Reserveantibiotika in Tierhaltung Steak oder Leben

Reserveantibiotika sollen Menschen retten, wenn Antibiotika versagen. Die EU-Kommission will die Ausnahmemedikamente jedoch weiter in der Tierhaltung zulassen. Ein gefährlicher Sieg der Billigfleischlobby.
Neugeborene Ferkel in der Tierklinik an der Uni Glasgow

Neugeborene Ferkel in der Tierklinik an der Uni Glasgow

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

Wie entscheidend wirksame Medikamente für das Überleben von Menschen sind, müsste in Zeiten der Pandemie auch dem Letzten klar geworden sein. Sollte man meinen. Doch wenn es um die Interessen der Fleischbranche, der Pharmaindustrie und des Agrobusiness geht, scheint das nicht mehr zu gelten. Anders ist nicht zu erklären, was die Nichtregierungsorganisation Germanwatch im Kleingedruckten des Entwurfs für die EU-Verordnung 2019/6 über Tierarzneimittel fand. Es ist eine Kapitulation vor der Billigfleischlobby.

Der Entwurf legt fest, welche antimikrobiellen Wirkstoffe für die Behandlung beim Menschen vorbehalten werden sollen. Die Europäische Union hatte 2018 beschlossen, dass sogenannte Reserveantibiotika künftig ausschließlich den Menschen vorbehalten sein sollen. Angesichts der weltweit wachsenden Resistenzen gegen gängige Antibiotika sind diese extrem starken Medikamente oft das letzte Mittel, um Leben zu retten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte ein Jahr zuvor eine Liste dieser Lebensretter erstellt und alle Länder inständig darum gebeten, diese Wirkstoffe nur noch beim Menschen einzusetzen und auch nur dann, wenn kein anderes Antibiotikum mehr greift. Denn wenn bei übermäßigem Gebrauch Resistenzen auch gegen diese Reserveantibiotika entstehen, fällt diese letzte Schutzmauer einfach weg.

Wachsweiche Formulierung

Doch nun findet sich plötzlich ein Passus im EU-Entwurf, der den Gebrauch dieser lebensrettenden Medikamente auch für Tiere weiter erlauben soll - und offenbar in großem Stil. Der Einsatz würde gestattet, wenn ein Tier von einer "ernsthaften Erkrankung oder dem Tod" bedroht wäre und wenn es für das "Tierwohl" notwendig sei. Eine wachsweiche Formulierung, die dem nahezu unbegrenzten Einsatz der Mittel in der industriellen Nutztierhaltung Tür und Tor öffne, warnen Kritiker. Besonders perfide: Ausgerechnet jene Branche, die seit Jahr und Tag eine wirkliche Verbesserung der Tierhaltung bekämpft und die Tiere oft in grausame Produktionsbedingungen zwingt, soll nun ausgerechnet unter dem Label Tierwohl damit weitermachen dürfen, ihre leidenden Viecher mit Reserveantibiotika zu behandeln. 

Tatsächlich sind Antibiotika seit Langem unerlässlich für die Intensivtierhaltung auf engstem Raum - ganz abgesehen davon, dass  die Medikamente billiger sind als penible Hygienemaßnahmen und Auslaufställe. Der massenhafte Einsatz in der Landwirtschaft gilt als einer der Hauptursachen für die zunehmenden Resistenzen der Bakterien. Schon heute sind nach Berechnung von Germanwatch knapp 20 Prozent der in deutschen Ställen verabreichten Antibiotika Reserveantibiotika. Wiegt das Recht auf ein Billigsteak mehr als die Sicherung menschlicher Gesundheit?

"Die Gabe von antimikrobiellen Wirkstoffen in der Tierhaltung muss die absolute Ausnahme werden"

Germanwatch

"Wenn die Bundesregierung diesen Entwurf guthieße, dann würde sie das Primat der menschlichen Gesundheit kippen", sagt Reinhild Benning, Landwirtschaftsexpertin bei Germanwatch. "Damit würden das Ziel, wirksame Antibiotika zur Rettung von Menschenleben zu bewahren, der Produktivität industrieller Tierhaltungen geopfert." In einem Brief an Ernährungs- und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) fordert Germanwatch zusammen mit Ärzte gegen Massentierhaltung, Greenpeace und Tierärzte für eine verantwortliche Landwirtschaft, den Einsatz von Reserveantibiotika gemäß der aktuellen WHO-Liste ausschließlich Menschen vorzubehalten: "Die Gabe von antimikrobiellen Wirkstoffen in der Tierhaltung muss die absolute Ausnahme werden und darf insbesondere nicht Folge der Hochleistungszucht und der beengten Bedingungen insbesondere in großen Tierhaltungen sein, die den aktuell hohen Antibiotikaverbrauch begünstigen.

Am Montag berät der veterinärpharmazeutische Ausschuss des Bundeslandwirtschaftsministeriums über den EU-Entwurf. Ministerin Klöckner hat zahlreiche Organisationen und Industrieverbände um eine Stellungnahme gebeten, selbst den Verband des Deutschen Hundewesens. Humanmediziner jedoch wurden nicht angefragt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der sich von Amts wegen um die Gesundheit der Bürger kümmern sollte, sieht die Federführung in der Sache beim Klöckner-Ministerium. Man sei in engem Kontakt, heißt es aus dem Ministerium, und: "Bei der Ausgestaltung ist ein Ausgleich zu finden zwischen Interessen der Humanmedizin einerseits und Interessen der Veterinärmedizin einschließlich des Tierschutzes andererseits."

Offenbar hat Billigfleisch eine bessere Lobby als der Mensch.

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