Steueroasen Paradiese fürs grenzenlose Kapital

Die Terror-Kontrolleure schauen zu, der Fiskus ist wachsam: Für Steuerhinterzieher und Geldwäscher ist es schwieriger geworden, den Staat auszutricksen. Trotzdem erleben Offshore-Finanzplätze wie die Cayman-Inseln oder Jersey einen Boom. Ein Überblick über die wichtigsten Steueroasen.

Hamburg - Türkis schimmerndes Wasser, strahlend blauer Himmel, weiß glänzende Segelyachten. Wenn schon der Traum vom steuerfreien Leben wahr wird, dann kann das Bild vom Paradies auch gleich komplett sein. So stellen sich karibische Steueroasen wie die Cayman-Inseln, Belize oder die Britischen Jungferninseln dar.

Mit seinem Vermögen ins Paradies zu kommen, ist so einfach. Ganz wie der alte Aussteigertraum: Man muss nur loslassen können, die Gebräuche der Heimat mitsamt ihrer Steuerlast. Diesen Eindruck kann jedenfalls leicht gewinnen, wer im Internet nach Stichworten wie "Offshore-Gesellschaft" sucht. Offshore, also außer Reichweite der heimischen Steuergesetze, winken bequeme Verstecke für Kapitalerträge und Einkommen.

Viele kleine Anbieter werben mit Sprüchen wie "Kapitalertragsteuer? Das muss nicht sein". Schon ab 1000 Euro Gebühren ist eine steuerfreie Gesellschaft in der Karibik komplett mit Registereintrag und Adresse zu haben, Unternehmen in Niedrigsteuer-Bundesstaaten der USA wie Delaware oder Oregon sind noch günstiger.

Allerdings lassen sich gerade die Seiten mit den billigsten Angeboten oft nicht aufrufen - ein Hinweis darauf, dass das Geschäft schwieriger geworden ist. Dafür warnen andere Berater vor der Billigkonkurrenz. "Manche machen sich das sehr einfach", sagt der Hamburger Steuerberater Jürgen Bittger, Direktor der Firma London Consulting. "Offshore-Firmen eignen sich nicht immer für Unternehmer." Wer sich nicht richtig absichere, könne schnell ein "gefundenes Fressen" für das Finanzamt werden.

In Ländern, die kein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland oder einem anderen EU-Staat abgeschlossen haben, hat der deutsche Fiskus an sich nichts zu sagen. Dafür kann er die volle deutsche Steuer verlangen, wenn er bezweifelt, dass ein Unternehmen tatsächlich nur in der Steueroase und nicht in Deutschland tätig ist. In solchen Fällen liegt die Beweislast beim Steuerpflichtigen.

Unternehmern, die in den Genuss des Null-Prozent-Steuersatzes in Belize, auf den Britischen Jungfern- oder den Cayman-Inseln kommen wollen, empfiehlt Bittger daher, Mindestvoraussetzungen zu beachten. Damit die Finanzämter die Betriebsstätte im Ausland anerkennen, müsse dort ein "in kaufmännischer Weise eingerichteter Geschäftsbetrieb" stattfinden. "Das heißt ein voll eingerichtetes Büro und mindestens ein Mitarbeiter." Briefkasten und Anrufbeantworter reichten keinesfalls aus.

Schwarze Liste gegen Geldwäsche

Am besten "packt der Unternehmer wirklich die Koffer, setzt sich in den Flieger, nimmt seine Mitarbeiter mit und wohnt auch dort", rät Bittger. Als Notlösung könne man auch einen einheimischen Geschäftsführer einstellen, doch sobald es Hinweise auf beherrschenden Einfluss eines Deutschen auf die Firma gebe, könne das Finanzamt zugreifen. Trotz dieser Bedingungen gebe es immer noch "reichlich" Mandanten, die sich für Offshore-Unternehmen interessieren und im Zweifelsfall auch mitsamt ihrer Firma umziehen. Das sei aber schwieriger geworden.

"Stärkere Regulierung hat das Offshore-Geschäft zwar nicht weniger attraktiv, aber komplizierter gemacht", bestätigt Gianni di Bari, Seniorberater der auf Offshore-Firmen spezialisierten OCRA in Luxemburg, die nach eigener Aussage auch multinationale Konzerne berät. "Alles wird heute überprüft. Wir müssen dafür sorgen, dass jede Bewegung im Unternehmen dokumentiert und erklärt wird."

Den Finanzämtern kommt entgegen, dass die Steueroasen manche ihrer Kundengeheimnisse preisgeben. Die perfekte Anonymität, Grundlage ihres Geschäftsmodells, bekommt kleine Lücken. Auf diese Weise geben sie internationalem Druck nach, um ihren Status als Steueroase nicht ganz zu verlieren. Der Druck kommt zustande, weil sich außer den Finanzbehörden auch die Polizei und Geheimdienste für das Geschehen auf den verschwiegenen Inseln interessieren.

Vor allem die Suche nach dem Geld von Terroristen, Drogen- und Menschenhändlern hat die Finanzzentren ins Licht der Öffentlichkeit gebracht. Im Jahr 2000 hat die Financial Action Task Force (FATF), eine internationale Organisation gegen Geldwäsche, eine schwarze Liste nicht kooperierender Staaten veröffentlicht. Außer den üblichen Verdächtigen standen auch Industrieländer wie Israel oder Russland darauf. Dubai geriet in die Kritik, weil die Attentäter des 11. September 2001 Geld über anonyme Konten in dem Emirat geschleust hatten.

Legale Steuerflucht - "es ist ja gar nicht mehr notwendig, etwas kriminell zu machen"

Nachdem die FATF Sanktionen androhte und gegen einige Länder auch verhängte - Banken wurden vor Geschäften mit den betroffenen Ländern gewarnt -, wurde die Liste allerdings immer kürzer. Alle angeschwärzten Länder führten Gesetze gegen Geldwäsche ein, einige Offshore-Finanzplätze verschwanden von der Landkarte. Die Pazifikinsel Nauru etwa schloss im Oktober 2004 ihre rund 400 Banken. Im Oktober 2006 schließlich strich die FATF mit Myanmar das letzte nicht kooperierende Land von der Liste.

"Die haben sich geschickt herausgeredet", meint allerdings der Linzer Volkswirt Friedrich Schneider. Geldwäsche werde zwar "nicht mehr in dem Umfang wie vor vier, fünf Jahren" betrieben und Großbanken achteten stärker auf ihr Renommee. Das werde aber nun "geschickter gemacht, mit Tarnfirmen", sagt der auf die Erforschung von Schattenwirtschaft spezialisierte Ökonom.

Steueroasen und Korruption

Auch John Christensen bezweifelt den Erfolg der FATF. Der frühere Wirtschaftsberater der Regierung von Jersey, einem Steuerparadies im Ärmelkanal, ist heute als Sekretär der Organisation Tax Justice Network ein Kritiker der Offshore-Zentren. "Die haben bloß Briefe geschrieben, dass sie kooperieren würden", sagt er. Es gebe keinen Willen, die Anti-Geldwäschegesetze auch durchzusetzen.

Für kleine Steueroasen wie Nauru sei zwar selbst eine minimale Regulierung, wie sie die FATF verlangt, zu teuer, doch "während manche von ihnen verschwinden, tauchen neue auf", sagt Christensen. Das arabische Emirat Ras al-Cheimah oder das Sultanat Brunei böten inzwischen nach karibischem Vorbild Geheimfirmen mit niedrigen Steuern an. "Die FATF konzentriert sich nur darauf, Drogen- und Terroristengeld zu verfolgen", kritisiert Christensen. "Sie tut nicht annähernd genug gegen Steuerflucht."

Steuerflucht sei keine mindere Kriminalität als Drogenhandel, meint Christensen. "Beides gehört zusammen." Er erinnert daran, dass Mafiaboss Al Capone für Finanzstraftaten und nicht für seine Morde hinter Gitter kam. Wenn Steuervergehen ernster verfolgt würden, soll das wohl heißen, würde auch die übrige Kriminalität abnehmen.

Das Problem sei nicht nur, dass Steueroasen korrupten Diktatoren helfen, ihre Länder auszuplündern und die Beute in Sicherheit zu bringen. "Es geht um jedes Niveau von Korruption", sagt Christensen. Wenn Eigentümer von Firmen anonym bleiben können, "bekommt man Marktverzerrungen, Insiderhandel und etliche Formen von Korruption, die viele gar nicht mit Steueroasen in Zusammenhang bringen". Offshore-Finanzplätze seien ein Grund für Armut in der Welt.

Die Steueroasen selbst allerdings können sich zumeist reich nennen. Die in der Regel sehr kleinen Länder halten nach Angaben der Bank für internationalen Zahlungsausgleich rund ein Sechstel der weltweiten Bankguthaben. Die Boston Consulting Group schätzte das gesamte Offshore-Vermögen 2003 konservativ auf neun Billionen Dollar. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein, denn die wichtigsten Steueroasen verzeichnen hohe Wachstumsraten.

Legale Steuerflucht

Die Cayman-Inseln registrieren jährlich rund 1000 neue Investmentfonds und sind nun bei gut 7500 angelangt. Vor allem Hedgefonds verzichten selten auf einen Ableger in der Karibik. Die Britischen Jungferninseln mit 23.000 Einwohnern verzeichnen mehr als 60.000 Firmengründungen im Jahr.

Das Bankvermögen auf Jersey ist in zwei Jahren von 160 auf 190 Milliarden Pfund gewachsen. Bermuda, wo sich die Rückversicherer tummeln, gilt der CIA laut ihrem World Fact Book mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 69.900 Dollar als das reichste Land der Welt - knapp vor Luxemburg, das sich ebenfalls dank niedriger Steuern und Bankgeheimnis als Zentrum der Fondsbranche etabliert hat.

Die Beispiele zeigen, dass die etablierten Steueroasen inzwischen spezialisierte Finanzzentren mit geballtem Know-how geworden sind. Damit haben sie neben der Steuerersparnis ein zusätzliches Argument, um internationales Kapital anzulocken.

Das dürften sie für ihr Überleben auch brauchen, denn die Herkunftsländer des Kapitals vermindern den Anreiz, indem sie ihre eigenen Steuersätze senken. "Es ist ja gar nicht mehr notwendig, etwas kriminell zu machen", sagt Friedrich Schneider. "Sie können ganz legal Steuern sparen." Fast schon legendär in den Finanzabteilungen großer Unternehmen ist das "Malta-Modell". Malta, wie Zypern seit 2004 Mitglied der EU, erstattet Holdings einen Großteil der Steuern, die deren maltesische Tochterunternehmen zahlen ("International Trading Companies", die kein Geschäft in Malta betreiben). Auf diese Weise sinkt die Steuerlast auf unter fünf Prozent.

Selbst Offshore-Berater Jürgen Bittger empfiehlt den meisten Mandanten, in der EU zu bleiben. Dank der Niederlassungsfreiheit müssen die Finanzämter jedes in einem EU-Land registrierte Unternehmen akzeptieren, selbst wenn die Firma im Land des Registers kein Geschäft betreibt.

Eine deutsche GmbH könne beispielsweise eine Gesellschaft in Zypern besitzen, erläutert Bittger. Dort fallen nur zehn Prozent Ertragssteuern an, für Holdings sogar gar keine. Die deutsche Muttergesellschaft kann die Gewinne der Tochter steuerfrei einnehmen. Bittger schwärmt geradezu von dem Modell: "Zehn Prozent Steuern ist nicht viel, und dafür null Risiko."