Thomas Fricke

Arbeitsmarkt Wenn Deutschland wieder abbaut

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
In Deutschland steigt die Arbeitslosigkeit wieder. Das ist noch keine Katastrophe – aber ein ziemlich ernstes Warnsignal in Zeiten von Trump und anderen geopolitischen Risiken.
Schweißer im Maschinenbau

Schweißer im Maschinenbau

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Klaus-Dietmar Gabbert/ dpa

Ein ganzes Jahrzehnt ging die Sache gut. Jetzt ist passiert, was das Gros der Auguren kaum mehr für möglich zu halten schien: in Deutschland sind erstmals seit 2013 zum Jahreswechsel wieder mehr Arbeitslose registriert worden als ein Jahr zuvor.

Das Ende vom deutschen Jobwunder – mit seinen immer neuen Rekorden und sinkender Arbeitslosigkeit? Oder nur ein Ausrutscher?

Die Erfahrung der vergangenen Jahre könnte einen Ausrutscher vermuten lassen. So lautete auch der Tenor der Kommentare, als die Bundesagentur für Arbeit vergangene Woche die Wendedaten verkündete. Keine Panik (klar, die brauchen wir ja auch fürs Klima). Noch steckt die Wirtschaft nicht in einer tieferen Rezession.

Bei genauerem Hinsehen liegt im jüngsten Trend aber ein ziemlich ernst zu nehmendes Warnsignal. Es könnte sich auszahlen, auf sehr viel negativere Überraschungen vorbereitet zu sein – um darauf politisch notfalls schnell reagieren zu können.

So ganz überraschend kommt die Nachricht in Wirklichkeit ja nicht  – gemessen daran, wie nah die deutsche Wirtschaft vergangenes Jahr an eine Rezession zu geraten drohte (und dann auch kam). Die Industrie bekam Ende vergangenen Jahres fast zehn Prozent weniger Aufträge als zu Hochzeiten Anfang 2018. Auto- wie Maschinenbauer entlassen angesichts rapide schrumpfender Umsätze schon seit Monaten mehr Leute als sie einstellen. Gerade im einst exportverwöhnten Süden Deutschlands liegt die Arbeitslosigkeit in vielen Bezirken bereits seit Monaten höher als im Vorjahr.

Dabei reicht aller Erfahrung, dass eine Wirtschaft schon nicht mehr wächst, um die Arbeitslosigkeit steigen zu sehen – allein weil Produktion und Beschäftigte von Jahr zu Jahr immer etwas effizienter werden, also mit demselben Personal mehr erwirtschaftet werden kann. Oder halt mit weniger Leuten dasselbe.

Jetzt gibt es durchaus Gründe, die dafürsprechen, nicht gleich die große Katastrophe nahen zu sehen. So haben sich die konjunkturellen Frühindikatoren zuletzt stabilisiert: dank der Pause im Brexit-Drama oder diesem und jenem Indiz für nachlassende Handelskonfliktbereitschaft bei Donald Trump. Ob das zur Entwarnung reicht, ist ähnlich schwer kalkulierbar wie, was Trump morgen vorhat.

Wenn viele deutsche Firmen ihr Personal bislang halten, könnte das an einem Doppelphänomen liegen, das bald zur Tücke werden könnte:

  • Zum einen, dass die Erfahrungen aus der großen Deutschland-Panik-Krise 2000 bis 2005 in mancher Chefetage nachwirken. Da war es Mode, möglichst viele Leute zu entlassen – so sehr, dass viele Unternehmen übers Ziel weit hinausschossen und sodann mit dem mittlerweile üblichen Jammern über mangelnde Fachkräfte begannen.

  • Zum anderen fehlten – teils auch deshalb – in den letzten Jahren des aktuellen Aufschwungs tatsächlich an allen Ecken und Enden Kräfte, zu Hochzeiten waren in der deutschen Wirtschaft gut 800.000 offene Stellen gemeldet. So irre das ist: Da kommen ein paar Aufträge (konjunkturbedingt) weniger erst einmal eher gelegen. Das reduziert den Bedarf, neues Personal zu suchen (und für Kunden die Zeit, die sie auf den Handwerker warten). Dadurch gibt es aber noch keinen Stellenabbau. Ende 2019 waren schon knapp 100.000 weniger offene Stellen gemeldet.

Für den Arbeitsmarkt in Deutschland ergaben beide Phänomene zusammen, dass im Abschwung bislang tatsächlich weniger Jobs gestrichen wurden als in früheren vergleichbaren Zeiten. In der großen Rezession ab Ende 2008 dauerte es kaum ein paar Wochen, bis die Entlassungswelle begann. Diesmal beginnt die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr zu steigen, nachdem die Wirtschaft im Grunde schon seit eineinhalb Jahren geschwächelt hat.

Das Tückische: Seit Anfang 2018 ist das, was die Beschäftigten im Land im Schnitt stündlich leisten, tatsächlich um 0,8 Prozent gesunken. Im Ökonomensprech: Die Produktivität der Wirtschaft lässt seit anderthalb Jahren fast stetig nach. Ein ziemlich einmaliges Phänomen.

Genau darin liegt das Potenzial für böse Überraschungen. Wenn viele Unternehmen am Personal bisher festhalten, weil sie noch viele Aufträge in der Schublade haben, wird irgendwann der Punkt kommen, wo bei anhaltend schwächelnder Konjunktur die Schublade leer ist, es nichts mehr aus besseren Zeiten noch abzuarbeiten gibt. Und wo sich in mancher Betriebsbilanz gleichzeitig bemerkbar macht, wie sehr die Produktivität in der Zwischenzeit nachgelassen hat – bei mehr oder weniger gleichbleibenden Kosten.

Unter derart erhöhtem Kostendruck würde früher oder später auch die kühnste Erinnerung an überhastete Entlassungen aus früheren Zeiten dem schnöden Überlebenskalkül weichen. Je produzierter Einheit sind die Lohnkosten in der deutschen Wirtschaft seit Anfang 2018 um immerhin 5,5 Prozent gestiegen.

Auch das muss noch keine Katastrophe sein – oder werden. Wenn die Sache mit dem Konjunkturabschwung bislang relativ glimpflich abgegangen ist, liegt das nur auch daran, dass die Regierung 2019 einiges an Geld ans Volk gegeben hat (und dieses Jahr damit fortfährt). Ob über sinkende Steuern und Abgaben oder mehr Mittel für öffentliche Investitionen: Das dürfte in der Summe 2019 mehr als ein halbes Prozent Wirtschaftsleistung gesichert haben. Mit dem Ergebnis, dass Konsum und Bau gut liefen, eine Rezession (nur) deshalb bisher vermieden wurde.

Wenn der US-Präsident bleibt, wie er ist, spricht nicht viel dafür, dass es in den nächsten Monaten nicht noch die eine oder andere böse Überraschung gibt, ob Handelskampfkapriolen oder Abenteuer im Nahen Osten. Wenn nicht der Irankonflikt schon zur Eskalation reicht, Ölpreise ebenso hochschnellen wie Investitionsvorhaben global schwinden.

Spätestens dann könnte es nötig werden, dass unsere Bundesregierung noch einiges an Geld drauflegt und das Konjunkturpaket aufstockt. Es wäre weise, schon bald zu regeln, wie die Regierung bei einsetzenden Entlassungswellen schnell gegensteuern kann. Etwa indem sie den Firmen erleichtert, Leute erstmal in Kurzarbeit zu setzen, und das mitfinanziert, so wie sich das in der vergangenen Krise 2009 bewährt hat. Und wie es, kein Wunder, so mancher Industrievertreter derzeit fordert.

Damit ließen sich nicht alle Probleme lösen, etwa was den Umbau der Autobranche hin zu neuen Antriebsarten angeht, die eine oder andere Entlassung aber vermeiden – und vielleicht sogar, dass sich daraus eine fatale Negativspirale entwickelt.

Über Jahre galt: Wenn überhaupt, dann wird in Deutschland Arbeitslosigkeit abgebaut. Dass dies erstmals zum Jahreswechsel nicht mehr der Fall war, lässt erahnen, wie wenig auf die Regel in so kritischen Zeiten noch Verlass ist. Besser wäre, auf den Ernstfall vorbereitet zu sein.

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