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SCHIFFAHRT Sterbender Riese

Vom schwersten Tankerunglück der Seefahrt-Geschichte berichten und photographierten Augenzeugen für den SPIEGEL.
aus DER SPIEGEL 36/1979

Der wachhabende erste Offizier des Tankers »Aegean Captain« erkannte die Gefahr zu spät: Trotz eines harten Backbord-Manövers riß der gut 300 Meter lange Schiffsriese mit seinem rechten Vorschiff die Steuerbordseite des Tanker-Kollegen »Atlantie Empress« auf.

Die Schiffsgiganten fingen sofort Feuer, eine Flammenwelle fegte über die Decks und sprengte die Fenster der Aufbauten.

Die Kollision in der Abenddämmerung des 19. Juli, etwa 10 Seemeilen nordöstlich der kleinen Karibik-Insel Tobago nahe Trinidad, war das schwerste Unglück in der Geschichte der Tanker-Schiffahrt. Der unter liberianischer Flagge fahrende 210 000-Tonnen-Tanker »Aegean Captain« hatte erst kurz vor dem Zusammenprall mit 38 Mann Besatzung den Hafen von Willemstad auf Curacao verlassen, um rund 201 000 Tonnen 01 nach Singapur zu bringen. Der griechische 292 000 Tonner »Atlantic Empress« steuerte mit 280 000 Tonnen saudi-arabischen Öls auf die amerikanische Südküste nach Texas. An Bord des Griechen waren an dem regnerischen Tropenabend neben den 40 Besatzungsmitgliedern drei Ehefrauen und ein Kind.

Rund drei Minuten nach dem Aufprall morste der Funker der »Aegean Captain«, Kimminos Haralobos, auf der internationalen Seenotfrequenz 500 Kiloherz SOS.

Etwa 120 Seemeilen nördlich, in Bridgetown, der Hafenstadt der Karibik-Insel Barbados, fing der deutsche Rettungsschlepper »Oceanic« den Funkspruch auf. Das hochseetüchtige Schlepp-Schiff der Hamburger Bugsier-Reederei dampfte mit der vollen Kraft seiner 20 000-PS-Maschine nach Süden und erreichte die Unglücksstelle etwa neun Stunden nach dem Eingang des Notrufs.

Die Eile der Rettungsspezialisten gehört zum Beruf. Nach den Gepflogenheiten der Seefahrt steht der Bergungslohn jener Reederei zu, deren Schiff den Unfallort als erstes erreicht (SPIE-GEL 3 1/1979).

Die 20-Mann-Besatzung der »Oceanic« fischte im Lieht ihrer Suchscheinwerfer sechs ölverschmierte Menschen auf.

Zusammen mit sieben anderen Schiffen, darunter zwei Tankern, zwei griechischen Frachtern und Wachbooten der nahegelegenen Küste, gelang es der »Oceanic«, 53 der 82 Schiffbrüchigen aus der öligen See zu retten. Die anderen blieben verschollen.

Etwa 15 Stunden nach der »Oceanic« erreichte der Rettungs-Schlepper »Swarte Zee« den Kollisionsort. Die Konkurrenten der holländischen Reederei Smit International beteiligien sich an den Löscharbeiten, ebenso wie der nochmals siebeneinhalb Stunden später eingetroffene »Smit Lloyd 114«.

Nachdem die drei Schlepper den Brand auf der »Aegean Captain« gelöscht hatten, schickte »Oceanic«-Kapitän Peter Loydved die beiden Helfer zur hilflos treibenden »Atlantic Empress«, die mittschiffs bis zum Heck in Flammen stand und steuerbord mit einer Schlagseite von 20 Grad ins Wasser hing.

Die beiden Holländer nahmen den brennenden Giganten an den Haken und schleppten das Schiff auf die offene See, um zu verhindern, daß die drohende Explosion eine verheerende Ölpest an den Küsten der Karibik auslöste. Nach und nach trafen bei der »Atlantic Empress« noch der holländische Schlepper »Smit Enterprise« sowie die Bugsier-Schlepper »Atlantic« und »Baltic« ein.

Unter dem Kommando des »Atlantic«-Kapitäns Paul Homann zogen die Berger den Tanker nach Osten auf das offene Meer und versuchten dabei immer wieder mit ihren Löschkanonen das Feuer einzudämmen: vergeblich.

Am 30. Juli, elf Tage nach der Kollision und kurz nachdem ein wagemutiger Löschtrupp von Bord gegangen war, explodierten auf der »Atlantic Empress« mehrere Öltanks. Das Feuer griff immer mehr um sich. Am 2. August, fast auf die Stunde genau 14 Tage nach der verhängnisvollen Kollision in der Karibik, war alles vorbei. Um 21.10 Uhr sank die »Atlantic Empress« auf der Position 13 Grad fünf Minuten Nord, 55 Grad 32 Minuten West, etwa 250 Seemeilen östlich von Barbados. An Bord des Tankers schwappten noch etwa 100 000 Tonnen Öl.

Die Bilder von dem sterbenden Tankerriesen »Atlantic Empress« photographierte Paul Jeckel, Funker auf dem Rettungsschlepper »Atlantic«.

Der Erste Offizier der »Oceanic«, Paul-Reiner Schmitz, schickte dem SPIEGEL einen Augenzeugenbericht der dramatischen Rettung der »Aegean Captain«.

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