irrealen Fakten basiert - der Branchenverband weist zurück, dass er dafür verantwortlich ist.

Hamburg/Berlin - Die Zahl hat wohl jeder schon mal gehört. Es ist eine bedrohliche Zahl. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sie schon beschwört, Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) ebenso. Wer in verschiedenen Varianten nach ihr googelt (1 , 2) , stößt auf Hunderte Einträge, darunter viele Zeitungsartikel. Die Zahl lautet:

"Jeder siebte Job hängt vom Auto ab."

Sie soll die Bedeutung der Branche klarmachen. Doch laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Capital"  überzeichnet sie die Bedeutung der Autoindustrie.

Auto-Produktion in Wolfsburg: Übertriebene Zahlen zur Job-Abhängigkeit

Auto-Produktion in Wolfsburg: Übertriebene Zahlen zur Job-Abhängigkeit

Foto: Getty Images

In die Welt gesetzt habe die Zahl der Verband der Automobilindustrie (VDA), und zwar durch einen simplen Trick. Der VDA gehe bei dieser Zahl nämlich davon aus, dass es am Ende überhaupt keine Autos mehr gebe - weder deutsche noch ausländische. Damit wären freilich alle Jobs gefährdet, die irgendwie durch das Auto bedingt sind, vom Bus- und Taxifahrer über den Straßenbauarbeiter und Tankstellenwart bis zum Parkhauspförtner.

Die Methodik, auf die sich der VDA beruft, ist laut "Capital" außerdem uralt. Sie stammt demnach aus dem Buch "Die Automobilindustrie in Deutschland", Erscheinungsjahr 1980. In diesem wird die Job-Abhängigkeit in der Autoindustrie auf verschiedene Arten gerechnet:

  • Job-Abhängigkeit in der Automobilproduktion: Danach waren im Jahre 1980 1,349 Millionen Beschäftigte von der Produktion abhängig. Das war damals jeder 21. Arbeitsplatz.
  • Job-Abhängigkeit der ganzen Branche: Das bedeutet, alle Stellen in der Produktion plus Vertrieb, Investitionen und der "in den Vorleistungsbereichen induzierten Investitionen". Das waren 1980 1,85 Millionen Menschen - seinerzeit jeder 15. Job.
  • Allgemeine Job-Abhängigkeit von Auto und Nutzfahrzeug, laut der jeder siebte Job irgendwie mit dem Auto zusammenhängt.

Laut "Capital" kommuniziert der VDA eben diese letzte, kaum aussagekräftige Zahl - und aktualisiert die Beschäftigtenzahlen einfach alle paar Jahre.

Der VDA teilte auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage dazu mit: "Wir haben das so nie kommuniziert, sondern immer gesagt, dass es direkt 750.000 Beschäftigte in der Automobilindustrie gibt. Direkt und indirekt hängen rund fünf Millionen Arbeitsplätze am Automobil. Bei den fünf Millionen wurde nie zwischen in- und ausländischen Fahrzeugen unterschieden."

Differenzierter betrachtete der VDA bei seiner Rechnung dagegen die Erwerbstätigen: Statt der rund 40 Millionen Beschäftigten, die es insgesamt in deutschland gibt, nimmt der Verband als Grundlage für seine Rechnung nur die 35 Millionen Angestellten - durch diesen Kniff ist dann letztendlich nicht jeder Achte, sondern sogar jeder Siebte betroffen, wenn es der Autoindustrie schlecht geht.

Die Politik stört das alles nicht: Sie greift die Zahl trotzdem auf. Das Auto eigne sich besonders gut zur Rettung Deutschlands, sagt Henning Klodt, Leiter der Wirtschaftspolitik beim Kieler Institut für Weltwirtschaft, zu "Capital". "Es ist politisch und medial bestens vermittelbar, weil es jeder kennt - im Gegensatz zu deutscher Hochtechnologie in den Werkshallen." Politik und Lobby betrieben aber eine "falsche Vorstellung", dass jeder Siebte arbeitslos würde, wenn ein deutscher Autobauer bedroht sei.

Unbestritten ist, dass rund 750.000 Menschen direkt in der Automobilindustrie beschäftigt sind, Nutzfahrzeuge und Zulieferer schon mit eingerechnet. Bei dieser Zahl sind sich VDA, Statistisches Bundesamt und die Bundesagentur für Arbeit einig.

Unbestritten ist auch, dass es Effekte gibt, die über die Zulieferer hinausgehen. Nahezu jeder Wirtschaftszweig ist an der Herstellung von Autos beteiligt: So landet ein Teil aus der chemischen Industrie beim Autolack, und die Forstwirtschaft liefert Holz, das Zulieferer später für Armaturen verwenden. Der Verband überträgt nun die Umsatzverflechtungen anderer Branchen mit der Autoindustrie auf die Beschäftigtenzahlen.

Irreführend ist Experten zufolge hingegen, davon auszugehen, dass es in Deutschland überhaupt keine Autos gibt - weder in- noch ausländische - und diese Annahme als Grundlage zu verwenden, dass jeder siebte Job vom Auto abhänge.

Das RWI hat 2000 errechnet, dass ein Beschäftigter 1,4 Arbeitsplätze zusätzlich schafft. "Das ergibt insgesamt 1,76 Millionen Beschäftigte, die von der Nachfrage nach Autos abhängen", sagt Michael Rothgang vom RWI. Nach dieser weiterhin gültigen Rechnung sei jeder 20. Arbeitsplatz autoabhängig.

ssu