Steuerplus Wohin mit all dem Geld?

Von und Kai Lange

5. Teil: Albrecht Müller, Ökonom: "Programm gegen Verwahrlosung und Verblödung"


"Es gibt viel zu tun in unserem Land. Deshalb fällt die Auswahl der Prioritäten für die Verwendung der zusätzlichen Steuergelder schwer. Dennoch ein Versuch.

Nationalökonom Albrecht Müller: "Dominanz des Fernsehens eindämmen"
DDP

Nationalökonom Albrecht Müller: "Dominanz des Fernsehens eindämmen"

Erstens: Ein Programm gegen die grassierende Verwahrlosung und Verblödung. Wer - wie es üblich geworden ist - mehr Ausgaben für Bildung fordert, kann über die fortschreitende Verblödung und Verwahrlosung durch die Dominanz des Fernsehens und anderer elektronischer Medien nicht schweigen. Wenig verlockende berufliche Perspektiven und mangelhafte Ausbildung tun ein Übriges. Schon vor der Kommerzialisierung des Fernsehens hatten wir in der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes die negativen Folgen vorhergesagt und auf Erfahrungen in den USA verwiesen. Heute gibt es mehr Studien dazu, unter anderem die des Hirnforschers Manfred Spitzer oder des Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer.

Hier gehen Potentiale verloren, die man mit noch so vielen Milliarden für Eliteuniversitäten nie und nimmer zurückholen kann. Was zu tun wäre, ist vielfältig, aber so teuer nicht: Regeln für die Medien zur Eindämmung der Kommerzialisierung, ein breites Aufklärungsprogramm bei Eltern und Jugendlichen und - etwas teurer - massive Hilfe für jene jungen Menschen, die heute keine Ausbildungschancen finden. Heute haben 11 Prozent aller Jugendlichen und 37 Prozent jener mit ausländischem Hintergrund keine abgeschlossene Berufsausbildung. 1,36 Millionen der 20- bis 29-Jährigen sind ohne Schulabschluss.

Dezidierte Bildungs- und Medienpolitik

Die Politik müsste die verheerende Wirkung der Kommerzialisierung und der Dominanz elektronischer Medien im Alltag vieler Menschen zum großen Thema machen. Sie würden damit bei der Mehrheit viel Zustimmung finden. Viele Eltern zum Beispiel fühlen sich und ihre Kinder heute hilflos dem massiv beworbenen Angebot ausgeliefert.

Zweitens: Ein Infrastrukturprogramm mit Schwerpunkt Verkehr und Umwelt. Trotz aller positiven Meldungen: die realen Wachstumsraten mit 2,7 Prozent für 2006 und vielleicht 2,4 in diesem und im nächsten Jahr bleiben bescheiden. In Schweden und Großbritannien konnte man in den neunziger Jahren sehen, dass eine Ökonomie mehrmals um die 4 Prozent wachsen und die Binnennachfrage gestärkt werden muss, damit die für den Binnenmarkt arbeitenden Teile der Industrie, der Einzelhandel, das Handwerk und die Gastronomie den Aufschwung spüren.

Eine gute Infrastruktur ist ein zentraler Standortfaktor. Die großen ökologischen Probleme, die mit dem steigenden Durchgangsverkehr mit Lkws entstehen, müssen durch eine stärkere Verlagerung auf die Schiene gemildert werden. Das verlangt Investitionen in intelligente Lösungen der Verkehrstechnik und in die Schieneninfrastruktur."



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