Stellenabbau T-Com auf dem Weg in die Vergreisung

Mit dem Plan, weitere 32.000 Stellen abzubauen, hat Telekom-Chef Ricke Gegner und Freunde mobilisiert. Ver.di spricht von "Horrorzahlen", der künftige Wirtschaftsminister Glos lässt Sympathie erkennen. Das wirkliche Dilemma der Telefongesellschaft aber wird durch den Jobabbau nicht gelöst.


Bonn - Den Gedanken an das Alter seiner Belegschaft verdrängt Telekom-Personalchef Heinz Klinkhammer lieber. Kein Wunder: Selbst nach den Maßstäben derjenigen, die nicht dem Jugendwahn verfallen sind, sind die Zahlen alarmierend: Bis 2010, so die Berechnungen, werden die Hälfte der Mitarbeiter älter als 50 Jahre sein. Und es sind kaum Jüngere im Haus, die für frischen Wind sorgen könnten. Weniger als zehn Prozent haben das Dreißigste noch vor sich.

Telekom-Logo: Scharfer Wettbewerb führt zu Stellenabbau
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Telekom-Logo: Scharfer Wettbewerb führt zu Stellenabbau

Das Problem wird sich eher noch verschärfen, wenn der Stellenabbau im jetzt angekündigten Tempo durchgezogen wird. Denn Nachwuchskräfte haben in dieser Situation - besonders, wenn sie von außen kommen - kaum eine Chance.

20.000 Stellen sollen allein in der Festnetzsparte T-Com wegfallen, die besonders unter dem scharfen Wettbewerb zu leiden hat. Die Konkurrenz durch andere Festnetzbetreiber hat zwar zu drastischen Preissenkungen für Telefongespräche auf breiter Front geführt, zugleich aber auch für Umsatzeinbrüche der Telekom gesorgt. In der letzten Zeit macht sich zudem immer stärker bemerkbar, dass Verbraucher sich mit dem Mobiltelefon begnügen und auf einen Festnetzanschluss ganz verzichten.

Ein gravierendes Problem stellen die gut 46.000 Beamten aus alten Postzeiten dar, die damit immer noch fast ein Drittel der deutschen Telekom-Gesamtbelegschaft stellen. Für sie will Ricke mit der neuen Bundesregierung eine Vorruhestandsregelung aushandeln, die von der Telekom bezahlt werden müsste.

Ver.di kündigt Widerstand an

Wie viele der hauptsächlich noch bei der T-Com beschäftigten Beamten das Unternehmen verlassen sollten, stehe noch nicht fest, sagte Telekom-Sprecher Mark Nierwetberg. Zunächst stünden Gespräche mit der Gewerkschaft Ver.di auf dem Plan, so sehe es der Tarifvertrag vor.

Ver.di-Vizechef Franz Treml blockte jedoch schon im Vorfeld ab: Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE warf er der Telekom Verantwortungslosigkeit vor. Dem Konzern gehe es glänzend, wie auch der Rekordüberschuss und die hohe Dividende verdeutlichten. Von den "Horror-Zahlen", die nun im Raume stünden, sei man überrascht und schockiert, sagte Treml, der auch Vize-Aufsichtratschef der Telekom ist.

Die Beschäftigten würden unnötig in "Angst und Not" versetzt, so Treml weiter. Wichtiger und richtiger wäre es aus seiner Sicht, die Telekom durch Investitionen und eine Verbesserung des Service ihre Position gegenüber der Konkurrenz stärke. Treml sagte, die Telekom sei aus seiner Sicht nicht personell überbesetzt. "Wenn Sie mit den Leuten im Betrieb sprechen und von ihrer Arbeitsbelastung hören, kann man das sicher nicht sagen."

Der designierte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) bedauerte den Stellenabbau bei dem einstigen Staatskonzern zwar. "Wir können nicht künstlich Arbeitplätze halten, die nicht mehr gebraucht werden", schränkte er aber ein. In Deutschland müssten neue Arbeitsplätze gerade auch im Hochtechnologiebereich global wettbewerbsfähig sein. Dafür müsse die Politik die Rahmenbedingungen setzen, fügte er hinzu.

Auf betriebsbedingte Kündigungen will Ricke ohnehin verzichten und sich damit an das im März mit Ver.di vereinbarte Beschäftigungsbündnis halten. Die Gewerkschaft hatte unter anderem einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 34 Stunden ohne vollständigen Lohnausgleich sowie einer Nullrunde für das Jahr 2004 zugestimmt. Er räumte gegenüber der "Welt" ein, angesichts der guten Ergebnisse sei es nicht leicht, die Pläne verständlich zu machen. Die Ergebnisse müssten sich aber nachhaltig sichern lassen. "Wir müssen das Unternehmen sehr viel flexibler machen."

Der Stellenabbau will der Telekom-Chef mit Hilfe von Altersteilzeit, durch Abfindungen, die ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Unternehmen attraktiv machen, und Vorruhestandsregelungen für Beamte realisieren. 2000 Mitarbeiter sollen ein Angebot in einem anderen Bereich des Konzerns bekommen.

Die Chance ergreifen die Jungen

Die Frage ist nur, ob das Angebot auf ein großes Echo stößt. Bereits beim Thema Altersteilzeit ist die Chance gering: Derzeit sind weniger als drei Prozent der Belegschaft älter als 55 Jahre, viele liegen knapp darunter. Die Gelegenheit dürften allenfalls wieder jüngere Mitarbeiter ergreifen, die auf dem Arbeitsmarkt noch eine Perspektive sehen - das aber dürfte kaum die Klientel sein, die Ricke gerne ziehen lassen will.

Einziger Lichtblick: Zeitgleich mit dem Stellenabbau sollen an anderer Stelle im Konzern etwa 6000 Arbeitskräfte neu eingestellt werden. "Netto" liegt der Abbau von Stellen damit bei 19.000.

Insgesamt 3,3 Milliarden Euro will sich die Telekom das Dreijahresprogramm kosten lassen. Die Schuld für den massiven Stellenabbau schiebt Ricke nicht zuletzt der Regulierungsbehörde zu, die der Telekom durch die Verschärfung des Wettbewerbs im Festnetz- und Breitbandbereich das Leben schwer mache. Weitere 5000 Stellen könnten bedroht sein, sollten Entscheidungen der Bundesnetzagentur den Aufbau eines Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetzes aus Telekom-Sicht unattraktiv machen, sagte Ricke.

An der Börse wurden Rickes Pläne erfreut aufgenommen. T-Aktien gehörten zu den größten Gewinnern am Markt und kletterten um 2,55 Prozent auf 14,87 Euro.



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